Ich empfehle das Bildblog und lese ihm die Leviten

Ich bin ein Fan von Bildblog.de. Die Website ist ein leuchtendes Beispiel für eine Stärke des freien und offenen Internets: Mit Hilfe eines Blogs kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, Missstände anprangern und einen gesellschaftlichen Akteur zur Rä­son rufen. Das Netz macht es möglich, dass ein paar Leute (laut Impressum sind es sieben) der vierten Gewalt auf die Finger sehen – wenn man ein Revolverblatt wie die Bildzeitung denn so nennen will.

Der Anlass, warum ich dem Bildblog heute eine Laudatio halte, liegt in einem Beitrag, mit dem ich absolut nicht einverstanden bin. Ja, das klingt widersprüchlich – aber wenn ich für einmal einen grundsätzlichen Einwand habe, dann macht das deutlich, wie häufig ich sonst einverstanden bin.

Der fragliche Beitrag ist anscheinend nicht im Blog selbst, sondern nur auf Facebook erschienen – was mich hier aber nicht daran hindern sollte, der Watchdog des Watchdogs zu sein:

Bei Bild.de erklärt ein «Experte für IT-Sicherheit», wie man sich «vor Hackern» schützen kann: unter anderem mit «einem Werbeblocker». Das Aktivieren eines solchen Werbeblockers führt dazu, dass man Bild.de nicht mehr aufrufen kann. Und da finden selbst wir: guter Tipp!

Mit der Kritik liegt das Bildblog daneben.

Klar, das ist eine keine Fundamendalkritik, sondern vielmehr eine kleine Pointe. Deswegen war der Beitrag wahrscheinlich auch nur auf Facebook und nicht im Blog selbst (zumindest meines Wissens nicht).

Trotzdem erlaube ich mir, in diesem Fall «Bild» zu verteidigen. Das hat ein kleines bisschen damit zu tun, dass ich auch schon in einer ähnlichen Situation war. Ich gebe auf den Newsnetz-Seiten ab und zu Tipps, was man gegen das Tracking tun kann. So schützen Sie sich vor Datenkraken auf dem Handy, Von moderat bis paranoid: Vier Methoden, sich online zu schützen, Facebook: Weniger Tracking – dafür mehr Spass! oder, schon etwas älter, Wie Sie sich vor Tracking schützen.

Bei den Newsnetz-Seiten gibt es zwar keinen Anti-Werbeblocker, der Leute abweisen würden, die die Werbung ausfiltern. Aber ein Tracking findet statt. Ich sitze in dem Fall mit dem Journalist von «Bild» im gleiche Boot: Man wirft uns beiden implizit Scheinheiligkeit vor. «Gute Tipps von Leuten, die sich selbst keinen Dreck daran halten». Das klingt tatsächlich lächerlich und falsch.

Doch dieser Vorwurf ist Unsinn. Und das sage ich nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern aus Prinzip. Bedenklich wäre nämlich nur der umgekehrte Fall: Wenn ein Journalist Informationen über Werbeblocker zurückhalten würde. Ein Journalist weiss, dass er bei einem Loyalitätskonflikt zwischen Lesern und Arbeitgebern den Lesern verpflichtet ist.

Gleich problematisch oder noch schlimmer wäre der Fall, wenn der Verlag – also die Instanz mit dem kommerziellen Interesse an der Werbung – Berichterstattung zu den Möglichkeiten gegen Internetwerbung unterbinden würde. Das würde bedeuten, dass die journalistische Unabhängigkeit nicht mehr gegeben ist.

Man spricht in dem Zusammenhang auch von der «Firewall»  zwischen Verlag und Redaktion: Die trennt die beiden Sphären und sorgt dafür, dass die Interessen des Verlagshauses als wirtschaftliches Unternehmen die Arbeit der Redaktion bei Berichterstattung und Aufklärung nicht tangieren.

Wir wissen alle, dass diese Firewall immer mal wieder durchbrochen wird. Bei dieser Frage funktioniert sie meiner Erfahrung nach aber absolut  einwandfrei. Ich habe noch nie auch nur ein Sterbenswörtchen an Kritik gehört, wenn ich über Werbeblocker und Anti-Tracking-Massnahmen geschrieben habe. Es ist völlig klar und unbestritten, dass das zum Themenbereich der Digitalredaktion gehört.

Umgekehrt ist es auch so, dass der Verlag selbst entscheidet, wie die Website ausgestaltet ist. Ich als Digitalredaktor habe keine Entscheidungsgewalt, ob Tracker X oder Y nun eingesetzt wird oder nicht.

Und das ist ebenfalls ganz gut. Hier bei meinem Blog, wo ich gleichzeitig verantwortlicher Redakteur und oberster Verleger bin, sehe ich das Dilemma: Wenn ich mit Internetwerbung experimentiere – was ich tue –, dann gibt es ein unvermeidliches Tracking durch Google. Das ist unvermeidlich. Zumindest so lange die Welt nicht meinem Vorschlag gefolgt ist und die Werbung endlich abgeschafft hat.

Beitragsbild: Die Brandschutzmauer steht im übertragenen Sinn auch zwischen Redaktion und Verlag (Viktor Forgacs/Unsplash, Unsplash-Lizenz.).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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