Hey Mark, so präsentiert man VR-Brillen

Die Teeologie gehört zu den vernachlässigten Rubriken dieses Blogs. Und die Nerdflicks. Immerhin habe ich bei den Nerdflicks eine gute Begründung. Und heute wieder ein mal einen Film, der so gut in diese Rubrik hier passt, dass man vermuten könnte, er sei extra für mich gedreht worden.

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Fürs Bewerbungsgespräch wird schnell die VR-Brille übergestülpt…

Der Film heisst Father of the Year bzw. zu Deutsch Vater des Jahres. Und er ist so fussnägelhochbiegend und fremdschamauslösend schlecht, wie es für diese Rubrik eigentlich Bedingung ist1. Denn hier geht es um die Filme, die man nur per Streaming konsumiert und für die man nie ein Kinoticket lösen oder Geld für eine Bluray aufwerfen würde. In dem Fall könnte man das noch nicht einmal tun, selbst wenn man wollte. Der Film wurde nämlich für Netflix produziert und läuft nur dort.

Er hat, zu meiner Verblüffung, sogar ein paar gute Aspekte. Da ist zum Beispiel David Spade, ein Schauspieler, den ich aus unklaren Gründen mag. (Ich vermute, es hat damit zu tun, dass ich seinerzeit die Serie Just Shoot Me auf dem TSR geschaut habe, weil seinerzeit nur auf dem TSR erträgliche Serien gelaufen sind.) Spade spielt Wayne, den einen durchgeknallten Vater. Und das tut er ganz gut, finde ich. Der andere Vater wird von Nat Faxon verkörpert. Das ist ein Schauspieler, der ebenfalls viele Filmkomödien auf dem Kerbholz hat, die ihm einen Platz im Fegefeuer der Cineasten-Hölle garantieren: Das grandiose Beerfest, zum Beispiel. (Ich wundere mich, dass dieser Film noch nicht in dieser Rubrik hier aufgetaucht ist.)

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… worauf sich der eh schon verwirrte Geist Waynes in dieser Szenerie wiederfindet.

Der zweite gute Aspekt ist, dass es natürlich die obligaten Witzchen unter der Gürtellinie gibt, dass die in diesem Streifen aber nicht so sexistisch ausfallen, wie das üblich ist. Im Gegenteil, im Vergleich der Geschlechter kommt Meredith (Bridgit Mendler) sexuell viel souveräner rüber als Ben (Joey Bragg). Sie hat ein so lockeres Mundwerk, wie es früher in ähnlichen Produktionen nur den coolen Jungs zugestanden wurde.

Und schliesslich – und das ist auch der Grund, weswegen ich den Film hier bespreche –, gibt es eine Szene im Film über Virtual Reality. Die ist natürlich genauso klamaukig, wie man es erwartet: Ben muss an ein Vorstellungsgespräch, das sein hipsteriger potenzieller Chef im virtuellen Raum führt. Sein Vater Wayne, der ihn aufgrund überraschend erweckter Vatergefühle begleitet, kommt mit der virtuellen Welt überhaupt nicht zurecht und versucht, sich der Tiere zu erwehren, die in der virtuellen Welt die Menschen verkörpern. Dabei schlägt er in der realen Welt diverse Leute K.O., sowie Mobiliar kurz und klein. Natürlich, es gibt das Versäumnis, dass die beiden Drehbuchautoren nicht erklären, weswegen Wayne nicht auf die Idee kommt, die Brille abzunehmen – die wäre selbst für eine Dumpfbacke wie Wayne nahe liegend. Aber so wünscht man sich, dass eine Oculus-Rift-Demonstration Mark Zuckerbergs einmal derart aus dem Ruder laufen würde.

Abgesehen davon ist es nicht unangemessen, dass der Film im Tomatometer bei Rotten Tomatoes mit 0 Prozent abschliesst. Ein Kritiker hat es ziemlich auf den Punkt gebracht:

You won’t hate the experience of watching it, but you’ll forget you saw it before it’s even over.

Es geht um die beiden Kumpels Ben und Larry, die ohne grosse Hintergedanken auf die Frage stossen, wessen Vater bei einem Kampf obenaus schwingen würde. Weil beide Väter nicht gerade Leuchten sind, sind sie sich uneins. Als Wayne, Bens Vater davon Wind bekommt, will er eine endgültige Antwort liefern – denn als arbeitsloser Alkoholiker hat er auch nichts anderes zu tun. Mardy, Larrys ist nicht davon angetan. Er ergreift die Flucht, worauf das alte Gewächshaus der Nachbarn zerstört wird. Daraus ergeben sich nun wieder andere Komplikationen…

… und viel mehr ist da auch nicht, ausser der kleinen Romanze mit Meredith, Bens altem Highschool-Schwarm. Es gibt ein bisschen schwülstige Sinn-des-Lebens-Suche Jugendlicher, die thematische Tiefe suggerieren soll. Es ist typisch, dass solche Adoleszenz-Komödien immer noch irgend einen etwas ernsthafteren Punkt streifen, um nicht ganz so platt dazustehen. Es führt allerdings bloss dazu, dass man ihnen ihre Plattheit nur noch deutlicher ansieht.

Auch das Filmkomödien-Klischee der unmöglichen sexuellen Beziehung wird in diesem Streifen nicht ausgelassen (hier: Larry mit Ruth, seiner alten Nachbarin), was es nur umso deutlicher macht, dass dieses Genre schon in den 1980ern altbacken wirkte. Netfix – und das ist ein bemerkenswertes Scheitern – hat mitgeholfen, die Fernsehserie zu revolutionieren. Aber Netflix schafft es nicht, die Klamaukkomödie in eine moderne Form zu bringen. Meines Erachtens haben Dick und Doof ein für alle Mal bewiesen, dass das Genre der Filmblödelei seine Berechtigung hat. Aber in dieser muffigen, sehr stereotypen Form hat es sich tatsächlich überholt. Könnte Sacha Baron Cohen die zeitgemässe Verkörperung sein? Vielleicht ja, wobei es auch kein Rezept sein kann, möglichst weit über die Schmerzgrenze hinauszugehen. Vielleicht sehe ich klarer, wenn ich dazu komme, Who Is America? anzusehen. Bis dahin vermute ich, dass der Erneuerer dieses Genres erst auf der Bildfläche (und bei Netflix) auftauchen wird, wenn Adam Sandler und seinesgleichen ihren Job an den Nagel hängen.

Autor: Matthias

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