Hölle und Verdammnis!

Im Beitrag Zeitschriften zum Flatrate-Tarif habe ich die Readly-App (für iPhone/iPad und Android) vorgestellt, mit der man (wie der Titel verrät) Zeitschriften zum Flatrate-Tarif digital lesen darf. Ich bin damals eher nüchtern an die Vor- und Nachteile herangegangen. Es gehört sich, die Euphorie zu zügeln, finde ich, wenn sich ein neues Geschäftsmodell derart nach Scheideweg anfühlt. Es kann sein, dass es sich zum finalen Räumungsverkauf entwickelt; zur letzten Rabattschlacht, bevor endgültig die Lichter ausgehen. Genausogut kann es auch sein, dass sich das neue Modell als zukunftsträchtig erweisen wird und die Zeitschriftenbranche rettet. Ja, vielleicht werden wir in Zukunft auch Magazine nach dem Prinzip von Netflix und Spotify konsumieren. Ich weiss es nicht und hoffe das beste.

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Eigenartige Faszination.

Ich komme nun auf das Thema zurück, weil ich Readly nun seit einiger Zeit nutze; und zwar mit zunehmender Begeisterung. Ich habe zwar nicht so viel Zeit, wie man angesichts der unzähligen Zeitschriften brauchen würde. Ich komme ja noch nicht einmal dazu, mein Abo für Republik.ch auch nur ansatzweise zu amortisieren. Das macht mir etwas Bauchweh. Denn ich würde es anfangs 2019 gerne verlängern. Aber so wenig, wie ich dazu gekommen bin es zu nutzen, rechtfertigt sich das eigentlich nicht. (Und ich will jetzt kein Blabla à la «Wenn es einem wert ist, dann findet man auch Zeit dafür!» hören. Stimmt nicht. Es gibt einfach mehr Dinge, die man tun könnte und gern tun würde, als der Tag Stunden und Minuten hat. Man muss sich entscheiden, und das ist hart.)

Was mir an Readly gefällt, sind zwei Dinge: Natürlich die schiere Masse. Die hilft mir beruflich bei der Themensuche. Die ist das schwierigste und nervenaufreibendste an meinem Job. Mit dem richtigen Thema steht und fällt ein Artikel – und da ich nebst meinem Brotjob auch noch hier im Blog und für publisher.ch schreibe und den Nerdfunk mitbestreite, habe ich einen beachtlichen Themenbedarf.

… und bevor hier jemand sagt, dass ich statt «Themensuche» doch gefälligst «Suche nach Artikeln, die ich abschreiben könnte» sagen sollte, muss ich einwenden: Nein, darum geht es nicht. Ein Artikel ist selten bis nie so gut oder passend, dass ich ihn 1:1 unter meinem Namen in ein anderes Medium verpflanzen würde – ganz abgesehen davon, dass ich das nicht tun würde, weil es unethisch ist. Und weil es mir mit meinen Artikeln schon passiert ist und es nervt.

Was natürlich auch ich tue, ist, nach Themen Ausschau zu halten, die in der Luft liegen. Es ist nämlich so, dass einem ein schöner Artikel inspirieren in eine gewisse Richtung zu forschen. Das Thema des Gedankenanstosses kommt dann im Resultat womöglich gar nicht mehr oder nur am Rand vor – und trotzdem war es wichtig, um die Sache ins Rollen zu bringen.

Der zweite Vorteil ist, dass man Medien lesen kann, für die man kein Geld ausgeben möchte. Da ist zum Beispiel die «Weltwoche», die jederzeit für einen Aufreger gut ist – und die manchmal auch lesenswerte Artikel enthält. Da gibt es auch abstruse Publikationen wie das im Screenshot abgebildete Machwerk. Da möchte man sich noch nicht einmal dabei erwischen lassen, wie man es am Kiosk durchblättert.

Zeitschriften sind ein hervorragendes Mittel, die Welt aus einer bestimmten Perspektive, durch die Brille einer gewissen Gruppe zu sehen. Das können Waffennarren oder Rechtspopulisten sein. Aber auch das Blättern in Managermagazinen oder hedonistischen Fitnessfreaks ist horizonterweiternd. Garten, Kuchenbacken, Hunde – die Bandbreite ist faszinierend.

Ich habe festgestellt, dass auch Tattoo-Zeitschriften eine seltsame Faszination auf mich ausüben: Ich weiss nun, was Startup-Tattoos sind. (Nämlich Motive, die man sich als Einsteiger stechen lassen könnte.) Ich habe den Nachwuchs-Tätowierer Jeremy D kennengelernt, bei dem «Talent wichtiger als Erfahrung ist». Und mit einer gewissen Überraschung habe ich zur Kenntnis genommen, dass eines der grössten Probleme der Branche die Terminfindung ist. Das hat irgend etwas mit dem so genannten «Post-Miami-Ink-Zeitalter» zu tun und führt zu Wartezeiten von bis zu zwei Jahren.

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Der Titel bezieht sich auf dieses Machwerk hier, das genauso schlimm ist, wie man es sich vorstellt1.

Fazit: IMHO sollte man keine einzige Kategorie in der Readly-App abwählen – nicht einmal «Jagen & Angeln», «Hochzeiten» oder «Dekor». Im Gegenteil: Man sollte auch mal in «Abenteuer Camping» schmökern, nachsehen, was die in «Halali» so schreiben und herausfinden, welche Frauenzeitschrift mit der weiblichen Seite der eigenen Persönlichkeit harmoniert. Einen Preis gibt es dafür allerdings: Man verhunzt sich nachhaltig die Auswahl, die einem die App unter «Empfohlen» anbietet.

Footnotes

  1. «Und wie ist das eigentlich mit dem staatlichen Gewaltmonopol in bestimmten Vierteln deutscher Grossstädte, wo dem Vernehmen nach längst die Scharia gilt?» 🤦 ^top

Autor: Matthias

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