50 shades of Eskimo

Manche Menschen, besonders Frauen, können offenbar mehr Farben unterscheiden als andere. Das behauptet die Wissenschaft, und das Klischee besagt, dass diese Fähigkeit besonders im Kleiderladen zur Geltung kommt. Und bevor jetzt eine Genderdebatte losbricht: Auch bei den Männern ist es so, dass manche deutlich lieber in Kleiderläden gehen als andere.

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Die chromgelbe Giraffe…

Jedenfalls ist Farbnamen (1 Franken für iPhone/iPad) eine lustige kleine App, die weiterhilft, wenn einem die Worte für eine bestimmte Farbe fehlen. Das kommt schliesslich häufig vor: Diese Farbe ist natürlich blau, aber eben ein bestimmtes Blau, das sicher einen eigenen Namen hat. Und wie heisst dieses Rot, das ins Orange tendiert? Und dieses Braun, das nicht kackbraun, sondern … ihr kennt das sicher auch. Wir sind schliesslich keine Eskimos und haben darum nicht 50 Begriffe für Schneeweiss.

Die App benennt Farben über die Kamera. Das tut sie, indem man bei der (etwas hochtrabend Augmented Reality genannten) Funktion mit dem markierten Pixel in der Mitte auf die gewünschte Farbfläche zielt. Man kann auch ein Bild laden und mit einer kleinen Lupe den Pixel markieren, dessen Farbe einen interessiert. Der Name wird dann angezeigt, und man kann ihn auch antippen, um die Farben in diversen Farbsystemen (RGB, CMYK, HSB und Hex) zu erfahren. Und man bekommt auch die korrespondierenden Pantone-Farben genannt.

Alternativ kann man in der Farbenbibliothek nach einem Namen suchen, wenn man wissen möchte, wie Türkisch Rosa, Karmin oder Korallenrot aussieht und worum es sich bei Kaltgrau oder der Drosseleier-Farbe handelt.

Natürlich die Experten unter euch werden nun aufschreien und laut Farbmanagement rufen. Und es stimmt ja: Es garantiert einem niemand, dass die Farben am iPhone-Display auch richtig dargestellt werden. Ich habe das Problem kürzlich im Beitrag Wie verlässlich sind die Farben bei iPhone und iPad? diskutiert. Für eine verlässliche Anzeige müsste man das Display kalibrieren können und man sollte mit den Untiefen der digitalen Farblehre vertraut sein.

Um Farben über die Kamera richtig zu identifizieren, wäre es nötig, ein neutrales Licht von einer bestimmten Helligkeit zu verwenden. Das kann man selbst überprüfen: Der angezeigte Farbname ändert sich, wenn man die untersuchte Farbfläche zum Licht hindreht oder nur schon ein bisschen mit dem iPhone wackelt. Es ist somit klar, dass die Angabe mit Vorsicht zu geniessen ist – benannt wird eigentlich nicht die Farbe, auf die man seine Kamera gerichtet hat. Benannt wir die Farbe, die am iPhone-Display zu sehen ist. Wenn man ernsthaft messen wollen würde, bräuchte man ein Gerät wie das Ral Colorcatch Nano, das mittels eines speziellen Nubsis auch Schatten und ähnliche Störfaktoren eliminiert. Das hat allerdings den Nachteil, 459 Euro zu kosten und nicht im Smartphone eingebaut zu sein.

Fazit: Es kommt darauf an, wofür man die App braucht. Ist man ein Schriftsteller, der um Worte ringt, dann wird die App gute Dienste leisten – denn dann geht es nicht um messtechnische Präzision, sondern um sprachliche Adäquanz. Wenn man dagegen eine Autolackiererei betreibt, dann könnte es für Unstimmigkeiten sorgen, wenn der Kunde sagt, dass er seinen Porsche gerne Zitronen-Limegelb gespritzt haben möchte, und man die Farbe genäss der Farben-App bestellt.

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United States Air Force Academy Blue (0, 75, 143) ist bei etwas anderem Lichteinfall übrigens Medium Electric Blue (6, 89, 160).

Wie irreführend Farbnanmen sind, zeigt übrigens das Chromgelb vom Screenshot, das in meinen Augen weder gelb noch chromig ist. Die App scheint richtig zu liegen, wie hier auch die Wilhelm Wasner Blattgold GmbH bestätigt. Aber es zeigt halt, dass nicht nur Farben, sondern auch die Farbnamen eine tückische Angelegenheit sind…

Zwei abschliessende Bemerkungen: Auch die im Beitrag 50 shades of Gäggeligääl besprochene App Pantone Studio erfasst Farben via Kamera. Sie benennt sie allerdings in Englisch und nicht in Deutsch, hat aber dafür noch ein paar spezielle Pantone-Tricks auf Lager.

Und: Es gibt die App auch in einer Gratisvariante, die aus irritierenderweise Farbnamen Pro heisst. Bei der sind die so genannten «Pro-Funktionen» über einen In-App-Kauf von einem Franken erhältlich.

Autor: Matthias

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