Ein Skeptiker testet die Apple Watch Series 7

Die Apple Watch war lange ein über­schätztes Gadget. Der Test des neuen Modells zeigt, dass aus dem Hype-Objekt ein alltags­taug­liches Hilfs­mittel geworden ist – Ver­besse­rungsvor­schläge habe ich trotz­dem.

Ich habe von Apple die neue Apple Watch Series 7 (Amazon Affiliate) als Testgerät erhalten und trage sie nun seit gut einer Woche abwechselnd mit der Series 5. Und auch wenn es kaum etwas gibt, was zu dieser Uhr noch nicht gesagt oder geschrieben wurde, erlaube ich mir trotzdem ein Resümee meiner Eindrücke. Denn es muss Leute geben, die an einem Urteil von einem Apple-Watch-Skeptiker interessiert sind.

Denn wie damals zur Series 5 ausgeführt, habe ich meine ursprünglich ablehnende Haltung revidiert, weil die Verkaufszahlen nur den Schluss zulassen, dass sie einem echten Bedürfnis entspricht; und weil Apple inzwischen damit vernünftige Dinge anstellt. Kurze Rekapitulation: Ich zähle Apple Pay dazu, die Mediensteuerung, die vielen Sensoren und Gesundheitsfunktionen, sowie die Möglichkeit, die Uhr als Fernauslöser für die Smartphone-Kamera zu verwenden. Und ich finde es praktisch, mittels Uhr das iPhone und den Mac entsperren zu können und hätte diese Funktion gerne auch für meinen Windows-PC.

Der Vor-Vorgänger hält sich wacker

Im Vergleich zum Modell aus der Series-5-Reihe, das ich bislang benutzt habe, sind die Veränderungen bei der Series 7 nicht so frappierend, dass das ältere Modell plötzlich alt und unattraktiv wirken würde. Im Gegenteil; auch die Variante von 2019 hält sich wacker, auch wenn die grösste Neuerung tatsächlich einen Nutzen hat.

Die wesentlichste Verbesserung ist das deutlich grössere Display. Es wird möglich, weil einerseits der Rand um die Anzeige geschrumpft und andererseits die Uhr etwas grösser geworden ist (41 und 45 Millimeter anstelle von 40 und 44 Millimetern). Fünfzig Prozent sei es gegenüber der Series 3 gewachsen, sagt Apple.

Series 5 und Series 7 nebeneinander. Die Grössenunterschiede sind beim genauen Hinsehen deutlich sichtbar.

Das macht sich positiv bemerkbar: Textlastige Benachrichtigungen sind mit weniger scrollen zu lesen und mein Eindruck ist, dass sich auch die Knöpfe und vor allem die Icons in der Wabenansicht auf dem Homescreen leichter treffen lassen. Das ergibt ein eindeutiges Plus an Benutzerfreundlichkeit, wobei die etwas grössere und schwerere Bauweise mich nicht stört – wenn man noch schmalere Handgelenke hat als ich, dann mag das womöglich anders sein.

Heller (falls man nicht den Theatermodus nutzt)

Die Uhr ist heller im Always On-Betrieb, d.h., wenn man das Display ständig eingeschaltet hat. Er war die grosse Neuerung bei der Series 5 und für mich damals ein wichtiger Faktor, weil mir eine Uhr, die nichts anzeigt, suspekt war.

Inzwischen muss ich einräumen, dass ich die Uhr sehr oft im Theatermodus verwende: Er sorgt dafür, dass das Display von allein nicht angeht, sondern nur dann strahlt, wenn die Krone oder die Seitentaste drückt. Das hat damit zu tun, dass ich nach wie vor mit zwei Smartwatches durch die Gegend marschiere (#TeamZweiUhren): Links meine vierjährige Garmin Fenix 5S, rechts die Apple Watch.

Die Fenix zeigt mir die Zeit an, sodass ich die Apple Watch für die Steuerung von Medien und Smarthome, fürs Bezahlen und als Sensorphalanx nutzen kann, was sich bei abgedunkeltem Display überaus positiv auf die Akkulaufzeit auswirkt. Mit dem ständig leuchtenden Display bin ich mit der Series 5 nicht immer über den Tag gekommen.

Weil die Akkulaufzeit nach wie vor ein Problem darstellt, kann die Series 7 schneller laden. Mit dem neuen Schnell­ladekabel mit USB‑C bekommt man in einer Dreiviertelstunde achtzig Prozent Akku hin. Damit muss man sie in der Tat nicht über Nacht auf die Ladeschale legen, was zum Beispiel das Schlaftracking verunmöglicht, sondern kann sie auch während des Nachtessens ausreichend aufladen, damit man sie im Bett tragen kann.

Hin und her, das ist nicht schwer

Eine Synchronisations-Unstimmigkeit bei zwei Uhren: Bei den Stehstunden scheint es so, als ob Apple nicht zählen könnte.

Ich habe mich jedoch auf einen anderen Modus kapriziert, der die Sache noch einfacher macht: Ich trage die Series 5 und Series 7 nämlich abwechslungsweise. Die eine lädt, die andere ist am Handgelenk. Das ist natürlich maximaler Luxus, funktioniert aber ausgezeichnet.

Die Uhr per Handheben mit dem iPhone verbinden.

Offensichtlich bin ich nicht der einzige, der das so macht. Dass Apple nichts gegen die Zwei-Uhren-Strategie hat, versteht sich von selbst, weil es manche Leute auf die Idee bringt, sich eine neue Uhr zu kaufen, selbst wenn die alte noch tadellos funktioniert. Man sieht es auch daran, dass die Synchronisation der Daten mit zwei Uhren problemlos funktioniert – mit der Einschränkung, dass es zwischendurch zu seltsamen Effekten kommt, wenn man die Uhr wechselt, nachdem man sie länger nicht aufgeweckt hat und noch Synchronisationsbedarf bestehen würde.

In der Watch-App am iPhone ist der Uhrenwechsel jedenfalls fester Bestandteil der Verwaltungsmöglichkeiten: Über den Knopf Alle Apple Watches links oben kommt man zu einer Übersicht der gekoppelten Uhren und hat die Option Automatisch wechseln zur Verfügung: Nach dem Anlegen und Freischalten via Passcode braucht man nur den Arm zu heben, um die aktuelle Uhr mit dem iPhone zu verbinden. Das ist schon recht clever.

Robuster, informativer, vielseitiger

Fazit: Es ist offensichtlich, dass Apple den Rhythmus bei der smarten Uhr gefunden hat und die richtigen Akzente setzt. Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die Uhr mit jeder Iteration noch etwas praxistauglicher wird – das neue Modell ist beispielsweise auch noch etwas robuster und besser vor Staub geschützt. Und mit neuen Sensoren werden die Möglichkeiten grösser. Den Sensor zur Messung der Sauerstoffsättigung im Blut gab es zwar schon beim Vorgängermodell, aber da ich die Generation ausgelassen habe, ist der für mich neu. Bislang hat er keine bahnbrechenden Erkenntnisse geliefert, was aber wohl auch nur bei einem unentdeckten Gesundheitsproblem der Fall gewesen wäre.

Aus meiner Sicht liegt das grösste Manko bei den Offline-Fähigkeiten der App (Was taugt die Apple Watch für die Offline-Nutzung?) und beim Sport finde ich eine dezidierte Sport-Uhr nach wie vor nützlicher (Garmin gegen Apple: Wer hat die bessere Sportuhr?). Ich halte die Fitness-Funktionen noch für verbesserungsfähig, weil ich die mitunter als Nötigung empfinde (Fitness-Gadgets, die Leistungsdruck erzeugen). Und wie gesagt, wäre etwas mehr Offenheit toll – zum Beispiel gegenüber Windows-Nutzern.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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