Ein Fazit nach bald fünf Jahren Apple Watch

Als im April 2015 die Apple Watch auf den Markt kam, war ich einer der ersten Tester. Ich war damals aber alles andere als begeistert. Apple hat es damals nicht geschafft, mich von der Notwendigkeit dieses Gadgets zu überzeugen.

Und noch schlimmer: Weil es die Uhr nicht nur mit vernünftiger Ausstattung in einem akzeptablen Preisrahmen gab, sondern auch in Gold mit einem fünfstelligen Preisschild, habe ich das als Auswuchs jener Börsen-Logik wahrgenommen, die mir ziemlich zuwider ist.

Diese Logik funktioniert so, dass öffentlich gehandelte Unternehmen zur Befriedigung der Aktionäre und Analysten zu einem konstanten Wachstum verdammt sind. Das wiederum hat zur Folge, dass die Unternehmen ständig in neue Märkte expandieren müssen.

Mit zwei unangenehmen Konsequenzen: Erstens ist die Gefahr gross, dass das Ursprungsgeschäft leidet. Zweitens ist es fast unvermeidlich, dass Unternehmen mit dieser Strategie zu unsympathischen Molochen heranwachsen. Es scheint mir quasi unmöglich, dass ein Konzern ab einer gewissen Grösse noch ethisch handelt und den einzelnen Kunden wahrnimmt. Ein Beispiel dafür – das allerdings Apple explizit nicht betrifft – sind die Militär-Deals der grossen Tech-Unternehmen.

Ob die Theorie wirklich stimmt, müssten Wirtschaftsethiker klären. Ich an dieser Stelle habe einen anderen Plan. Nämlich, meine ursprüngliche Einschätzung einer Überprüfung zu unterziehen. War meine Ablehnung der Apple Watch damals gerechtfertigt? Die Zeit ist reif für diese Frage, denn es gibt die Apple Watch bald auch schon fünf Jahre.

Bislang haben sich erste wenige Apps als unverzichtbar erwiesen.

Man muss festhalten, dass die Uhr keine Eintagsfliege war. Es gibt sie noch, und sie findet ihre Anhänger. Nicht nur das: Apple übertrumpft die ganze Schweizer Uhrenindustrie. Apple hat nach Schätzungen von Analysten 2019 30,7 Millionen Stücke verkauft, während sämtliche Uhrmacher hierzulande 21,1 Millionen Stücke losgeworden sind.

Nun ist der Vergleich mit Stückzahlen unsinnig, da die Apple Watch ab 229 Franken zu haben ist, man bei einer typischen Schweizer Uhr aber gerne eine Null anhängen darf. Das sind zwei unterschiedliche Märkte, die sich nicht vergleichen lassen – gerade auch, weil Apple das Luxussegment wieder verlassen hat. Das war vernünftig; zumal diese Goldvariante angesichts der Kurzlebigkeit des technischen Innenlebens von Anfang an eine Fehlkonzeption war.

Da offenbar auch Apple daran gelegen ist, dass ich meine Meinung zur Uhr überdenke, habe ich seit einiger Zeit eine Apple Watch zum Testen. Es ist ein Modell der Series 5 mit LTE (A2156) in Edelstahl (Amazon Affiliate). Es ist die Variante mit 40 Millimeter Durchmesser. Bevor ihr fragt: Ja, ich habe die Handgelenke eines dünnen Mädchens.

Also, ich werde über die Uhr sicherlich noch detaillierter schreiben. Hier erst einmal ein Fazit – nämlich, dass ich nach wie vor hinter meiner ursprünglichen Einschätzung stehen kann. Die lautete wie folgt:

Als Fazit erlebte ich die Bedienung der Uhr als durchdacht, aber dennoch nicht als intuitiv. Apple ist es nicht gelungen, die Limitationen des sehr kleinen Bildschirmchens durch einen Geniestreich zu überwinden. Die wenigen Quadratzentimeter Displayfläche schränken einerseits die vermittelbaren Informationen stark ein, andererseits sind auch bei der Steuerung Kompromisse unumgänglich. Die digitale Krone ist, gemessen an der Eleganz der Mehrfingerbedienung, ein Rückschritt.

Es gibt Leute, die können sich tagelang über die Zifferblätter unterhalten (gäll, Rafael Zeier). Ich mags am liebsten schlicht.

Das ist auch nach fünf Jahren noch so. Es gibt natürlich Verbesserungen: Die Uhr nimmt uns gewisse Manipulationen ab. Sie startet beispielsweise selbstständig die Aufzeichnung einer Aktivität, wenn man das vor Antritt der Jogging-Runde unterlassen hat. Weil man (fiktives Beispiel), die richtige App nicht gefunden hat und Siri aus unerfindlichen Gründen gerade nicht kooperativ war.

Doch für meinen Geschmack versteht die Uhr noch immer zu wenig von dem, was ich gerade tue, um mich möglichst sinnvoll dabei zu unterstützen. In einer idealen Welt sollte ich niemals gezwungen sein, die richtige App hervorzusuchen – sondern die auf Verdacht hin präsentiert bekommen.

Mir ist klar, dass das nach dem aktuellen Stand der Technik eine Wunschfantasie ist. Aber ich stelle fest, dass ich einfach nicht sehr viel Lust habe, allzu ausführlich einem kleinen, an meinem Handgelenk befestigten Gerät herumzudoktern. Das gilt übrigens auch für meine heissgeliebte Garmin-Uhr. Aber die hat nicht wie die Apple Watch den Anspruch, ein universelles Gadget zu sein. Sie ist vor allem für den Sport da: Und da brauche ich nur zweimal auf den Knopf rechts oben zu drücken, um das Tracking meiner Sportrunde zu starten.

Also, hier einige Beobachtungen, die mir nach den ersten Tagen bemerkenswert erscheinen:

Das Always-on-Display. Für mich unverzichtbar bei einer Uhr. Eine schwarze Anzeige ergibt keinen Sinn – es sieht so aus, als ob der Uhr vorzeitig der Strom ausgegangen wäre. (Die Laufzeit des Akkus halte ich übrigens nach wie vor für viel zu knapp – meine Garmin hält locker fünf Tage durch.) Eine Uhr muss immer etwas anzeigen, sonst ist sie nutzlos.

Benachrichtigungen. Sie sind mindestens ebenso oft störend wie nützlich. Aber ich schätze, dass man sie separat und detailliert konfigurieren kann. Wenn man sich die Mühe macht, das wunschgemäss zu tun, dann lässt sich der Störfaktor auf ein akzeptables Niveau reduzieren.

Mediensteuerung. Sehr praktisch – namentlich für Spotify. Da zu Hause das iPhone oft irgendwo liegt, ist es angenehm, wenn man an der Uhr einen Song überspringen oder als Favorit hinzufügen kann.

Apple Pay. Das funktioniert auch mit der Uhr einwandfrei und ist ein grosser Mehrwert. Ohne Handy und Portemonnaie aus dem Haus gehen und trotzdem ein Sandwich oder ein Getränk kaufen zu können, bedeutet mehr Lebensqualität.

Offline-Medien. Mit meiner Podcast-App Pocket Casts und der Audible-App ist es möglich, Inhalte auch auf die Uhr zu bringen. Wie gut und einfach das funktioniert, muss ich noch ausprobieren. Aber es könnte sein, dass das im Beitrag Wie man sich den SUV an den Oberarm schnallt beschriebene Problem mit der Uhr elegant gelöst wird.

Apps. Viele Apps sind auch auf der Uhr vertreten. Bisher habe ich nur wenige entdeckt, die wirklich zwingend sind. Eine, die mir sehr gut gefällt, ist Water Minder (siehe Wasser statt Wein predigen (und trinken)). Den Konsum eines Glases Wasser schnell über die Uhr protokollieren zu können, hilft, dass man es nicht vergisst.

Diese App gibt es nur für Apple-Watch-Besitzer. Dabei bezieht sie ihre Daten von Apple Health.

Aktivitäten-App auf dem iPhone. Die ist nützlich. Aber warum gibt es die nur in Kombination mit der Apple Watch? Dank Apple Health und diversen Fitnesstrackern sind dort alle meine Aktivitäten seit 2015 erfasst.

Navigation. Sich von der Uhr durch den Grossstadt-Dschungel leiten zu lassen, ist naheliegend. Auch beim Velofahren ist die Funktion praktisch, wenn man die Halterung gerade nicht griffbereit hat. Trotz des kleinen Displays funktioniert die Navigation gut – mit der grossen Einschränkung, dass jede popelige Benachrichtigung die Wegleitung zum Verschwinden bringt.

Fernauslöser für die iPhone-Kamera. Die Funktion hatte ich noch nicht im Praxiseinsatz. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass sie nützlich ist. In Kombination mit dem Pivo Pod (siehe Zeit, dass sich was dreht) oder wenn man das iPhone als 3-D-Scanner benutzt.

EKG. Die Funktion ist faszinierend, auch wenn sie mir bislang nicht das Leben gerettet hat.

Geräusche. Die Uhr misst die Lautstärke der Umgebungsgeräusche und gibt eine Einschätzung ab. Dafür gibt es natürlich auch Apps fürs Smartphone. Aber so eine Funktion ist am Handgelenk schneller zugänglich und ich nehme an, dass die Uhr auch besonders genau misst, da sowohl Hard- als auch Software von Apple kommen.

Das Sporttracking. Diese Funktion werde ich noch separat besprechen und mit der Garmin-Uhr vergleichen. Der erste Eindruck ist allerdings nicht sehr gut: Beim zweiten Test hat die Apple Watch nicht meine ganze Joggingstrecke getrackt. Ein Teilsegment war als Radfahren erfasst, was nun einfach völliger Humbug ist. (Auch wenn ich wahrscheinlich wirklich sehr schnell gerannt bin.) Und die Touch-Screen-Bedienung mit schweissnassen Fingern ist schwierig.

Fazit: Im Beitrag Die Euphorie ist weg habe ich das zurückliegende Jahrzehnt aus technischer Sicht analysiert und zu den Smartwatches geschrieben, dass sie die Erwartungen nicht erfüllt haben: «Eine smarte Uhr ist und bleibt ein Anhängsel zum Smartphone.» Und das stimmt: Die Revolution ist ausgeblieben. Aber klar: Wir Tech-Freaks haben die seltsame Eigenschaft, uns auch über kleine Verbesserungen zu freuen. Darum: Der Anfang einer Versöhnung ist getan.

Beitragsbild: Die Apple Watch am rechten Handgelenk. Das linke bleibt der Fenix von Garmin vorbehalten.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Ein Fazit nach bald fünf Jahren Apple Watch“

  1. Ich war bei der Apple Watch zuerst auch sehr zurückhaltend. Heute ist sie für mich das bevorzugte Zahlungsmittel mit Apple Pay und ich nutze sie zudem meinen Puls tagsüber aufzuzeichnen. Kurze Messages schreiben ist auch sehr praktisch, ohne das iPhone hervornehmen zu müssen.

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