Die Welt hat nicht auf die Apple Watch gewartet

Nicht an meinem Handgelenk.

Interessiert hier jemanden, was ich über die Apple-Watch und andere Wearables denke?

Vermutlich nicht, aber wenn Interesse des Publikums das ausschlaggebende Kriterium wäre, würde in diesem Blog nur once in a blue moon ein Beitrag erscheinen. Und wo wir doch schon bei meinen Ansichten sind, die die Welt wahrscheinlich nicht interessieren: Once in a blue moon heisst so viel wie einmal pro Monat oder etwas umgangssprachlicher: Alle Jubeljahre. Aber die englische Formulierung ist halt viel poetischer als unser abgeklärtes Deutsch.

Also werde ich nun der Welt meine Meinung zur Apple Watch aufdrängen, um die möglicherweise auch wieder korrigieren zu müssen. Wäre nicht das erste Mal: Mich lässt die Apple Watch nach wie vor kalt – und daran hat auch der näher rückende Lancierungstermin nichts geändert. Ich verstehe die wirtschaftliche Logik, die Apple dazu bringt, in neue Märkte zu expandieren. Mir leuchtet ein, dass der Luxus-Markt verlockende Margen verspricht und aufgrund Apples Fokus aufs Design in gewisser Weise auch folgerichtig ist. Aber wir ich bin im zwinglianisch geprägten Kanton Zürich aufgewachsen, und da neigen wir nun mal eher zum Puritanismus als zur Schwelgerei in materiellen Gütern. Was den Sympathiefaktor angeht, habe ich es mit den Unternehmen, die nützliche und zweckmässige Dinge zu einem sinnvollen Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten. Qualität ja – deswegen kann ich durchaus zu viel Geld für ein Macbook ausgeben – aber reine Statussymbole nein. Das heisst nicht, dass ich grundsätzlich davor gefeit bin, eine zu teure Uhr zu kaufen. Aber wenn ich das tun würde, dann müsste die in irgend einer weise beeindruckend sein: Durch ihre auf Tausendstel Millimeter gefertigte Feinmechanik, beispielsweise. Etwas, das einfach nur teuer ist, weil Gold daran klebt oder Edelsteine darauf gepappt wurden, empfinde ich doch eher als ordinär.

Nicht nur für Mr Goldfinger
Nun kann man sagen, dass es die Apple Watch ja nicht nur in 18 Karat Roségold für X-tausend Franken gibt, sondern auch in der Sportvariante aus Aluminium. Seis drum. Das ist zu weit von den Produkten entfernt, die mich beeindruckt haben, als Apple noch der Underdog, aber cool war: Auf der Angelegenheit bin ich im Beitrag Popeliger Plastikscreen, goldenes Gehäuse herumgeritten.

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Liebesgrüsse von Mr Goldfinger

Wearables sind meines Erachtens unvermeidlich, aber am Handgelenk falsch platziert. Ich trage seit Jahren keine Uhr mehr, sondern nur ein Armband als Leder. (Ein Geschenk meiner Liebsten.) Nackte Handgelenke passen mir ganz gut. Sie sind für häufige Tastaturarbeit am besten geeignet. Und als Brillenträger würde ich wichtige Informationen sowieso gern am liebsten in meiner smarten Brille sehen. Für die Fussgänger-Navigation gibt es nichts Besseres. Bei den Benachrichtigungen wären häufige Einblendungen im Gesichtsfeld allenfalls nerivg. Die können nur funktionieren, wenn man ein feines Regelwerk zur Steuerung bekommt, dass man nur mit den Informationen belästigt wird, die man auch sofort sehen möchte.

Mit smarten Brillen interagieren
Jetzt dürften manche einwenden, dass es bei den Smart-Glasses keine vernünftigen Interaktionsmöglichkeiten gibt. Sprachsteuerung macht einen unweigerlich zum Honk hoch zwei und bei Gestensteuerung (was, so lässt einen die Microsoft HoloLens vermuten, technisch möglich wäre), würde man auch nicht gerade den Eindruck von vortrefflicher geistiger Gesundheit vermitteln – wild fuchtelnd würde man wahrscheinlich irgendwann mal von einem hilfsbereiten Polizisten in die Gummizelle geleitet. Wie in der Sendung mit Rafael Zeier angedeutet, könnte ich mir einen Ring oder eine Art Fingerhut für Gestensteuerung vorstellen. Durch Reiben von Zeigefinger und Daumen aneinander könnte man wunderbar scrollen und indem man die Finger gegeneinander drückt, klicken. Das klappt sogar, wenn man die Hand in der Hosentasche hat. Und keiner merkt, wenn man auf diese Weise ein Menü in seiner smarten Brille durchblättert.

Ich bin ein Fan der Selbstvermessung, würde aber wohl nicht so weit gehen, jeden Morgen eine Armbinde überzustreifen, die Dinge wie Puls und Blutdruck viel besser messen kann als ein Gadget am Handgelenk. … halt, doch, natürlich würde ich das tun, wenn die dazu gehörende App mir besondere Selbsterkenntnisse versprechen würde. Jedenfalls scheint mir auch hier klar, dass auch für Fitness- und Gesundheitssensoren das Handgelenk der falsche Ort ist. Mutmasslich wären Rektalsonden besonders erkenntnisreich (warum wären die Ausserirdischen sonst so versessen auf ihre Anal probes?), doch ich fürchte, auf diesen Zug wird so schnell keiner der Fitnessgadget-Hersteller aufspringen. Obwohl Nike nach der Einstellung des Fuelbands eine Lücke im Produktportfolio hätte.

So ginge es richtig
Dem Erfolg der smarten Uhren steht IMHO die Geschäftslogik der grossen Unternehmen entgegen. Sie allen wollen den Markt mit ihren Produkten dominieren. Schöne, einleuchtende und begehrenswerte Accessoires fürs Handgelenk würden allerdings dann entstehen, wenn statt Vorherrschaft die Kooperation im Zentrum stehen würde. Eine edle Uhr eines renommierten Uhrenherstellers (beispielsweise aus der Schweiz), die mit einer kleinen smarten Komponente erweitert würde, könnte sogar den Puritaner in mir in Versuchung bringen. Ein dezentes Display hinter dem Ziffernblatt und echten Zeigern, das nur wenige, aber dafür sehr gezielte Informationen preisgibt? Das könnte mir gefallen. Die Zusammenführung von Feinmechanik und Hightech wäre etwas Neues und würde Tradition und Moderne auf ansprechende Weise verbinden. Das resultierende Ding hätte sowohl den Namen «Uhr» als auch das Prädikat «smart» verdient. Aber Apple würde sich wohl eher in eine gemeinnützige Organisation umwandeln, als diesen Weg zu gehen. Eigentlich schade.

Autor: Matthias

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