Die iCloud ist für alles gut – ausser für Musik

Ich habe Android unrecht getan, als ich Googles Betriebssystem für den Heckmeck mit lokalen Musikdateien kritisiert habe. Apple und das iPhone sind noch schlimmer.

Ich bin kein Freund von Apple Music. Meine ursprüngliche Aversion rührt daher, dass mit der Einführung des Streamingdienstes die Musik-App am iPhone massiv gelitten hat. Die App ist in erster Linie fürs Streaming da, die lokalen Musikdateien werden stiefmütterlich behandelt. Die Genius-Funktion ist verschwunden, die Verweise auf Apple Music allgegenwärtig. Und trotzdem kann Apples Angebot Spotify eben nicht das Wasser reichen.

Das grösste Problem mit Apples Musik-App ist mir aber erst neulich bewusst geworden. Ich habe mich im Beitrag Android hat kein Musikgehör darüber beklagt, wie umständlich es ist, Musikdateien auf ein Telefon mit Googles Betriebssystem zu verfrachten und demgegenüber das iPhone in ziemlich hohen Tönen gelobt.

Diese Töne sind mir vergangen, als ich neulich ein paar Songs aus meiner .lokalen Musiksammlung aufs iPhone bringen wollte. Denn das ist auch im Apple-Universum kompliziert und viel umständlicher, als es sein müsste.

Das liegt an Apples Hang, alles mit allem zu verzahnen und an allen Ecken und Enden ein paar Extra-Dollars zu verdienen: 2011 ist der Konzern auf die grandiose Idee gekommen, die lokale Musiksammlung mit dem iTunes Music Store zu verheiraten. Diese mit iTunes 11 eingeführte Funktion heisst iTunes Match und bringt die Musik aus der lokalen Sammlung auf andere Geräte, die mit der gleichen Apple-ID verbunden sind.

35 Franken, nur um Musik vom Mac aufs iPhone zu verfrachten

Dieser Luxus kostete den Nutzer damals solide 35 Franken im Jahr, hat aber immerhin den angenehmen Nebeneffekt, dass man seine Musiksammlung qualitativ aufbessern kann. Ich habe das Vorgehen im Beitrag MP3s umtauschen beschrieben.

Heute steht der Musik Store nach wie vor offen, doch wie eingangs erwähnt bevorzugt Apple das Streaming. Infolgedessen wird der Musikabgleich an Apple Music gekoppelt. Es gibt die Option Mediathek synchronisieren, die am iPhone und iPad in den Einstellungen in der Rubrik Musik zu finden ist und am Mac über die Musik-App via Musik > Einstellungen eingeschaltet wird. Falls ich mich nicht irre, ist das die Funktion, die früher iCloud-Musikmediathek, bzw. iCloud Music Library hiess.

Seit 2011 hat sich hier nicht allzu viel getan – und sogar der Preis ist noch gleich wie vor zehn Jahren.

Doch auch diese Synchronisation gibt es nicht gratis: Man braucht ein Abo für Apple Music oder aber iTunes Match, das nach wie vor existiert und wie am allerersten Tag 35 Franken pro Jahr kostet.

Das ist, mit Verlaub, unverschämt. Das Matching, das 2011 eine Innovation war, ist heute keine Notwendigkeit mehr. Für mich hat es sich schon 2014 überlebt – damals habe ich iTunes Match gekündigt.

Apple nützts – und der Nutzer bezahlt

Wenn man ganz streng sein will, kommt man zum Schluss, dass die Funktion schon damals vor allem Apple genützt hat. Das Matching hat nämlich den Speicherbedarf auf den Servern fürs Bereithalten der Musiksammlungen von Millionen von Nutzern massiv verringert. Dank dieser Funktion müssen nur die Songs effektiv gespeichert werden, die nicht im Store vorhanden sind. Alle anderen liefert Apple aus dem eigenen Bestand aus. Und für diese Sparmassnahme hat Apple die Nutzer noch zahlen lassen – eigentlich genial.

Doch heute hat sich die Welt gewandelt. Ich bezahle drei Franken pro Monat für einen iCloud-Speicherplan, der ausreichend Reserven für meine Musiksammlung bereithält.

Es wäre also das naheliegendste Ding überhaupt, die Musik zu behandeln wie alle anderen Inhalte und sie per Datenwolke bereitzuhalten. Doch ich stelle fest: In der iCloud sind alle Daten gleich – mit Ausnahme der Audiodateien.

Es bleibt die Kabel-Synchronisation wie vor 15 Jahren

Der eigene Bestand an Audiodateien lässt sich nicht via Cloud auf allen Geräten nutzen, weil Apple auf Biegen und Brechen Apple Music an die Nutzerschaft bringen will. Und ich bin überzeugt, dass iTunes Match nur deswegen noch existiert, dass Apple sich nicht den Vorwurf gefallen lassen muss, Apple Music würde Nutzern aufgenötigt, die diesen Dienst gar nicht wollen und brauchen.

Als Alternative dazu bleibt nur die Synchronisation wie zu Zeiten des iPods, also per Kabel. Oder, immerhin das ist ein Fortschritt, per WLAN.

Aber es bleibt dabei: Der Umgang mit Musik ist granatenhaft benutzerunfreundlich. Und das ist eine Schande für das Unternehmen, das den iPod erfunden und die digitale Musik revolutioniert hat.

Ein Trick bleibt – zumindest für gekaufte Songs

Über die iTunes-Store-App bringt man die gekauften Songs aufs iOS-Gerät.

Eine Hintertür habe ich für Songs gefunden, die im iTunes Music Store gekauft worden sind: Sie stehen in der Musik-App zur Verfügung, auch wenn sie nicht synchronisiert worden sind.

Sollte etwas fehlen, findet man es mutmasslich über die iTunes Store-App: Man tippt aufs Mehr-Menü mit den drei Punkten in der rechten unteren Ecke, wählt Käufe aus der Auswahl, dann Musik und findet eine nach Interpret sortierte Liste aller gekauften Songs.

Zuoberst steht der Punkt Zuletzt gekaufte Artikel, über den immerhin 250 Tracks aufgeführt werden. Die lassen sich einzeln herunterladen. Über den Knopf Alle laden ist es auch möglich, sie in einem Rutsch aufs Gerät zu verfrachten, was die ärgsten Lücken schliessen sollte. Es bleibt aber dabei, dass Wiedergabelisten auf diesem Weg nicht abgeglichen werden.

Beitrag: Ohne Apple Music spielt hier gar niemand (Snapwire, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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