Android hat kein Musikgehör

Googles schönes Smartphone-Betriebssystem ist eine komplette Nullnummer, wenn es um anspruchsvollen Musikgenuss geht.

Neulich habe ich zum würdigen Gedenken an Lou Ottens einige Musik-Apps vorgestellt. Ottens gilt als Vater der Kompaktkassette und die Apps haben dementsprechend den Sinn und Zweck, diese Erfindung in post-analoger Form wiederaufleben zu lassen: Das Handy wird zum Walkman, in den man seine digitalen Audiodateien einlegt. Eine der Apps, nämlich Cassette Gold, habe ich vor einiger Zeit hier im Blog im Beitrag Der Walkman lebt vorgestellt.

Bei den Tests für meinen Artikel habe ich mir auch einige Apps für Android angeschaut und bin ich in die Verlegenheit gekommen, zu Demonstrationszwecken einige Musikdateien auf das Nokia 7.2 (Nokia ist zurück) befördern zu müssen.

Naiv wie ich bin, dachte ich, das ginge so einfach wie beim iPhone: Dort ist das transparent gelöst. In den Einstellungen einer Musik-App legt man via Datenschutz und Medien & Apple Music fest, ob eine App auf die lokale Mediathek und die Wiedergabelisten zugreifen darf. Hat man die Berechtigung erteilt, tauchen auch die Musikstücke in den Dritt-Apps auf: Simpel und zweckmässig. (Hier im Detail beschrieben.)

Nicht so bei Android:

Play Music: Zwar tot, aber trotzdem top platziert

An dritter Position im Play-Store: Eine App, die es nicht mehr gibt.

Beim Nokia 7.2 ist standardmässig keine Musik-App installiert. Sucht man im Play-Store nach Musik, erscheinen unter der Werbung für Spotify diverse Apps, von denen mir manche dubios erscheinen. Denn welcher seriöse Hersteller würde sein Audio-Wiedergabe-Progrämmchen «Gratis Musik» nennen?

Der einzig mir bekannte Titel in der Liste ist Google Play Music: Er lässt sich herunterladen und installieren, doch beim Starten weist er einen darauf hin, dass es den Play-Music-Dienst gar nicht mehr gibt. Das hatte ich anfangs Februar vermeldet, die App aber trotzdem ausprobiert: Es hätte ja sein können, dass sie bei Android noch als Offline-Player fungiert.

Da spielt die Musik nicht mehr.

Aber nein: Sie tut nichts anderes mehr, als hoffnungs­frohe Nutzer auf Youtube Music zu verweisen. Nun bin ich zwar der Meinung, dass Youtube Music ein gewaltiger Rückschritt ist, aber trotzdem habe ich Googles jüngstes Musikbaby installiert: Eine mittelmässige App ist immerhin besser als gar keine.

Und ja, Youtube Music erfüllt den Zweck. Doch die App nervt schon bei der ersten Verwendung: Als ich eine Wiedergabeliste herunterladen will, erscheint der Hinweis, es könnten nur «hochgeladene Musiktitel offline abgespielt werden», und ich solle doch gefälligst «Premium-Mitglied werden».

Youtube Music will einem erst einmal das Premium-Abo andrehen.

Dieser Hinweis ist unnötig, da alle Titel der Playlist aus meiner lokalen Musiksammlung stammen.

Aber dass Apps als Marketing-Vehikel herhalten müssen, ist nichts Neues. Vor drei Jahren hat auch Apple seine Musik-App mit penetranter Werbung für den hauseigenen Streamingdienst ausgestattet. Damals für mich eine gute Gelegenheit, die Alternativen fürs iPhone und iPad auszuloten: Musik-Apps, die einem nicht bloss Apple Music andrehen wollen.

Die Erkenntnis: Bei iOS ist die Auswahl gross und es gibt hervorragende Ausweichmöglichkeiten. Bei Android ist mir kein Kronfavorit und noch nicht mal eine Schwar mit Thronanwärtern begegnet – sonst hätte ich die hier vorgestellt. Aber falls jemand einen heissen Tipp hat, ab damit in die Kommentare!

Der Musikordner bleibt leer

Immerhin, der Download der Wiedergabeliste klappt und die Songs könnten jetzt mit Youtube Music offline angehört werden. Ich wechsle zur App Casse-o-player, um die es in meinem Test unter anderem geht, um zu prüfen, ob die Offline-Songs nun auch dort vorhanden sind.

Das sind sie allerdings nicht: Die Mediathek dort ist nach wie vor leer. Das liegt daran, dass Youtube Music die Offline-Songs irgendwo speichert, aber nicht im Musikordner (/storage/emulated/0/Music), der für diesen Zweck sinnvoll wäre.

Also versuche ich folgende Dinge:

Google Drive: Wo ist die Möglichkeit zum Download meines Musik-Ordners?
Onedrive will keine ganzen Ordner herunterladen.

1) Ich lade unter Windows ein paar Titel bei Google Drive hoch, um sie aufs Android-Telefon zu befördern.

Doch in der Drive-App finde ich keinen Befehl, um den Musikordner als Ganzes herunterzuladen. Es gibt eine Download-Möglichkeit für einzelne Titel. Aber wer will seine Musiksammlung Song für Song aufs Handy transferieren?

2) Ich wiederhole den gleichen Versuch mit Onedrive. Hier gibt es den Befehl Offline verfügbar machen, aber keine Download-Möglichkeit.

Kein Musikgehör für die Cloud

3) Die Casse-o-player-App  hält in der Playlist-Ansicht (rechts unten beim Plus-Symbol) auch die Möglichkeit bereit, über den Befehl Files and Clouds direkt auf die im Google Drive gespeicherten Musikdateien zuzugreifen. Die Dateien aus der Cloud erscheinen brav in der Liste – doch sie werden nicht abgespielt. Und ich sehe keine Möglichkeit, einen Ordner oder eine ganze Ordnerstruktur in die Wiedergabeliste zu importieren.

Musikdateien lassen sich Teilen – bloss nicht mit Musik-Apps.

4) Also, wie wäre es, wenn man einen einzelnen Song über den Teilen-Befehl an eine der Musik-Apps weiterreichen würde? Eine einleuchtende Idee – nur dumm, dass in diesem Teilen-Menü keine der installierten Musik-Apps auftaucht. (Ausser VLC, um den es für einmal aber nicht geht.)

5) Ich lande wieder bei Google Drive und lade einen einzelnen Song herunter. Er landet im Download-Ordner, aus dem ich ihn mit einigem Gewürge in den Musik-Ordner verschiebe.

Ich wage dazu einen Versuch mit der Google Drive App, mit der ich nicht glücklich werde. Können wir festhalten, Google, dass diese Drive-App Schrott ist? Ich habe die Dateien-App von iOS oft gescholten, aber im Vergleich zu der traurigen Nummer ist die grossartig.

Die Verschiebeaktion klappt mit der Android-Version von TotalCommander, die ich in der Windows-Version im Beitrag Daten schieben wie anno Domini ausführlich gewürdigt habe.

Doch auch jetzt sehe ich weder bei Casse-o-player noch bei der zweiten, zu Kontrollzwecken installierten Musik-App (Musik-Player von JRT) meinen Titel. Langsam geht mir dieses Android wirklich auf den Keks.

Die Direktverbindung wird direkt verweigert

So viele Möglichkeiten – und keine funktioniert.

Also suche ich ein USB-C-zu-USB-C-Kabel und verbinde das Nokia-Telefon mit meinem Mac. In den Einstellungen suche ich nach «USB», tippe auf USB-Einstellungen und wähle den Modus Dateiübertragung. Dann die anderen (USB-Tethering, MIDI und PTP), ohne dass das etwas am Tatbestand ändern würde, dass der Mac das Telefon nicht erkennt.

Das könnte am Kabel liegen. Doch es wird mir zu blöd, als dass ich ein anderes suchen würde.

An der Stelle – als ich kurz davor bin, das Android-Telefon in die Ecke zu schmeissen – stelle ich fest, dass der eine Song, den ich in den Musikordner kopiert habe, nun tatsächlich sichtbar ist. Auch in der JRT-App ist er jetzt vorzufinden.

Warum das vorher nicht geklappt hat, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht hat der zwischenzeitliche Neustart geholfen? Jedenfalls funktioniert in Casse-o-player jetzt auch der Zugriff auf die in Google Drive gespeicherten Songs. Vorher war vielleicht tatsächlich etwas verklemmt. Oder die langsamen Reaktionszeit von Googles Cloud oder meine Ungeduld war schuld.

Fazit: Rückständig!

Wir gelangen also zur einer Erkenntnis: Man bekommt Musikdateien auf ein Android-Telefon, wenn man mit Hartnäckigkeit und dem Willen, mehr als einen Weg auszuprobieren, an die Sache herangeht.

Es ist mir klar, dass solche Offline-Songs nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen. Die Techkibzerne, gerade Google zielen auf die Cloud und aufs Streaming ab. Das wäre völlig okay, wenn sich die Streamingdienste auch für Dritt-Apps offen zeigen würden – dann könnte man seine Kassetten-Apps nämlich auch mit Spotify und Youtube Music verwenden.

Allerdings finde ich, dass auch die eigene, lokale Musiksammlung ihre Berechtigung behalten hat und behalten wird. Auch Android muss dem Rechnung tragen. Doch das ist für meinen Geschmack viel zu wenig der Fall: Android ist bei der Offline-Musik im Vergleich zum iPhone sehr rückständig.

Beitragsbild: Wer Musiker mittels eigener Audiodateien lauschen will, braucht bei Android viel Geduld (Gabriel Gurrola, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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