So klappt es mit den Screencasts!

Wie fabriziert man ein Erklärvideo, das nicht zu viel und nicht zu wenig zeigt und das das richtige Timing aufweist? Dazu gibt es heute ein paar Tipps, die teils auch für Powerpoint-Präsentationen anwendbar sind.

Neulich ist mir – wie schon so oft – ein Jubiläum durch die Lappen gegangen: Die digitalen Patentrezepte, meine Videorubrik für den Tagesanzeiger, gibt es seit fünf Jahren. Am 16. Juni habe ich hier die erste Folge präsentiert. Und seitdem sind noch mehr als zweihundert dazugekommen.

Eine Gelegenheit, hier ein paar Tricks für die Screencasts zum Besten zu geben. Ein Screencast ist das bewegte Äquivalent zum Bildschirmfoto; also die Anzeige des Computers oder Mobilgeräts, die in Form eines Videos eingefangen wird. Ich nutze noch immer die gleichen Programme, die ich allesamt hier im Blog vorgestellt habe:

Eine erste Frage, die man sich bei der Produktion solcher Bildschirm-Filme stellen muss, ist folgende: Verwende ich meine normale Arbeitsumgebung oder richtige ich mir ein separates Benutzerkonto ein?

Es gibt Argumente für beide Wege: Das angestammte Nutzerkonto ist bereits vorhanden – und es wirkt maximal authentisch, da es das auch ist.

Allerdings läuft man Gefahr, dass private Dinge in der Aufnahme landen. Und damit meine ich noch nicht einmal verfängliche Fotos oder ähnliche Dinge: Es geht um Mailadressen und Telefonnummern von Freunden und Bekannten, um deren Profilfotos und Nachtrichten, aber auch um die eigenen Benutzernamen, Passwörter, Software-Seriennummer und ähnliche Dinge mit Missbrauchspotenzial. Es ist verblüffend, wie viel solche Informationen auf unseren Computern und Geräten im Umlauf sind.

Eben, und deswegen könnte man sich für die Vorführung ein separates Konto einrichten, das mit Pseudo-Informationen bestückt ist. Für eine Live-Vorführung – auch per Powerpoint oder einer anderen Präsentationssoftware –, würde ich das unbedingt empfehlen.

Für aufgezeichnete Videos verwende ich lieber meine echten Konten. Ich komme dann aber nicht herum, die privaten Informationen alle wegzupixeln. Das artet mitunter in echte Arbeit aus.

Besonders mühsam sind die Betriebssysteme des iPhone und iPad. (Genau jene Systeme, bei denen es bislang nicht die Möglichkeit gibt, ein separates Konto einzurichten, weil Apple nur ein Konto pro Gerät zulässt.)

Schwierig an iOS und iPad OS sind die vielen Animationen. Wenn das Kontaktbild einer Person in einem Fenster steckt, das elegant ins Bild hineingeschoben wird, dann habe ich das Vergnügen, dieses Bild Frame für Frame zu verdecken. Klar, man könnte auch die Animation wegschneiden oder als ganzes unscharf machen. Aber eigentlich ist mein Kredo, so viel wie möglich zu zeigen und so wenig wie nötig abzudecken.

Mit einer höheren Skalierung sind Dinge in einem kleinen Videofenster besser zu erkennen.

Zweitens empfehle ich, die Auflösung anzupassen. Screencast-Videos werden typischerweise am Handy oder in kleinen Browser-Fenstern betrachtet. Wenn man dort den Desktop mit den Abmessungen eines grossen Monitors zeigt, ist nicht viel zu erkennen.

Ich setze daher die Auflösung herab – siehe auch Auflösungserscheinung bei Windows und Mac. Oder, noch besser: Ich erhöhe die Skalierung. Dann werden die Fenster und die Elemente der Benutzeroberfläche im Bezug zum Bildschirm grösser und sind besser lesbar.

Noch ein paar Tipps dazu:

  • Natürlich kann man auch Ausschnitte aus dem Bildschirminhalt nehmen. Das ist aber vergleichsweise aufwändig – und allzu kleine Ausschnitte erschweren die Orientierung. Ich zeige daher eher das Gesamtbild und verwende Pfeile oder andere Mechanismen, um auf Befehle oder bestimmte Elemente hinzuweisen.
  • Beim Smartphone kann man die Auflösung nicht ändern. Die schmalen, hohen Handy-Bildschirme sind für das breite 16:9-Format unpraktisch und führen zu sehr breiten schwarzen Rändern rechts und links. Ich verwende daher, falls möglich eher das iPad als das iPhone: Es lässt sich besser quer verwenden und ist im Hochformat nicht ganz so schmal.
  • Es lohnt sich, einen neutralen Bildschirmhintergrund zu wählen. Selbst ein schlichtes Desktop-Hintergrundbild lenkt den Zuschauer unnötig ab. Damit ich nicht ständig meinen Bildschirmhintergrund wechseln muss, habe ich beim Mac einen virtuellen Desktop mit neutralem Wallpaper eingerichtet. Bei Windows kann man das Hintergrundbild nur global, nicht per virtuellem Desktop wählen.
  • Es lohnt sich, die Abläufe vor Aufzeichnung kurz durchzuspielen. Wichtig aber: Man muss danach alles wieder auf den Anfangszustand zurückstellen. Viele Programme merken sich nämlich den letzten Status: Also welchen Reiter man als letztes offen hatte, welche Einstellungsrubrik offen war, was man in ein Eingabefeld geschrieben hat. Man will Abläufe aber so vorführen, wie der Anwender sie durchlaufen muss: Daher muss man eine neutrale Ausgangsposition wiederherstellen.

Das letzte grosse Thema ist das Timing: Man könnte die Aufzeichnung machen, während man live kommentiert. Das führt aber oft zu sehr zähflüssigen Demonstrationen. Ich richte meine Vorführungen daher an meinem Voiceover aus – wobei ich den Text so schreibe, dass ich ausreichend Zeit für komplizierte Klickfolgen haben.

Den Screencast passe ich in der Postproduktion dem Voiceover an: Ich pausiere die Aufnahme, wenn die gesprochenen Ausführungen mehr Zeit benötigen. Und gelegentlich beschleunige ich den Ablauf, wenn ich schneller gesprochen als geklickt habe.

Diese Methode funktioniert aber nur bei statischen Abläufen. Wenn Animationen, Filme oder andere bewegte Inhalte zu sehen sind, dann lasse ich mein Voiceover laufen, und klicke synchron dazu, damit alles passt.

Natürlich: Nicht alle Screencasts sind so strikt getaktet wie meine digitalen Patentrezepte. Aber ich bin überzeugt, dass man die Geduld des Publikums nicht unnötig strapazieren darf. Wenn ich heute auf Youtube einen Hansel sehe, der am Anfang seines Erklärvideos erst das richtige Dokument suchen und öffnen muss, dann die Paletten zurechtrückt und mir dann erklärt, warum ich gerade jetzt unbedingt seinen Kanal abonnieren sollte – dann bin ich auch schon weg!

Beitragsbild: Bei den Screencasts ist man sein eigener Regisseur (Avel Chuklanov, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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