Wenn der Taschenrechner mit der Tabellenkalkulation ein Baby zeugt

Tydlig ist eine originelle Taschenrechner-App, die Excel nicht komplett, aber auf dem Smartphone annähernd überflüssig macht.

Ich bin im Moment dabei, Beispiele für Apps zu sammeln, die eine alte Aufgabe auf eine erfrischend neue Art und Weise lösen. Mein erstes Beispiel ist die Notiz-App Notion. Falls ihr mir zu diesem Thema weitere Tipps habt, nehme ich die gerne via Kommentare entgegen.

Die Rechnungen bleiben «lebendig» und lassen sich nachträglich jederzeit ändern.

Das zweite Beispiel, um das es heute geht, ist die App Tydlig, die es für 2 Franken fürs iPhone gibt. Sie behauptet von sich, den «Taschenrechner neu gedacht» zu haben, bzw. «eine komplett neue Taschenrechner-Erfahrung» zu bieten. Und ja, das sind Marketing-Plattitüden. Wie oft wurde in den letzten Jahren irgend etwas reinvented oder reimagined? Antwort laut Google: Ersteres ist 16,7 Millionen, letzteres sogar 24 Millionen mal passiert.

Nun hat die App aber tatsächlich einige spannende und originelle Funktionen zu bieten:

Beschriftung. Werte lassen sich mit Labels versehen, die in kleinerer Schrift darüberstehen. So lassen sich Berechnungen leichter nachvollziehen als nur anhand der nackten Zahlen.

Aktualisierung. Anders als der klassische Taschenrechner, der nur das Endresultat anzeigt, sieht man die ganze Rechnung. Aber nicht nur das.  Man darf die Ausgangswerte jederzeit ändern, worauf sich das Resultat sofort anpasst.

Verknüpfung. Man kann Rechenoperationen verbinden. Hat man das Resultat der ersten Rechnung markiert und führt eine Rechenoperation aus, dann entsteht eine neue Berechnung, die mit dem Resultat der ersten operiert. Man kann Resultate auch per Finger in eine neue Rechnung ziehen, um sie zu verknüpfen.

Grafische Darstellung. Rechnungen lassen sich auch als Diagramm visualisieren. Durch langes Antippen kann man beliebige Zahlen ins x verwandeln und sich den passenden Graphen anzeigen lassen.

Durch längeres Antippen einer Zahl erscheint ein Menü, über das zum Beispiel die Verknüpfungen sichtbar gemacht werden kann.

Die Aktualisierung und die Verknüpfung harmonisieren bestens miteinander. Das zeigt sich hervorragend beim obersten Beispiel, das beim ersten Öffnen der App zuoberst auf dem virtuellen Rechenstreifen steht. Es handelt sich um den Deckel eines gemeinsamen Restaurantbesuchs: Man sieht die Summe der Konsumation, plus zwanzig Prozent Trinkgeld, die dann erstens auf zwei und zweitens auf drei Leute verteilt wird.

Wenn nun einer noch einen Espresso bestellt, braucht man diesen Betrag nur den Deckel dazuzuschlagen, worauf sich automatisch auch die anteiligen Beträge aktualisieren.

Klar – viele werden sich an dieser Stelle ein müdes Lächeln nicht verkneifen können und finden, das sei alles schön und gut, aber ihre Tabellenkalkulation würde das schon seit 1979 beherrschen.

Und ja, natürlich, das stimmt: Man kann bei Excel und seinen Verwandten Zahlen beschriften, über Referenzen miteinander in Verbindung bringen, grafisch darstellen lassen und darüber hinaus noch vieles mehr.

Trotzdem finde ich Tydlig eine spannende App: Sie kombiniert die Möglichkeiten der Tabellenkalkulation mit der Einfachheit eines Taschenrechners – und das ist genau der richtige Ansatz für das App-Zeitalter.

Tydlig lässt sich auch wenig erfahrenen Anwendern leicht erklären. Demgegenüber ist es ein beträchtlicher Aufwand, einem Novizen die Excel-Grundlagen zu vermitteln. Man muss erläutern, was eine Funktion ist und wie man sie in ein Blatt einfügt. Es braucht ein Verständnis dafür, wie man auf eine Zelle Bezug nimmt und dass es absolute und relative Bezüge gibt.

Und überhaupt: Bei Excel, Numbers und LibreOffice Calc und Co. ist es nötig, die Berechnungen in Form von Spalten, Zeilen und Zellen zu organisieren. Das ist für grössere Datenbestände sinnvoll. Doch für weniger aufwändige Berechnungen ist es ein Overkill. Ganz abgesehen davon, dass es keinen Spass macht, auf einem kleinen Smartphone-Display per Touch-Steuerung, Zahlen und Funktionen in Zellen einzutippen.

Fazit: Man kann darüber streiten, ob diese App das Rad neu erfunden hat. Aber ohne Zweifel ist sie die zwei Franken wert: Sie kann viel mehr als die normale Taschenrechner-App – und sie ist viel eleganter und einfacher zu nutzen als Excel im Smartphone-Format.

Beitragsbild: Das wäre demnach der Vater (Karolina Grabowska, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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