Trackt die Smartwatch eigentlich auch den Sex?

Eigentlich eine Frage des Datenschutzes. Doch in Zeiten wie diesen fragt man sich eher: Ist das eine probate Methode, diese Ringe zu schliessen?

Wenn man eine Smartwatch oder irgend ein Fitness-Gadget trägt, dann fällt einem irgendwann einmal ein dicker, fetter Elefant auf, der plötzlich im Raum steht. Ich will nun nicht behaupten, dass dieser Elefant ein aphrodisierendes Parfüm aufgelegt hat und Strapse trägt. Aber er ein bisschen aufreizend ist er schon. Denn es geht an dieser Stelle um den guten alten Geschlechtsverkehr.

Dieser Elefant im Raum – oder für Leute, die mit der Metapher aus dem angelsächsischen Sprachraum nicht vertraut sind – die nie gestellte, aber offensichtliche Frage zu den Smartwatches lautet: «Merkt das Ding eigentlich, wenn ich Sex habe?»

Diese Frage stellt sich für Leute, die sie für sich bejahen können  – aber auch für die Asexuellen und Enthaltsamen.

Denn ob aktiv oder nicht, es gibt in beiden Fällen Gründe, dass man das Wann und Wann-nicht und das Wie-oft oder Wie-oft-nicht für sich behalten möchte. Wenn man mit den Stichworten Datenschutz, Intim- und Privatsphäre etwas anfangen kann, findet man es womöglich nicht sonderlich toll, wenn die eigenen geschlechtliche Aktivitäten oder Inaktivitäten Spuren in irgend einer Datenbank auf einem x-beliebigen Server Spuren hinterlassen.

Nun, meines Wissens nimmt keiner der Hersteller offiziell Stellung zu dieser Frage – zumindest habe ich per Googeln keine offiziellen Stellungnahmen gefunden.

Aber es im Grund nicht plausibel, dass es nicht so sein sollte. Zwar können die Bewegungsmuster, die so ein Wearable während des Akts aufzeichnet, durchaus variieren. Aber in Kombination mit Pulsbeschleunigung und Atem (den manche Uhren auch messen können) müssten die Indizien recht eindeutig sein.  Und ja – manche sind in fünf Minuten fertig, andere (wie er) praktizieren drei Tage lang Tantra.

Manche finden sowas anregend.

Wenn man das Netz zu diesem Thema befragt, findet man genau die Fundstellen, die man erwartet hat. Das hippe Jugendportal ze.tt der «Zeit» hat einen Reddit-Beitrag aufgestöbert, der die Fitnesstracker-Daten eines Sexakts enthält und mit den Worten «This is like abstract pornography» kommentiert wurde. Tja, so sieht Stimulation für Datenfetischisten aus.

Der «Telegraph» hat sogar die Befürchtung, das Fitbit würde den Sex verschlechtern. Der Auslöser war ein (mir nicht bekannter) Typ namens Freddie Flintoff, der offenbar war mit dem seltsamen Sport Cricket zu tun hat und seinen Tracker beim Sex anbehält, weil er seine Performance verbessern will.

Aber selbstverständlich ist der Einwand berechtigt, dass die per Fitbit messbaren körperlichen Leistungsdaten für sich gesehen weder aussagekräftig noch massgeblich sind. Wenn einer wie dieser Flintoff sich an ihnen orientiert, dann fördert das das sinnlose Rammeln, nicht das einträchtige Beieinandersein. Aber wäre jedem vernünftigen Menschen von vornherein klar gewesen.

Also, an dieser Stelle kann man festhalten, dass die aktuellen Fitnesstracker die Daten sicherlich feststellen können – es aber wahrscheinlich nicht tun. Oder wenn sie es tun, legen sie es gegenüber dem Nutzer nicht offen.

Offensichtlich auch, dass ich mit meinen Datenschutzbedenken alleine dastehe. Andere Leute fragen sich (wiederum bei Reddit), mit welcher Einstellung sie den ehelichen Beischlaf bei der Apple Watch tracken sollen. «Ich stelle meine Uhr auf Hochintensitäts-Training», meint der Fragesteller. «Bin aber nicht sicher, ob das akkurat ist.»

Ein anderer schreibt dazu: «Ich trage die Uhr beim Sex nicht mehr. Rief versehentlich zweimal den Rettungsdienst an. Das wurde mir erst klar, als ich ‹Hallo, hallo?› aus meiner Uhr hörte. Der Anruf dauerte schon ein paar Minuten…»

An dieser Stelle gelange ich zur Vermutung, dass nur die digitalen Immigranten dieses Thema als relevant oder sogar als Problem ansehen. Für die Digital Natives stellen sich allenfalls praktische oder logistische Fragen.

Nun gut – ich gebe mich geschlagen. Und finde, die Hersteller wären gut beraten, dann gleich eine entsprechende Tracking-Option in ihre Wearables-Produkte einzubauen. Wenn schon, denn schon.

Beitragsbild: Sie trägt ein Fitbit, er eine Smartwatch (Alejandra Quiroz, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen