Wie Facebook und Instagram uns Nutzer entmündigt haben

Die Social-Media-Platt­formen verändern sich rasant: Mark Zucker­berg und Meta nehmen uns Unsern die Kontrolle über unsere Feeds.

Die Veränderungen bei Facebook und Instagram sind unübersehbar. Erstens fällt die brutale Menge an Werbung auf, die inzwischen über diese Plattformen ausgespielt werden.

Und natürlich, ich verstehe, dass Mark Zuckerberg sie nicht zum Spass betreibt, sondern, um Geld zu verdienen. Aber es ist eine Frage des Masses. Das ist nicht mehr gewahrt, wenn jeder dritte Beitrag aus einer Anzeige besteht.

Immerhin, es gibt eine Möglichkeit, Gegensteuer zu geben: Bei Facebook mache ich mir ab und zu die Mühe, während fünf Minuten durch meinen Feed zu scrollen und sämtliche Anzeigen durch Antippen des x in der rechten oberen Ecke zu schliessen. (Facebook will daraufhin jeweils wissen, was mir an der Werbung nicht gefällt, was ich jeweils unbeantwortet lasse.) Nach einer derartigen Unmutsbekundung reduziert Facebook die Werbeflut dann zumindest für ein paar Tage.

Auf Instagram gibt es alles – bloss keine Fotos von Freunden mehr

Die zweite Auffälligkeit ist bedeutsamer: Es fällt auf, wie  die Feeds im Umbruch sind, die Facebook und Instagram anzeigen. Bei Instagram sehe ich fast nur noch die Posts von @tagesanzeiger. Das Erfreuliche daran ist, dass die Kollegen vom Social-Media-Team offenbar alles richtig machen. Doch was mich angeht, bin ich eigentlich nicht wegen der News bei Instagram, sondern wegen der Fotos.

Im Feed dominieren weiterhin die «Reels» und Fotos zu abonnierten Hashtags: Um diese Funktion auszuprobieren, habe ich probehalber #ukraine ausgewählt, was zu einem völlig disparaten Durcheinander von Inhalten führt – mal sehe ich zerbombte Häuser, dann Zelenski, der etwas in ein Buch schreibt, dann eine Blondine mit tiefem Ausschnitt – denn offenbar ist «_girlss_ukraine_» ein Ding.

Und klar, ich verstehe das Problem: Bei einem so weitgefassten Hashtag ist eine grosse Bandbreite an Beiträgen unvermeidlich. Allerdings zeigt sich ein grundsätzliches Problem von Instagram: Die Plattform wurde für Schnappschüsse erfunden, die ohne grossen Kontext funktionieren. Doch weil das Metas Ansprüchen nicht genügt, hat sie sich inhaltlich weit geöffnet und ist zu einer universellen Plattform geworden, auf der das Schwergewicht nicht beim Text, sondern bei den Bildern liegt.

Nicht denken, bloss schauen

Warum würde ich mir sowas ansehen wollen?

Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn es darum ginge, die Möglichkeiten der bildlastigen Informationsvermittlung auszureizen. Doch das tut der Instagram-Algorithmus nicht – er befördert Bilder und vor allem Videos, die auf eine Wirkung in Sekundenbruchteilen ausgelegt sind: Auf einen kurzen emotionalen Kick, den man intellektuell nicht zu ergründen braucht.

Sowohl Instagram als auch Facebook fügen inzwischen Beiträge in die Zeitleiste ein, die aus Quellen stammen, denen wir Nutzerinnen und Nutzer nie gefolgt sind. Sie sind als «Vorschläge» markiert, und sie sind vom Erfolgsrezept von Tiktok inspiriert: Bei dieser Plattform bestimmt der Algorithmus, was wir zu sehen bekommen. Das erlaubt es offensichtlich, die Verweildauer auf der Plattform zu erhöhen, weil der Strom der Beiträge so überhaupt nicht mehr versiegt – darüber haben wir übrigens auch in der letzten Nerdfunk-Folge ausführlich gesprochen.

Die Facebook-Vorschläge sind, Pardon, der letzte Dreck

Auch bei Facebook ist der Vorschlags-Algorithmus – und wie formuliere ich das jetzt sachlich? – absolute 💩💩💩. Ich bekomme hauptsächlich flachen Sauglattismus präsentiert; Dinge, zu denen ich kaum einen Bezug habe. Ich erhalte vor allem Postings von Gruppen wie dem «Far Out Magazine», «Böse, artig und gemein», «Clear Redemption», und zwischendurch auch mal Mark Knopfler – den ich auch heute noch gerne Gitarrenspielen höre, aber nicht unbedingt auf Facebook sehen muss.

Mutmasslich rühren diese Vorschläge daher, dass ich einige abseitige Gruppen abonniert habe, namentlich King of Kalauer, Plans to create and worship our leviathan lobster god und Flache Erde Schweiz. Das heisst aber nicht, dass ich noch mehr derartiges Zeug in meiner Zeitleiste haben muss.

Es kommt schliesslich auf die Mischung und die Abwechslung an. Und was das angeht, ist es offensichtlich, dass wir Nutzerinnen und Nutzer die Kontrolle verloren haben. Was Mark Zuckerberg und Meta hier betreiben, ist eine stille Enteignung von uns Usern über unsere Feeds.

Und klar: Auch bisher haben unsere Freunde uns Dinge untergejubelt, über die wir uns nach Kräften aufgeregt haben – ich habe im Blog oft genug darüber geschrieben (hier, hier, hier oder hier, etwa). Aber trotzdem: Facebook und Instagram hatten den unmissverständlichen Zweck, dass wir uns in der Blase bewegen, die wir uns selbst ausgesucht haben.

Gegen schlechte Algorithmen ist kein Kraut gewachsen

Diese Ausrichtung auf Freundinnen und Freunde hat den Vorteil, dass wir Dinge von uns fernhalten können, mit denen wir uns nicht beschäftigen können oder wollen: Wir schalten Leute stumm oder entfreunden sie, wenn sie uns mit unerwünschten Botschaften behelligen. Und wir wissen, dass wir nicht ganz unschuldig sind, wenn wir mit derlei Zeugs behelligt werden – schliesslich haben wir die Absender eigenhändig befreundet.

Facebook streicht «social» aus «social media» – und die Frage ist, was bleibt. Einfach ein Medium?

Nein. Was ich sowohl auf Facebook als auch auf Instagram sehe, ist ein wirres Durcheinander aus kontextlosem Geschrei, das mir Kopfschmerzen bereitet. Wir Nutzerinnen und Nutzer werden in einen endlosen Strom aus Belanglosigkeiten geworfen, der nicht den Zweck hat, uns die Welt verständlicher zu machen, Menschen näherzubringen oder auch nur zu unterhalten. Es geht nur darum, uns bei der Stange zu halten, damit wir noch ein paar Werbebeiträge mehr zu Gesicht bekommen.  – und wer sich dabei nicht fühlt wie eine Gans, die als Foie gras enden soll, den hat dieser Zirkus schon zu sehr abgestumpft.

Die Polarisierungsmaschine von Meta zündet die nächste Stufe

Auf diese Weise scheinen mir Facebook und Instagram umso gefährlicher zu werden. Denn wie die Whistleblowerin Frances Haugen zweifelsfrei erklären konnte, hat die Polarisierung bei Meta System.

Dieses Prinzip, die Leute durch Kontroversen bei der Stange zu halten, wird auch bei den via Algorithmus unterbreiteten Vorschlägen fortgesetzt. Ich habe einige Vorschläge bekommen, die sich um den Themenkomplex aus Diversität in Filmen und Serien und um die kulturelle Aneignung drehen. Ein Beispiel dafür ist dieser Post hier von einer Gruppe namens «Woke Department»:

Haha, selten so gelacht.

Wenn jemand von meinen Facebook-Freundinnen und Freunde diesen Post getätigt oder geteilt hätte, dann hätte ich einen Kommentar geschrieben, dass ich den typografischen Bezug ansatzweise lustig finde, auch wenn die Meerjungfrau nicht Arial, sondern Arielle heisst. Ich hätte erklärt, dass ich eine dunkelhäutige Meerjungfrau völlig okay finde und es begrüsse, wenn in Filmen und Serien ein realistischeres Körperbild Einzug hält.

Jetzt trägt keiner mehr die Verantwortung

Es ist unübersehbar, dass die Stimmungsmache Sytem hat.

Alles in allem hätte ich in meiner Feststellung Wert darauf gelegt, dass ein Meme, das ein berechtigtes Anliegen wie mehr Diversität im Kino und am Fernsehen auf bösartige Weise lächerlich macht, nichts Konstruktives zur Diskussion beitragen kann.

Aber da das Posting nicht aus meinem Freundeskreis stammt, sondern mir vom Facebook-Algorithmus vor den Latz geknallt wird, gibt es keinen Adressaten für diese Kritik.

Mit anderen Worten: Meta hat den Bogen überspannt. Mit der Abkehr vom ursprünglichen Prinzip der sozialen Medien haben Instagram und Facebook ihre Daseinsberechtigung verloren. Es ist nun nicht mehr zu leugnen, dass die Gefahr für die Meinungsbildung und den öffentlichen Diskurs den gesellschaftlichen Nutzen bei Weitem überwiegt.

Darum: Wenden wir uns ab von diesen Plattformen – und wieder dem freien Internet zu. Diskutieren wir über Blogs, die wir per RSS-Feed abonnieren. Bringen wir Gesetzgeber dazu, die Konzerne zu regulieren oder zu zerschlagen – aber schauen wir nicht weiter zu, wie wir hier für dumm verkauft werden.

Beitragsbild: Zu viel Meta macht den Schädel hohl (Cottonbro, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

8 Gedanken zu „Wie Facebook und Instagram uns Nutzer entmündigt haben“

  1. Es ist für mich unbegreiflich, dass Meta nicht merkt, dass das Konzept „Müll egal, Hauptsache endlose Inhalte“ auf Dauer ins Verderben führt.

    Meine Frau war lange Zeit auf Facebook aktiv oder besser gesagt passiv: Sie hat Inspiration zur Aquarell-Malerei bekommen von Künstlerinnen, denen sie gefolgt ist. Die empfohlenen Beiträge waren am Anfang qualitativ gut und haben zum Thema gepasst. Eine gute Sache, das Wissen über die Vorlieben für relevante Empfehlungen zu nutzen.

    Jetzt kommt fast nur noch Müll. Schlecht gemachte Werbung, Videos, in denen die in der Vorschau gezeigte Szene überhaupt nicht vorkommt, garniert mit Aufreger-Beiträgen zu allen möglichen Themen.

    Tja, dann öffnet man Facebook halt nicht mehr und sucht sich ein paar persönliche Blogs.

  2. Ich habe das Fratzenbuch-Konto nur noch wegen der Konzertankündigungen von mir bekannten MusikerInnen, das ist halt schon eine praktische Funktion von FB. Mit Instagram habe ich nie wirklich etwas anfangen können (bin ein Mann des geschriebenen Wortes und sowieso ein hoffnungloser Boomer-Fall…).

    Aber ehrlich gesagt: Twitter ist auch nicht besser, da wurde ich benauso bombardiert mit Werbung wie auch mit Tweets von Leuten, mit denen ich gar nichts zu tun hatte. Und habe nicht herausgefunden, wie ich das steuern könnte, und habe darum wieder aufgegeben. Beim Fratzenbuch wirkt wenigstens der Firefox-AdBlocker ein bisschen etwas.

    Im Moment steht Mastodon in der Evaluation, und bei Diaspora bin ich schon lange (aber läuft nicht sehr viel).

    Also bitte gerne weiter bloggen, ich lese Deine Beiträge jeden Tag – auch wenn ich nicht reagiere 😉

    1. Danke!

      Und ja, stimmt, die Werbung auf Twitter ist auch nervig und oft repetitiv. Ich würde dort ein bis zwei Franken pro Monat für Werbefreiheit bezahlen.

      Was die Tweets von fremden Leuten angeht, sehe ich zwei mögliche Ursachen:

      • Du folgst nicht nur Leuten, sondern auch Themen. Die Optionen dazu finden sich bei Einstellungen und Datenschutz unter Datenschutz und Sicherheit bei Inhalte, die du siehst – mal bei Themen nachsehen, ob dort etwas Unerwünschtes angekreuzt ist.
      • Ein Phänomen, das ich bei meinem @mschuessler-Account, nicht aber bei @mrclicko sehe, sind Tweets von Leuten, die von jemandem stammen, dem ich mit diesem Account folge. (Da ich mit @mschuessler nur wenigen Leuten folge, v.a. meinem Hauptaccount, sind das hauptsächlich Kontakte von @mrclicko; angeschrieben mit «Matthias Schüssler folgt».)

      Es scheint nicht möglich zu sein, diese «[x] folgt»-Tweets abzuschalten; auch bei einschlägigen Forumseinträgen (hier oder hier) gibt es keine Lösung. Ich nehme an, dass diese Tweets aus dem erweiterten Bekanntenkreis dann erscheinen, wenn ein Account nur relativ wenigen Leuten folgt und die Timeline nur relativ wenig neue Tweets enthalten würde.

      Ich verstehe, dass Twitter versucht, auf diese Weise die Timeline vielfältiger zu gestalten. Es sollte aber unbedingt eine Möglichkeit geben, diese Funktion abzuschalten. Im Vergleich zu den Facebook-Vorschlägen finde ich sie weniger schlimm, da es immerhin einen erkennbaren Bezug zur eigenen Bubble gibt.

      1. Merci Matthias! Das mit den Themen könnte ein Grund sein, den ich zuwenig bedacht habe. Denn es ist unbestreitbar: Twitter ist trotz allem noch das politisch interessanteste „soziale“ Medium von allen… Ich versuch’s mal wieder 😉

      2. Twitter versucht, immer neue Tweets anzuzeigen. Folgt man wenigen Leuten oder scrollt zu weit runter, werden „empfohlene“ Tweets angezeigt.

        Ich sehe es ähnlich wie Du und finde es ganz praktisch. Habe darüber schon viele interessante Leute entdeckt. „Leute, denen Du folgst, hat der folgende Tweet gefallen“ oder „mehrere Leute, denen Du folgst, folgen auch XY“ sind ja sinnvolle Kriterien. Zumindest, falls man rein aus Interesse Leuten folgt und nicht aus Höflichkeit/Bekanntschaft.

  3. Sehr interessanter Beitrag.
    Ich bin es mir mittlerweile auch leid, durch Instagram zu scrollen.
    Ich habe dort neben meinem privaten noch einen professionellen Foto-Account. Doch auch dort bekomme ich weniger Fotos von professionellen Fotografen als Fotos und Videos von dämlichen Influencern, nicht arbeitenden Nonstop-Herumreisenden und Reiseveranstaltern sowie Übernachtungsmöglichkeiten zu sehen. Ich will das aber nicht sehen!
    Nun denn, apropos Werbung:
    Auf deinem Blog fällt mir das auch auf, dieses hohe Mass an Werbung und Ablenkung. ^^

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