John, fahr schon mal den DeLorean vor

«Geschichten aus der Geschichte» ist ein Podcast, der kreuz und quer durch die Mensch­heits­ge­schich­te hüpft und histo­rische Ereig­nisse erzählt, die wir längst nicht alle aus dem Schul­unter­richt kennen.

Es gibt einige Themenbereiche, für die sich das Medium Podcast offensichtlich besonders gut eignet. Das ist das Feld der wahren Verbrechen (True Crime), Gespräche frisch von der Leber weg und ohne Drehbuch (Laberpostcasts) und natürlich die Ur-Disziplin des Podcasts, die sehr vom Labern lebt, aber doch eine gewisse Zielrichtung aufweist: Das sind jene Sendungen, in denen die Nerds ihre Tech-Verliebtheit zelebrieren und mit unermüdlicher Ausdauer noch die kleinste Regung, die in Cupertino am Hauptsitz von Apple getätigt wird, analytisch zerlegen.

Ein weiteres Themenfeld, das wie gemacht ist für die Podcasts, ist die Menschheitsgeschichte. Sie hält einen unerschöpflichen Fundus an Geschichten bereit, die sich erzählen, analysieren und bewerten lassen:  Man kann sie aus unterschiedlichen Warten betrachten und findet immer Gesichtspunkte, die bislang (vermeintlich oder tatsächlich) zu wenig gewürdigt oder missverstanden worden sind.

Geschichtspodcasts haben ein grosses potenzielles Publikum, weil sich jeder wissbegierige Mensch für unsere gemeinsame Vergangenheit interessieren muss und weil wir längst noch nicht alles gelernt haben, was es zu lernen gibt. Und die Geschichte kann auf ganz unterschiedliche Weise erzählt werden, wie ich seinerzeit in meinem Historische und notorische Podcasts anhand von vier Beispielen dargelegt habe.

Eine Wundertüte für Hörer und Gastgeber

Trotz der Sanduhr hat mein Podcatcher den Podcast zügig geladen.

Geschichten aus der Geschichte (RSS, iTunes, Spotify) ist ein Podcast, der in formaler Hinsicht auf die klassischen Mittel setzt: Er besteht aus einem (mehr oder weniger) integralen Gespräch, in dem sich zwei Historiker unterhalten. Die beiden Gastgeber sind Daniel Messner und Richard Hemmer, die ihr Projekt 2015 mit einem Stück zu den Langobarden gestartet haben. Der Podcast funktioniert so, dass immer einer von beiden dem anderen ein Ereignis erzählt, aber ohne vorher zu verraten, welches das ist.

Seitdem sind gut 370 weitere Folgen dazugekommen. Die zeichnen sich durch ein breites Spektrum aus: Nebst den Folgen zu klassischen historischen Themen gibt es auch Begebenheiten, die man in den Geschichtsbüchern an den Schulen vergeblich sucht. Ein solches Beispiel ist die Folge, mit der ich meinen (späten) Einstieg bei diesem Podcast hatte. Es handelt sich um die Episode GAG356 zum DeLorean-Drama.

Ja, genau: das Auto aus Back to the Future, den DMC-12 und dessen Erfinder John DeLorean.

Mehr als eine Huldigung auf einen Ladenhüter, der erst durch Hollywood zum Kultobjekt wurde

Es spricht für den Podcast, dass ich diese Folge nicht nur bis zum Ende angehört, sondern auch als Anlass für eine Besprechung genommen habe. Denn das Automobil gehört unter allen technischen Errungenschaften zu denjenigen, die mich am wenigsten interessieren: noch weniger als Küchenmaschinen, Gleichstromgeneratoren oder Presslufthämmer. Autos sollen Leute von A nach B bringen, die Luft nicht verpesten und nicht aussehen, als sei ihr Daseinszweck einzig, Verkehrsteilnehmer auf Fahrrädern und zu Fuss zu Matsch zu verarbeiten – dann bin ich schon zufrieden.

Doch diese Geschichte hat so viele spannende Zutaten, dass die automobilen Aspekte in den Hintergrund treten – auch wenn es durchaus interessant ist zu erfahren, dass in diesem schnittigen Sportwagen ein popeliger Motor von Renault steckt, der in ganz «normalen» Fahrzeugen von Renault, Volvo, Talbot und Lancia zum Einsatz kam.

Mit freundlicher Unterstützung des britischen Steuerzahlers

Nein, die Geschichte des DMC-12 ist auch ein Wirtschaftskrimi, weil die Fabrikation in Dunmurry bei Belfast angesiedelt und mit Millionen von britischem Steuergeld unterstützt worden ist. Sie ist ein Psychogramm von John DeLorean, der in Sachen Verschrobenheit Dr. Emmett Brown um Längen schlägt. Sie erklärt einiges über die US-amerikanische Autoindustrie, zumal John DeLorean vor Gründung seines Startups ein hochrangiger Manager bei General Motors war.

Und es gibt auch Einblicke in die spannende Welt der Produktdesigner. Das Äussere des Fahrzeugs stammt nämlich von Giorgio Giugiaro. Das ist ein Gestalter, der nicht nur Automobilen ihr unverkennbares Aussehen gegeben hat, sondern auch anderen Objekten und Gerätschaften. In meiner Welt komme ich mit ihm in Kontakt, weil ich Kameras von Nikon verwende, die bis heute gestalterische Merkmale aufweisen, die sich Giorgio Giugiaro ausgedacht hat.

Fazit: «Geschichten aus der Geschichte» ist ein Podcast, der in jedem Podcatcher seinen Platz finden sollte – egal, ob man nun sklavisch jede Folge hört und sich umfassend historisch bildet oder Rosinenpickerei betreibt und nur jene Folgen konsumiert, die einen besonders interessieren. Ich neige im Moment zu letzteren; allein deswegen, weil ich mehr Podcasts abonniert habe, als ich weghören könnte. Aber es kommt vor, dass sich solche Lückenbüsser-Podcasts über die Zeit nach vorn spielen und irgendwann zum harten Kern gehören. «Geschichten aus der Geschichte» hat dieses Potenzial auf alle Fälle.

Beitragsbild: Der Fluxkompensator hat nicht zur Standard-Aussstattung gehört (Jason Leung, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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