Historische und notorische Podcasts

Es gibt Themen, die eignen sich ausgezeichnet für Podcasts. Da ist sind Technik, Internet und Fankultur. Und darum gibt es mehr Tech-Podcasts, als man zählen (oder hören) könnte. Und sehr gut eignet sich auch die Geschichte:

Die Menschheitsgeschichte ist spannend und ereignisreich, voller faszinierender Figuren, Intrigen und wechselvollen Ereignissen. Sie bietet einen unerschöpflichen Fundus an Material, Blickwinkeln und Interpretationsmöglichkeiten. Und die Geschichte eröffnet ein Tummelfeld für den analytischen Geist: Für «was wäre wenn»-Fragen, für Querverbindungen zur Gegenwart und zu anderen geschichtlichen Ereignissen. Und man kann immer fragen, wie einleuchtend und erkenntnisreich alternative Deutungen sind. Denn wir wissen, dass normalerweise der Sieger die Geschichte schreibt.

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Mord! Verschwörung! Axthiebe! (Bild: Der Untergang des Jürg Jenatsch, E. Sturtevant, CC0)

Darum also hier eine Übersicht von Geschichts-Podcasts, die ich abonniert habe – und wenn es die Zeit erlaubt auch lückenlos höre.

Zeitblende von SRF 4 News Das ist ein Podcast, den ich erst seit kurzem höre. Ich bin über die Folge Graubünden 1618: Jörg Jenatsch – Freiheitsheld oder Verräter? darauf gestossen. Jörg Jenatsch hat mich als Elfjähriger wegen eines Hörspiels von Radio DRS (aus dem im Podcast Ausschnitte zu hören sind) in seinen Bann geschlagen – weil er für die Unabhängigkeit seines Kantons, vor allem aber für den eigenen Status gekämpft hat und dafür nicht nur die Religion gewechselt, sondern auch die Franzosen hintergangen hat. So kam es, dass er von einem «Bären» mit der Axt erschlagen worden ist.

Die Jenatsch-Folge ist aufwändig als Feature produziert. Die anderen Folgen sind oft integrale Gespräche, so weit ich bis jetzt sagen kann.

Wrint-Geschichtsunterricht ist eine Koproduktion von Holger Kleins Podcast-Imperium mit dem hier kurz erwähnten Matthias von Hellfeld, bzw. mit der Sendung Eine Stunde History des Deutschlandfunks. Die beiden führen ein Gespräch über das Thema der Deutschlandfunk-Sendung, und es gibt einen kurzen Einspieler aus der Sendung. Themen sind oft sich jährende Ereignisse oder sonstige aktuelle Bezüge in die Vergangenheit. Die Kooperation von Klein und von Hellfeld geht, so weit ich das beurteilen kann, auf die beiden Sendungen zu Europa, resp. dem 19. Jahrhundert zurück, die man auch heute noch sehr gut hören kann: WR162 und WR483.

Dan Carlin’s Hardcore History, bereits hier kurz vorgestellt, ist wirklich hardcore: Selbst die ironischerweise «Blitz» genannten «Kurz»-Folgen sind mindestens vier Stunden lang, so eine Art Hörbuchpodcast zu einzelnen Themen, in denen Dan Carlin monologisiert. Er tut es aber so engagiert, dass man ausgezeichnet zuhören kann – selbst wenn einem dieser oder jenen Thema nun nicht sonderlich interessieren sollte. Anspieltipps: Die sechsteilige Reihe Blueprint for Armageddon zum ersten Weltkrieg oder die im Beitrag Achteinhalb Stunden auf die Ohren vorgestellte Folge zum Täuferreich von Münster.

Revisionist History, siehe auch Zwei weitere Serialtäter, von Malcolm Gladwell ist eben in die dritte Staffel gestartet. Es geht hier meistens um die jüngere Geschichte oder auch um historische Randnotizen, die in Gladwells Augen von der Öffentlichkeit falsch verstanden oder interpretiert worden sind. Er rückt das zurecht – was natürlich per se einen gewissen herablassenden Aspekt hat. Aber nur wenige Leute beherrschen diese Kunst so sympathisch und fundiert wie Gladwell, deswegen darf man sich gerne darauf einlassen. Dieser Podcast kein simples Gespräch, sondern ein Audiofeature. Ich spreche auch gern von Serial-artiger Produktion (der Podcast wird von den gleichen Leuten produziert, von denen auch Serial stammt).

Wie gesagt: Es gibt Themen, die eignen sich ausgezeichnet für Podcasts. Und es gibt Themen, bei denen der klassische Podcast versagt. Ich denke an Portraits von kontroversen Personen. Nikolas Semak (siehe auch Winzig kleine Podcastmacher) hat in seinem Elementarfragen-Podcast in letzter Zeit auch mit umstrittenen Leuten gesprochen: Dem Ex-RAF-Terroristen Lutz Taufer und mit Gert Postel, der als Hochstapler gilt.

In diesen Fällen wird das einvernehmliche Podcast-Gespräch der Sache nicht gerecht: Die Kritiker und Opfer kommen nicht zu Wort und die Darstellungen des Gesprächsgastes bleiben oft unwidersprochen, selbst wenn sie, um es freundlich auszudrücken, von unabhängiger Seite nicht gestützt werden. Der Gast hat die Chance, den Zuhörer in Beschlag zu nehmen, der ihn womöglich durchaus einnehmend finden wird. Das gibt ein verzerrtes Bild, das man nur zu vermeiden ist, indem der Podcaster hart und immer wieder nachfragt und vom Gesprächsmodus in den Vehörmodus wechselt.

Dazu muss man aber der Typ sein – und man muss sich sehr gut mit der Materie auskennen, damit man weiss, wo man bei seinen Fragen ansetzen muss. Das passt aber nicht zur Form der integral aufgezeichneten Gesprächs, das in Podcasts typischerweise harmonisch abläuft. Darum würde ich Semak empfehlen, bei seinen «Elementarfragen» wieder zu Leuten wie Harald Lesch zurückzukehren, die intellektuell herausgefordert werden dürfen, aber die in ihrem Tun und in ihren Erzählungen nicht hinterfragt werden müssen.

Autor: Matthias

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