Wie man sein Haus oder seine Wohnung digitalisiert

Per iPhone lässt sich eine Wohnung in ein paar Minuten scannen. Eine App wie RoomScan Lidar erzeugt ein drei­dimen­siona­les Modell oder einen Grund­riss. Im Test zeigt sich, wie präzise ein Scan ist und was sich damit anfangen lässt.

Neulich habe ich eine App vorgestellt, mit der man ein 3D-Modell seiner Wohnung anfertigt, und zwar inklusive Möbel und allem Schnickschnack, das den man so herumstehen hat. Das ist eindrücklich und amüsant – aber für planerische Zwecke wäre es praktischer, eine App zu haben, die alle beweglichen Objekte virtuell zum Verschwinden bringt und ein Modell der «nackten» Wohnung anfertigt. Man könnte ein solches Modell der leeren Räume virtuell neu möblieren und so ausstatten, wie man es sich in seinen kühnsten Träumen ausmalen will.

Eine solche App ist angekündigt; Shopify hat die Welt von entsprechenden Pläne in Kenntnis gesetzt, und es würde mich sehr wundern, wenn nicht auch Ikea und Co. bald in dieses Horn blasen würde. Zumal die Entwicklung einer solchen App keine Hexerei mehr ist: Die neuen iPhones sind mit Lidar ausgestattet, was die Vermessung präziser und einfacher macht. Und Apple selbst stellt eine Schnittstelle namens RoomPlan zur Verfügung, die den Zweck hat, Räume mit oder ohne Möbel zu erfassen.

Eine App, die von Lidar und den Vermessungsmöglichkeiten via iPhone-Kamera Gebrauch macht, ist RoomScan Lidar. (Es gibt die auch in einer Variante für iPhones ohne Lidar, die ich aber nicht ausprobiert habe.)

Sie funktioniert folgendermassen:

Um einen Raum zu erfassen, richtet man die Kamera auf jede Wand und tippt sie an.

Man scannt via Kamera, und zwar Raum für Raum. Wie angedeutet: Das funktioniert auch, wenn die Wohnung bewohnt und mit Gegenständen vollgestopft ist. Wichtig ist lediglich, dass an jeder Wand ein freies Fleckchen vorhanden ist, das während des Scans angepeilt werden kann.

Um einen Raum zu erfassen, benennt man ihn und richtet man die Kamera auf die Wand, bis ein Ziegelmuster erscheint. Man tippt die Wand an, worauf eine Markierung erscheint. Diesen Vorgang wiederholt man mit allen weiteren Wänden, bis man zum Ausgangspunkt zurückkehrt und die erste Markierung noch einmal antippt. Daraufhin richtet man die Kamera gegen oben, weil die App die Höhe des Raums erfassen möchte.

In einem nächsten Schritt trägt man Türen und Fenster ein, indem man die Kamera auf die entsprechende Wandöffnung richtet und per Finger von einem Rahmen der Tür bzw. des Fensters zum anderen wischt.

Raum für Raum zur gesamten Wohnung

Die Türen und Fenster richtig zu erfassen, ist die grösste Herausforderung.

Damit ist die Erfassung des ersten Raums abgeschlossen. Man wiederholt den Vorgang mit den weiteren Räumen, wobei man der App anhand der Türen angibt, wo die Räume aneinandergrenzen.

Das funktioniert konkret so, dass die App fragt, ob der neue Raum auf der gleichen Etage gelegen ist und an welchen bestehenden Raum er angrenzt. Ich gebe zum Beispiel an, dass das Wohnzimmer an das bereits gescannte Büro grenzt und werde daraufhin gebeten, die Türe zu markieren, die vom einen ins andere Zimmer führt.

Mit dieser Methode kommt man zügig voran. Eine Vierzimmerwohnung lässt sich in einer Viertelstunde einscannen. Schwierig sind die kleinen Räume wie Badezimmer, weil die Kamera einen Mindestabstand zu einer Wand braucht, um sie richtig zu erfassen.

Das ist der mitgelieferte Beispiel-Plan mit dem Grundriss der ganzen Wohnung.

Abgesehen davon hat das Scannen sogar mit unserer Loggia funktioniert. Knackpunkte sind das Geländer auf der einen und die Fensterfront auf der anderen Seite. Doch die Streben bieten genügend Anhaltspunkte, um auch diesen Raum ausreichend exakt zu bestimmen. Ein Tipp: Vor dem Scannen alle Türen schliessen, das macht die Arbeit bedeutend einfacher.

Nach dem Scannen kommt der spannende Moment: Dann ist auf dem Plan zu sehen, ob die Räume auch richtig aneinander passen. In unserem Fall müsste die beiden Schlafzimmer und der Flur die gleiche Länge ergeben, wie die Loggia und Wohnzimmer/Küche. Doch das ist nicht der Fall: Ich stelle eine Diskrepanz von ungefähr zwanzig Zentimetern fest. Die Vermutung liegt auf der Hand, dass sich Messfehler aufsummiert haben.

Präzise genug für ernsthafte Planung – oder nur eine Spielerei?

Die Übersicht der einzelnen Räume im Beispiel-Plan.

Falls das so sein sollte, dann ist die Konsequenz natürlich, dass die App eine lustige Spielerei darstellt und vielleicht für vage Dekor-Ideen taugt. Doch für ernsthafte Planung braucht es ausreichende Präzision.

Um diese Frage zu klären, habe ich mit einem Laser-Messgerät (Vermessen wie ein Nerd) eine Überprüfung durchgeführt.

Und diese Kontrolle ergibt Verblüffendes: Der gescannte Plan ist genauer als erwartet. Es gibt zwar Abweichungen zwischen App und Laser-Messgerät, aber die bewegen sich bei den Wandlängen im Zentimeterbereich. Die Angaben zum Grundriss sind solide.

Das Lasermessgerät stellt für mein Büro eine Breite von 3,112 Metern fest.
… das ist exakt der gleiche Wert, den auch die App ermittelt hat. Es wäre hier aber möglich, ihn manuell zu korrigieren.

Umso mehr stellt sich die Frage, woher die Abweichung auf dem Plan rührt. Da ich in den Untiefen meiner Festplatte den Plan unserer Wohnung finde, der vom Architekten stammt, lässt sich diese Unstimmigkeit klären: Er zeigt, dass die Loggia schuld ist: Die hat keine Aussenwand, die mit Wärmedämmung über Erwarten dick ausgefallen ist.

An dieser Stelle lässt sich die Frage der Präzision mit einem «Gut, aber …» beantworten. Als Nutzer von RoomScan Lidar und ähnlichen Apps muss man sich vorab Gedanken machen, in welcher Präzision man den digitalen Plan benötigt. Wenn man beabsichtigt, Möbel zu kaufen, die exakt in eine Ecke passen, dann muss man unbedingt nachmessen und das digitale Modell von Hand verfeinern.

Das Modell korrigieren und perfektionieren

Die Räume werden anhand der Türen zugeordnet. Ungenauigkeiten lassen sich von Hand korrigieren.

Das ist zum Glück einfach: Für Korrekturen kann man sowohl einzelne Räume gegeneinander verschieben, damit die Hauswand am Schluss bündig verläuft. Es ist auch möglich, Räume anzupassen und die Wandlängen durch manuelle Eingaben zu korrigieren.

Bei meinem Test habe ich das gemacht und festgestellt, dass bei der Platzierung der Türen und Fenster der grösste Korrekturbedarf besteht. Die werden durch die oben beschriebene Wisch-Methode nur ungefähr positioniert. Ein Problem liegt darin, dass man in schmalen Räumen nicht direkt vor die Tür oder das Fenster stehen kann, sondern schräg drauf blickt. Dabei sind Parallaxenfehler unvermeidlich. Wenn die Position von Türen und Fenstern für die Planung wichtig ist, dann ist Nachmessen und manuell Korrigieren unvermeidlich!

Bleibt die Frage, was man mit den erfassten Daten tun kann. Es gibt zwei Möglichkeiten: 2D-Export für den Grundriss und 3D-Funktionen für einzelne Räume.

3D-Darstellung

Erstens zu den 3D-Funktionen: Wenn man einen Raum auswählt, erscheint eine Einzelansicht, die sieben unterschiedliche Ansichten erlaubt:

  • 2D  Floor Plan (Grundriss)
  • 2D-Flyplan
  • 2D →3D Wizard
  • 3D Wireframe (Gitternetz)
  • 3D Point Cloud (Punktwolke)
  • 3D Dollhouse
  • 3D Polygons

Die 3D-Varianten sind unterschiedliche Repräsentierungen, in denen teils auch die Foto-Informationen einfliessen. In der Ansicht Punktwolke, Wireframe und in 3D Polygons sieht man die Möbel und Einrichtungsgegenstände; in der ersten Variante erscheinen sie schattenartig, in der zweiten als Gitternetz und in der dritten vergleichsweise deutlich als Polygone. In meinem Scan sind diese Darstellungen sehr lückenhaft – weil ich die Räume nicht systematisch abgescannt, sondern nur die Wände vermessen habe.

Diese Darstellungen zeigen einem den aktuellen Einrichtungszustand, sind aber nur bedingt nützlich.

Die Darstellung 2D → 3D Wizard zeigt den leeren Raum, den man in alle Richtungen drehen, via AR-Funktion als Augmented-Reality-Objekt betrachten und in den beiden Formaten DAE und USDZ exportieren kann.

Ersteres ist ein Format, das in diversen einschlägigen Anwendungen geöffnet werden kann, u.a. Autodesk AutoCAD, 3ds Max oder Maya von Autodesk, Blender und FreeCAD. Das zweite Format kann unter iOS an andere Augmented-Reality-Apps weitergereicht werden.

Die exportierte 3D-Datei in einem Online-Viewer: Sie liesse sich auch in ein Programm wie Blender oder Maya importieren.

Um herauszufinden, was in einer solchen 3D-Datei steckt, lade ich die DAE-Datei bei einem Online-Viewer hoch und erhalte eine brauchbare Darstellung.

2D-Grundriss

Den gesamten Grundriss der Wohnung lässt sich als Plan in diversen Formaten exportieren. In der Übersicht des erfassten Objekts stehen über die Taste Advanced Export 15 Formate zur Auswahl, nämlich die Folgenden:

  • Structured BIM (IFC) for Autodesk
  • Heat Loss Data
  • Rapid Sketch
  • Sweet Home 3D
  • MTPIX
  • XML
  • Excel (Grösse der Räume und Inventar)
  • Notizen und Fotos als PDF
  • Fotos als PDF
  • PDF (mit allen Wandlängen)
  • PDF (mit Zimmerflächen)
  • PDF (ohne Masse)
  • DXF für CAD (in Zoll)
  • DXF für CAD (in Millimetern)
  • DXF für CAD (in Metern)

Welches Format geeignet ist, hängt von den Bedürfnissen ab. Ich importiere probehalber das DXF-Format in Illustrator, wo ich eine ordentlich aufgebaute Vektorgrafik vorfinde, mit der man etwas anfangen kann.

Fazit: Einfach – aber nicht ohne Tücke

Die Möglichkeiten von Lidar und solchen Apps ist beeindruckend. Eine Wohnung zu vermessen, ist so einfach wie nie. Aller Einfachheit zum Trotz steckt der Teufel im Detail: Dinge wie die Dicke von Wänden spielen bei der Planung eine Rolle. Und natürlich muss man sorgfältig arbeiten, wenn man ein brauchbares Resultat benötigt.

Die Scans lassen sich sowohl in 2D als auch in 3D in diversen Formaten exportieren und weiterverwenden. Einzige Einschränkung: Man kann nicht die ganze Wohnung als 3D-Objekt generieren, sondern nur einzelne Räume. Es wäre begrüssenswert, wenn diese Limitation in einer nächsten Version beseitigt würde.

RoomScan Lidar ist kostenlos; für die Nutzung aller Funktionen zahlt man 4.50 Franken pro Monat – es gibt aber ein kostenloses Probeabo für sieben Tage, das für die Erfassung einer einzelnen Wohnung problemlos reicht.

Beitragsbild: Per Lidar gescannt, kann man die Wohnung digital einrichten (Kari Shea, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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