Dieses Meme hättest du besser nicht gepostet

Berühmt, weil sie medienwirksam rummotzt.

Facebook hat die unangenehme Eigenschaft, einem ungefragt Dinge ins Gesicht zu schleudern, die man dort nicht haben will: Verschwörungstheorien, Fakenews, Memes und stockdummer Quatsch.

Das passiert immer unerwartet und meistens im falschen Moment. Klar, wir sind auch selber schuld: Wir haben ohne viel Nachdenkens dieses Facebook geöffnet – oder Twitter, Instagram, Pinterest oder sonst irgend ein Verteilsystem für Internet-Bullshit. Wir wollten uns bloss ein paar Minuten vertreiben. Dabei hätten wir wissen können, dass oft genau dann irgend etwas im Feed erscheint, dass uns eine unangenehme Entscheidung abnötigt.

Die Auswahlmöglichkeiten bei dieser Entscheidung sind:

  1. Ignorieren.
  2. Eine klare, aber freundliche Replik schreiben.
  3. Eine unfreundliche Abkanzelung schreiben.
  4. Stummschalten. Entfreunden. Blockieren.

Ich bin normalerweise für Weg zwei. Der hat allerdings den Nachteil, dass er viel Zeit braucht – die man in jenen Momenten, in denen man es mit einem solchen Meme zu tun bekommt, absolut nicht hat. Darum hier dieser Blogpost: Ich schreibe ihn als Reaktion auf eine Diskussion, die ich bei Facebook neulich hatte. Aber vor allem auch als Reserve, damit ich ihn in ähnlichen Fällen als Kommentar unter eine solche Facebook-Veröffentlichung knallen kann.

Das Prinzip der präemptiven Kritik hat sich übrigens bestens bewährt: Der Beitrag Diesen Link hättest du besser nicht gepostet ist hervorragend geeignet, um dagegenzuhalten, wenn jemand wieder einmal einen verschwörungstheoretischen Unsinn von sich gibt.

Also, heute geht es um Memes; diese Bilder, die eigentlich lustig sein sollten. Das sind sie oftmals. Manchmal aber auch ausgesprochen fies.

Der Mann, der anderen Mediengeilheit vorwirft, könnte hier den Eindruck erwecken, etwas Social-Media-geil zu sein…

Ein solches fieses Beispiel ist dieses Meme, das es am Anfang dieses Blogposts hier zu sehen ist.

Es stammt offenbar von einem Jörg Schneidereit. Er prahlt hier sogar damit, sein Meme sei seit dem 28. Januar 2020 geschlagene 31’105-mal geteilt worden. Es gibt auf diesem Meme ein Foto von Greta Thunberg, das die Aktivistin mit grimmig verzogenem Mund zeigt. Daneben eine neutrale Aufnahme von Boyan Slat, der ein System zur Säuberung der Ozeane von Plastikmüll enthält.

Der Text darunter: Die eine macht medienwirksam Krawall. Der andere tut etwas, doch: «Kaum jemand kennt ihn.»

Bleiben wir doch ein wenig bei diesem Meme und halten fest: Es ist Quatsch.

Wenn ihr Boyan Slat nicht kennt, dann nehmt euch an der eigenen Nase – und lest nicht nur Facebook, sondern auch mal ein paar richtige Medien. Der Mann wurde in jedem grösseren Medium vorgestellt, auch hierzulande. Eine kleine Auswahl: bei Watson, bei Nau, in der «Süddeutschen Zeitung», der NZZ, 20 Minuten, SRF, dem Tagesanzeiger und Newsnetz, Blick und der Handelszeitung.

Aber selbst wenn es stimmen würde, geht es nicht darum, uns Boyan Slat vorzustellen. Nein, Jörg Schneidereit hat es ausschliesslich darauf abgesehen, Greta Thunberg zu diskreditieren. Das ist an seiner Bildauswahl ersichtlich. Und an der Unterstellung, sie rede nur und tue nichts.

Es ist aber nicht nichts, die ganze Welt auf ein Problem aufmerksam zu machen. Im Gegenteil: Damit verdient man sich Auszeichnung Person of the year des «Time Magazine». Und zwar zu Recht.

Schliesslich ist es Unsinn, Leute gegeneinander auszuspielen, die sich für eine Sache einsetzen. Jeder tut das mit seinen Mitteln – und wenn wir den Vergleich zulassen, so wie Jörg Schneidereit das tut, so müssen wir uns auch gefallen lassen, uns künftig mit jedem anderen Menschen auf der Erde vergleichen zu lassen, der irgend etwas Ähnliches tut wie wir. «Du spielst Tennis? Warum bist du Pfeife nicht so gut wie Roger Federer?» «Du hast ein Motorrad? Warum fährst du Feigling dann nicht bei der Dakar-Rallye mit?»

Immerhin: Mein Facebook-Freund, der dieses Meme weiterverbreitet hat, und Jörg Schneidereit als dessen Erfinder, haben sich wenigstens um eine inhaltliche Diskussion bemüht. Nicht so, wie diese Arschlöcher, die zum Beispiel dieses «Problem gelöst»-Meme gepostet haben, dass man in diesem Artikel von Emma ansehen kann.

Wenn jemand das postet, dann ist Reaktion 3 von obiger Liste angezeigt. Mit Stinkefinger und dann Reaktion 4.

Also, lieber Social-Media-Freund, liebe Social-Media-Freundin:

Mit dem Posten auf Facebook ist eine Verantwortung verbunden. Gedankenlos Memes weiterzuverbreiten, ist noch ein bisschen weniger toll als Facebook ohne Nachzudenken zu öffnen. Du machst dich zum Helfershelfer von jenen Leuten, die das Meme ursprünglich in Umlauf gebracht haben. Du transportierst ihre Botschaft nämlich völlig unreflektiert – als ob es dein eigener Gedanke gewesen wäre.

Willst du das? Wenn du inhaltlich voll hinter dem Meme stehen kannst und dich damit auseinandergesetzt hast – dann meinetwegen. Dann schreibe vielleicht ein oder zwei Sätze dazu, warum dem so ist. Und wenn du es postest, obwohl du gewisse Vorbehalte hast, dann mache das entsprechend kenntlich.

Und mache dir Folgendes bewusst: Du stellst dich in den Dienst einer Botschaft, die vielleicht höchstwahrscheinlich mit einer klaren und vielleicht nicht ganz so lauteren Absicht in die Welt gesetzt worden ist. Du machst dich unter Umständen zum Sprachrohr von Propagandisten, politischen Meinungsmachern, Trollen, Astroturfern (siehe z.B. hier) oder schlicht Idioten. Das könnte das Bild, das du in der Öffentlichkeit abgibst, beschädigen. Und es ist einfach nicht sonderlich charmant, ein Multiplikator von Hass und Ressentiments zu sein.

Quellenkritik, liebe Facebook-Freundinnen und Freunde – die ist unverzichtbar, wenn ihr nicht zum willfährigen Instrument von Leuten werden wollt, die soziale Medien als Kampfinstrument missbrauchen.

Also lasst uns diese Quellenkritik einmal anhand des vorliegenden Beispiels durchexerzieren. Was finden wir über diesen Jörg Schneidereit heraus, wenn wir ein bisschen durch seine öffentliche Timeline scrollen?

Ist dieses Meme nun dunkel- oder nur hellbraun?

Man findet einiges, über das man ernsthaft diskutieren könnte. Bis man dann bei diesem Meme hängen bleibt, bei dem es vor einem Bild mit grünen Legosteinen heisst: «Der Killer von Hanau kam aus einem grünen Haushalt. Grüne Haushalte erzeugen Killer. Grün hat mitgeschossen.»

Das ist eine These, die man zum Beispiel im Blog «Politically Incorrect» findet. Das wird von Wikipedia als rechtsextrem bezeichnet. Dass man eine solche Analogie eigentlich gar nicht diskutieren muss, liegt auf der Hand: Die Grünen vertreten kein Gedankengut, dass sich in irgend einer Form bei diesem Anschlag gezeigt hätte.

Aber vertritt Schneidereit die These selbst – oder will er «zum Nachdenken anregen»? Er hat das Bild mit dem Hinweis gepostet, man «verstehe das Problem übergriffiger Schuldbeimessungen womöglich jetzt ein wenig besser». Diese Relativierung steht auch im Kleingedruckten unterhalb des Memes. Wenn man die miteinbezieht, ist das Meme wohl als Gegenargument zum Vorwurf zu werten, die AfD trage mit ihrer Rhetorik eine Mitschuld am Anschlag von Hanau.

Doch egal, was Schneidereit nun findet: Das Meme trägt nichts Vernünftiges zum Diskurs bei. Aber es ist hervorragend geeignet, das rechtsextreme Gedankengut weiterzuverbreiten. Denn zumindest ein Teil des Publikums wird das Kleingedruckte überlesen oder es ignorieren und nur die Botschaft «Grün hat mitgeschossen» mitnehmen.

Und damit ist Schneidereit für mich als vertretbare Quelle definitiv ausgeschieden. Selbst wenn er nicht mit der AfD sympathisieren sollte, sondern nur gegen den Vorwurf der Mittäterschaft Stellung beziehen wollte, so hat er das auf eine Art und Weise getan, die es gerade darauf anlegt, missverstanden zu werden. Und das ist in diesem toxischen Klima in den sozialen Medien unverantwortlich.

PS: Es gibt übrigens auch Greta-Memes, die ich lustig finde. Das hier zum Beispiel…

Beitragsbild: Drew Hays, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Dieses Meme hättest du besser nicht gepostet“

  1. Mit viel gutem Willen kann man das Greta-Meme als Medienkritik auffassen: Greta hat den Klimawandel weder erfunden noch entdeckt. Schon Al Gore hat schon vor mehr als zehn Jahren einen Film darüber gemacht und Wissenschaftler warnen schon viel länger. Aber gross raus kommt dann eine Schülerin. Das darf man schon kritisieren. Ich habe eine Abneigung gegenüber Personenkult, auch wenn er der „guten Sache“ dient.

    Aber: das schmälert Gretas Verdienste in keinster Weise. Es kritisiert ja auch niemand Schulkinder, die am Weihnachtsmarkt Guetzli für einen guten Zweck verkaufen mit dem Argument, Konzern XY habe aber viel mehr gespendet.

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