Hat das Gute gewonnen?

Viele Expo­nenten, die sich wäh­rend der Pan­de­mie laut­stark zu Wort gemel­det haben, sind seit dem Kriegs­beginn in der Ukraine ver­stummt oder geben sich wort­karg. Herrscht jetzt end­lich wieder Ruhe?

Wenn einer an öffentlichem Bekanntheitsgrad zulegt, ist das weitherum sichtbar. Ein Abstieg findet andererseits still und leise statt. Das liegt in der Natur der Sache: Eine allgegenwärtige Person fällt logischerweise mehr ins Auge als eine, die sich aus dem Staub gemacht hat. Kommt hinzu, dass Leute zwar viel Aufhebens um ihren Erfolg machen, aber es weniger herumposaunen, wenn ihre Stellung und ihre Berühmtheit schwindet. Da hängt es von uns ab, ob uns die Lücke auffällt oder nicht.

Doch wer nicht blind ist, dem fällt unweigerlich auf, dass es um viele der Pandemie-Schreihälse ruhig geworden ist. Allerdings nicht um alle: Es gibt auch solche, die übergangslos auf ein neues Thema umgeschaltet haben und von Corona-Leugnern zu Putin-Fans mutiert sind.

Auf die komme gegen Ende zurück, doch erstmals hier soll es erst einmal um die Leute gehen, die zwar Verständnis für Putin haben, aber das viel weniger lautstark und vehement äussern, als sie es zu Schutzmassnahmen und Impfung getan haben. Ein Beispiel ist Ronnie Grob, mit dem ich auf Facebook und Twitter immer wieder aneinandergeraten bin:

Er ist Chefredakteur der Autorenzeitschrift Schweizer Monat und vertritt gerne Gegenpositionen zu dem, was als «Mainstream-Meinung» gilt. Er hat einen für meinen Begriff zu radikalen und zu eindimensionalen Freiheitsbegriff. Aber, um das klar zu sagen, ist er AFAIK kein Verschwörungstheoretiker. Er bewegt sich für meinen Geschmack zu sehr in deren Dunstkreis, zum Beispiel, wenn er sich von Daniel Stricker interviewen lässt. Aber gut, das tun andere auch.

Putin ist kein Faschist, weil er keiner sein kann

Ronnie Grob findet, wir sollten genau dann sprachlich abrüsten, wenn es um einen Kriegstreiber geht.

Er hat im April einen Blogpost über Putin geschrieben, in dem er den Anschein erweckt, als ob er Putin verteidigen möchte. Ronnie Grob schreibt, wenn man Faschisten als Faschisten bezeichnen will, dann «müsste Wladimir Putin also einer sein». Aber «die Vorstellung einer Welt, in der rund die Hälfte aller Bürger Faschisten sind, deckt sich nicht mit meiner Erfahrung».

Ich deute das so, dass Ronnie Grob findet, Putin sei kein Faschist, weil damit die Quote, die in Ronnie Grobs Welt für Faschisten festgelegt wurde, überschritten wäre. Wenn dereinst ein Preis für die lahmste Verteidigungsrede der Welt ausgelobt werden sollte, dann wäre Ronnie Grob ein heisser Kandidat. Jemanden nicht anhand seiner Taten zu beurteilen, sondern danach, ob im eigenen Weltbild Platz noch Platz für die eigentlich nicht zu leugnende Position vorhanden ist, hinterlässt einen maximal schlappen Eindruck. Für mich ist das ein Zeichen, dass jemandem nichts mehr geblieben ist als seine Ideologie.

Und klar: Eine so schwammige Haltung eignet sich nicht, um sich in heisse Diskussionen zu begeben. Es wundert mich darum nicht, dass Ronnie Grob meine Frage auf Facebook, ob er Putin denn für einen Faschisten halte, bis jetzt nicht beantwortet hat. Er publiziert zwar noch, wirft sich für seine Positionen in den sozialen Medien kaum mehr in die Bresche.

Selbstwirksamkeit? Hat jemand von Selbstwirksamkeit gesprochen?

Wenden wir uns einem anderen Fall zu. Es geht um einen Mann, der in meinen Augen das Etikett des Verschwörungstheoretikers wohl verdient hat. Ich habe mich mit ihm hier angelegt. Auch um ihn ist es ruhiger geworden. So ruhig, dass ich ihn via Twitter-Direktnachricht angeschrieben und nachgefragt habe, was denn los sei. Ich werde hier seine Antwort nicht öffentlich machen, weil sie off the record erfolgt ist – was ich bedauere, weil sie prägnant formuliert war. Allgemein lässt sich sagen, dass er von der seiner Wirksamkeit in den sozialen Medien und im Netz einen fast identischen Eindruck hat, wie ich von der meinen.

Ein weiterer unzweifelhafter Fall ist Ken Jebsen. Vor einem Jahr hat der Podcast «Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?» für viel Resonanz gesorgt.  Die Frage im Untertitel stellt sich ein Jahr später erneut: Was ist eigentlich aus Jebsen geworden?

Ich komme nämlich nicht umhin zu bemerken, dass mir in den letzten Monaten kein einziges Video von ihm mehr begegnet ist. Niemand mehr, der sich auf eine seiner Positionen bezieht – dabei waren die während der Pandemie so präsent, dass ich 2020 ein Video gedreht habe, weswegen man seine audiovisuellen Pamphlete nicht ansehen und vor allem nicht teilen sollte.

WTF macht eigentlich Ken Jebsen?

Doch Anfang 2021 ist sein Youtube-Kanal gesperrt worden. Seine Website kenfm.de, die vor einem Jahr gehackt worden ist, gibt es nicht mehr, die Adresse leitet auf apolut.net um. «Der Tagesspiegel» berichtet, dass durch das Verschwinden der Website auch das Verfahren der Medienanstalt Berlin-Brandenburg hinfällig geworden sei. Und er sagt, Jebsen sei bei «Apolut» als «als Berater ‹im Hintergrund aktiv›.»

Sucht man auf «Apolut» nach Jebsen, findet man aus dem Jahr 2022 drei Treffer. Die drei Beiträge haben 39, 13 und drei Kommentare. Das ist kein Vergleich zu der früheren Mobilisierungskraft.

Da stellt sich die Frage: Hat das Gute gewonnen?

Natürlich, die Frage ist polemisch gemeint und ich bin auch überhaupt nicht der Ansicht, dass man darüber frohlocken sollte. Ich halte es zwar für positiv, dass von Jebsen keine neuen, reichweitenstarken Videos mehr kommen. Aber so lange wir die Gründe zum Rückzug nicht kennen, ist ein Comeback nicht ausgeschlossen.

It’s the Geschäftsmodell, stupid!

Ohnehin denke ich nicht, dass eine «Läuterung» stattgefunden hat, sondern einfach Jebsens Geschäftsmodell zusammengekracht ist. Denn bei ihm ist in den letzten zwei Jahren einiges zusammengekommen: der Hack seiner Website, die Untersuchung durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, der kritische «Cui Bono»-Podcast und nicht zuletzt die Sperre durch Youtube. Ich könnte mir vorstellen, dass letztere der Strohhalm war, der dem Kamel den Rücken gebrochen hat. Denn soweit ich es beurteilen kann, hat Jebsen seine Aktivitäten stark auf Youtube als Multiplikator ausgelegt.

Das zeigt, dass das Deplatforming eine Wirkung haben kann: Wenn grosse Plattformen wie Youtube Leuten, die ständig gegen die Regeln verstossen, das Konto sperren, dann hat das ein Reichweitenverlust zur Folge, der der organisierten Desinformation den wirtschaftlichen Boden entzieht.

Das Verschwörungs- und Esoterik-Imperium floriert

Aber bevor wir uns zu sehr freuen, müssen wir Ivo Sasek ins Spiel bringen. Wie die neueste Folge des «Schlecht beraten»-Podcasts deutlich macht, hat der «Verschwörungs-Hohepriester» über die letzten zwanzig Jahre ein «einflussreiches Verschwörungs- und Esoterik-Imperium aufgebaut».

Das steht stabil auf eigenen Plattformen wie «Klagemauer TV». Deren Sendungen, die gemäss Wikipedia «verschwörungstheoretischen Meldungen ein seriöses Gepräge zu geben versuchen», erhalten mittels Youtube zwar auch ein grösseres Publikum. Doch darauf angewiesen ist Sasek nicht. Denn falls die Angaben der Views auf «kla.tv» nur näherungsweise stimmen, dann erzielt er über seine eigene Plattform Millionen von Views. Im Kanal zum Ukraine-«Konflikt» kommen 177 Videos mit einer Länge von fast 23 Stunden auf annähernd fünf Millionen Views.

Die bei «Kla.tv» sind alles andere als still. Eines der Videos in diesem Kanal heisst «Der Westen braucht den dritten Weltkrieg». PS: Die richtige Bezeichnung ist Krieg in der Ukraine, nicht Ukraine-Konflikt.

Mit anderen Worten: Dieses Geschäft ist durch Deplatforming nicht bedroht und funktioniert auch deswegen, weil – Zitat «Watson» – «die Sekte 165 Studios mit 220 Moderatorinnen und Moderatoren betreibt, die ihre Arbeitskraft unentgeltlich in den Dienst der Sache, also Saseks Sache, stellen.»

Leider nein

Wir können an dieser Stelle die (polemische) Frage, ob das Gute gewonnen habe, getrost mit Nein beantworten. Es mag zwar sein, dass sich viele der Corona-Schreihälse im Ukraine-Konflikt ruhiger verhalten. Ich habe auch die Hoffnung, dass die aus Russland orchestrierten Desinformationskampagnen künftig ernster genommen und dezidierter bekämpft werden. Aber Leute wie Ivo Sasek haben ein klares Ziel, das «Watson» wie folgt auf den Punkt bringt:

Das Ziel der Verschwörungserzähler: Verunsichern, Ängste schüren und etablierte Medien diskreditieren, wovon die Absender schlussendlich selbst profitieren.

Es lässt sich nicht verhindern, dass Leute mit solchen Absichten das Internet auch weiterhin benutzen. Sie werden es erfolgreich und mit Geschick tun und aus Pleiten wie derjenigen von «KenFM» lernen. Und das ist okay, weil wir damit leben lernen müssen, dass sich in einem freien Internet auch maximal unsympathische Leute tummeln und unfassbar blödsinniges Zeug von sich geben.

Darum bleibt uns nichts anderes übrig, als auch weiterhin dagegenzuhalten, unseren Kindern beizubringen, Sinn von Unsinn zu trennen und ihnen klarzumachen, wie wichtig es ist, dagegenzuhalten.

Beitragsbild: Der Jubel könnte verfrüht sein (Tirachard Kumtanom, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

3 Gedanken zu „Hat das Gute gewonnen?“

  1. Ich denke, es liegt ganz einfach am Thema. Die Leute in meinem Bekanntenkreis, die von einer Diktatur, „Gesichtswindeln“ und „Gehorsamslappen“ gesprochen und sich über „zensierte“ Facebook-Posts beschwert haben, sind nicht plötzlich vernünftig geworden, sondern sie sind einfach weniger betroffen vom Krieg in der Ukraine und deshalb interessiert es sie nicht genug, um aktiv zu werden. Aus dem gleichen Grund werden „professionelle“ Verschwörungstheoretiker zu wenig Anhänger haben bei diesem Thema.

    Die Corona-Massnahmen haben jeden von uns betroffen. Kaum jemand hat gerne die Maske angezogen zum Einkaufen und ausgefallene Veranstaltungen haben zumindest die Vereinsmitglieder unter uns sehr bedauert. 3G hat das Fass bei einigen dann zum Überlaufen gebracht.

    Vom Ukraine-Krieg ist diese Klientel aber nur am Rand betroffen. Das Benzin ist teurer und beim Wocheneinkauf in Deutschland ist kein Sonnenblumenöl verfügbar. Das reicht für ein paar Tiraden am Stammtisch, aber nicht, um sich als Freiheitskämpfer aufzuspielen im Internet.

  2. Aus meinen Worten «müsste Wladimir Putin also einer sein» folgerst Du, dass ich höchstwahrscheinlich glaube, Putin sei keiner? Erstaunliche Wahrnehmung.

    Und zurückgefragt: Sieht Deine Welt denn so aus, dass ungefähr jeder zweite ein Faschist ist? Meine sieht wirklich nicht so aus.

    In der Bildunterschrift steht, ich fände, «wir sollten genau dann sprachlich abrüsten, wenn es um einen Kriegstreiber geht.» Wie kommst Du darauf, dass ich das finde? Ich habe Putin einen Kriegstreiber genannt: «Dass der aus der Zeit gefallene Wladimir Putin nun die Ukraine in Trümmer legt, ist völkerrechtswidrig und unentschuldbar.» Quelle hier: https://schweizermonat.ch/editorial-138/

    1. Schön, dass du die Völkerrechtswidrigkeit des Krieges anerkennst. Diese Feststellung hätte auch dem fraglichen Text gut getan; auch wenn ich nicht verstehe, warum du dich um die Aussage «Ja, Putin ist ein Faschist», herumdrückst. Das macht dich in meinen Augen zu einem latenten Putin-Apologeten.

      Und nein, ich glaube nicht, dass jeder zweite Mensch auf Erden ein Faschist ist. Aber Putin ist nicht die halbe Menschheit; er ist einer von 7,95 Milliarden Menschen, darum kann ich dieses Argument wirklich nicht nachvollziehen.

      Deine Forderung nach der sprachlichen Abrüstung stammt aus deinem Facebook-Post, wo du schreibst:

      Es ist nicht jeder Zweite ein Faschist. Auch nicht jeder, der die Frage stellt, was Putin dazu geführt hat, einen Krieg anzuzetteln. Eine Welt mit mehr als zwei Lagern ist denkbar. Abrüstung ist auch in der Sprache möglich.

Kommentar verfassen