Zwei Gründe, keine Videos von KenFM anzusehen oder zu teilen

Warum posten derzeit so viele vernünftige Leute total unvernünftigen Quatsch auf Facebook? Und wie könnte man mit den Videos von Verschwörungstheoretikern sinnvollerweise umgehen?

Verschwörungstheoretiker und ihr toxischer Output sind ein reales Phänomen. Damit habe ich mich abgefunden und an dieser Stelle schon diverse Male auseinandergesetzt.

Was mich betrübt und auch sauer macht, ist eine Beobachtung, die ich in machen musste, als es mit der Coronakrise ernster wurden. Es zeigt sich nämlich, dass die Thesen und Behauptungen in Krisenzeiten infektiöser sind als in einer normalen Situation. Das war während der Nobillag-Abstimmung zu beobachten. (Wobei man sich natürlich fragen darf, ob aus heutiger Sicht diese Periode das Attribut «Krise» verdient.) Und es ist wird in diesen Tagen sehr deutlich.

In meinem Social-Media-Umfeld ist die Situation typischerweise so: Es sind die einschlägig bekannten Figuren, die Fragwürdiges aus der Ecke der Aluhutträger in Umlauf bringen. Man kennt sie, schaltet sie stumm, wenn sie einem zu sehr auf die Nerven gehen – aber es sieht so aus, als ob die Szene in ihrem eigenen Saft vor sich hin köcheln würde.

In der letzten Zeit hat mir Facebook mehrere Posts in meine Timeline gespült, die von Leuten stammen, die ich erstens alle persönlich kenne. Und die ich zweitens alle als vernünftige, nüchterne Personen einschätze. Drittens ging es immer um Videos von KenFM.

Das wirft Fragen auf. Ist es so, dass ich mich auf meine Einschätzung, wer eine «vernünftige, nüchterne Personen» ist, nicht allzu sehr verlassen sollte? Oder geht bei manchen Leuten die Vernunft in während einer Krise einfach flöten? Oder sind diese Verschwörungstheoretiker einfach besonders gut darin, aus der Krise Kapital zu schlagen?

Letzteres wäre die erschreckendste Variante. Denn während man bei den ersten beiden Erklärungsversuchen vermuten darf, dass sich nach der Krise alles wieder zurechtrüttelt, müsste man im dritten Fall befürchten, dass die KenFMs dieses Planeten in der Lage sind, ihre Fanbase mit jeder Ausnahmesituation auszubauen.

Nach einer Diskussion mit einem Facebook-Freund habe ich das gepostete Video angeklickt. (Das ich hier allein deswegen verlinke, weil es inzwischen vom Uploader selbst gelöscht worden ist.) Es hatte eine Länge von gut zwanzig Minuten. Wenig, denn typischerweise dauern solche verschwörungstheoretischen Machwerke immer so lang, dass allein durch die Dauer die Widerstandskraft erlahmt. Doch auch das war unerträglich lang. Zwei Gründe, weswegen dieses «Werk» absolut unverdaulich ist:

Erstens inhaltlich. Es ist bzw. war ein wirres Sammelsurium von einzelnen Tatbeständen, die nüchtern betrachtet wenig bis nichts miteinander zu tun haben – in der Summe aber die altbekannte Botschaft der Verschwörungstheoretiker beförderten: Nichts ist so, wie man uns weismachen will. Und alle stecken unter einer Decke: Politik, Behörden, Mainstream-Medien.

Diese Methode macht es fast unmöglich, das Video zu widerlegen: Man müsste jeden einzelnen der behaupteten Tatbestände überprüfen: Ist er wahr oder erfunden? Falls er wahr ist, stimmt der Kontext, in dem er präsentiert wird? Und schliesslich die schwierigste Aufgabe: Ist der Gesamteindruck realistisch oder ein Zerrbild?

Das ist wahnsinnig aufwändig. Und auch wenn ich empfehle, es nicht zu tun, weil es nichts bringt, habe ich mir eines der eher einfachen Beispiele vorgeknöpft: Nämlich die Behauptung, im Moment würden «alle Toten Corona zugerechnet». Wenn man das ohne Kontext hört, liegt eine Vermutung nahe – nämlich, dass auch der Velofahrer mitgezählt wird, der in den Graben gefahren und sich den Hals gebrochen hat. Das suggeriert, dass die Zahl massiv überhöht und das Virus nicht so schlimm ist.

Das Video ist inzwischen verschwunden. Und nein, nicht wie die Verschwörungstheoretiker glauben, wegen staatlicher Zensur. Sondern, weil es der Uploader selbst gelöscht hat.

Schaut man sich die Aussage genauer an, dann wird klar, dass mit der Aussage gemeint ist, dass jede Person gezählt wird, die Covid-19-positiv getestet wurde und daraufhin stirbt. Es wird nicht unterschieden, ob das Virus die Todesursache war oder eine allfällige Vorerkrankung.

Daraus ergibt sich ein ganz anderes Bild: Erstens dürfte es einleuchten, dass diese Unterscheidung schwierig bis unmöglich zu treffen ist. Und ist völlig klar, dass sie für die aktuelle Notsituation völlig irrelevant ist. Tot ist tot, egal, ob das Virus nun alleine schuld, zur Hauptsache schuld oder «bloss mitbeteiligt» war.

Zweitens formal. Der Inhalt ist Pipifax, wenn man sich die Machart des Videos ansieht. Denn Ken Jebsen transportiert weniger Informationen als vielmehr Gefühle und eine Stimmung: Er trägt eine Schutzmaske, lehnt sich auf die Kamera zu und schwankt bei seiner Darbietung zwischen Flüstern und normaler Tonlage. Er gibt den gehetzten Whistleblower, der jederzeit von den Verschwörern, gegen die er antritt, zur Strecke gebracht werden könnte.

Gleichzeitig ist die Maske natürlich ironisch gemeint – denn wer nicht an die Gefährlichkeit des Virus glaubt, sondern postuliert, dass das Virus von «den Eliten» dazu benutzt wird, die Freiheiten der Menschen zu beschneiden, der benötigt keine Maske. Er macht sich damit lustig über die Leute, die die Bedrohung ernst nehmen und vielleicht sogar um ihr Leben fürchten. Das sind in der Diktion der Verschwörungstheoretiker die Sheeple, die dummen, unaufgeklärten Massen, die es letztlich nicht besser verdient haben, als unter der Knute zu leben.

Das ist einerseits raffiniert: Denn es ist eine Inszenierung, die keinen Hehl daraus macht, eine Inszenierung zu sein. Andererseits ist es auch derartig arrogant, überheblich und anmassend, dass ich es nicht geschafft habe, das Video zu Ende zu sehen – und ich mich sehr beherrschen musste, meinem Freund nicht ein paar hässliche Worte an den Kopf zu werfen, weil er mir dieses Video auf Facebook zugemutet hatte.

Fazit: Wenn ihr dieser Tage tatsächlich in Versuchung kommen solltet, ein solches Video für bare Münze zu nehmen, dann macht folgendes Experiment: Löst euch ganz von den Inhalten und konzentriert euch ganz auf die Machart. Schaut euch Inszenierung und Präsentation an, die Methode und die Vermittlungsart. Und dann fragt euch: Ist das die Art und Weise, wie jemand vorgehen würde, der die Fakten auf seiner Seite hat – oder sieht man hier nicht eher die Instrumente im Einsatz, die ein Manipulator verwenden würde?

Und ja, ich weiss: Auch die richtigen Medien verwenden oft Stilmittel, über die man sich ernsthaft empören könnte. Aber das ist eine andere Diskussion, die an anderer Stelle geführt werden muss – und ein klassischer Whataboutism. Es geht hier um dieses eine Video, das man teilen könnte. Oder aber wahrscheinlich besser als untauglich und schädlich einstufen und auf Youtube mit einem Daumen nach unten bestrafen sollte.

Beitragsbild: Nadine Shaabana, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

3 Gedanken zu „Zwei Gründe, keine Videos von KenFM anzusehen oder zu teilen“

  1. Gut gebrüllt, Löwe!
    KenFM ist leider nur ein (wenn auch bekannteres) Beispiel. Ich glaube, das Problem ist, dass sich Menschen einfach gerne in ihren Zweifel und Glauben bestärkt sehen. Da wird so Zeugs geteilt, WEIL es eben die eigene Meinung stärkt. Mal kurz überprüfen, wer dahinter steht, ist zu viel Aufwand. Mir begegnete kürzlich eine Seite von einem angeblichen Schweizer Presse Research Dingsbums. Da war kein Impressum und bei über uns hat man um Verständnis gebeten, dass die Macher anonym bleiben wollen. Bedenklich, was ohne jedwelche Verifizierung einfach gepostet wird.

  2. Ich finde das du zu schwach bist mit Ken Jebsen ins Ring zu steigen . Ohne das du in Ring gestiegen bist hast du dir die Nase blutig gemacht . Bleib gesund damit du dich jeden Morgen in Spiegel als dich selbst erkennen kannst . Erhole dich, denn deine Dienst ist nicht leicht . Verlange mehr Geld von deinen Ausbeuter da du für ihm im Grunde unbezahlbar bist.

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