Microsoft hat seine alte Spielklötze neu poliert

Bei Microsoft bedeutet Innovation, Games aus der Steinzeit neu aufzulegen. Das ist nicht ganz so unsinnig, wie es klingt – zumindest, wenn man ein Flair für die Klassiker wie Mahjong hat, das es nun fürs iPhone und Android gibt.

Manche Menschen sind Neuem aufgeschlossen, andere nicht: Dieser Gegensatz gehört zu den beliebtesten Kategorien, mit denen man sich selbst und andere beschreibt. Und die meisten Menschen beziehen Selbstwertgefühl oder sogar Stolz aus der Tatsache, dass sie progressiv und nicht konservativ sind – oder umgekehrt.

Nun ist in mir der Verdacht gereift, dass diese Einteilung auf keinen Fall universell gilt – beziehungsweise nur in Ausnahmefällen. Es gibt, so denke ich, jene Leute, die Neuerungen in jedem Lebensbereich ablehnen. Aber umgekehrt sind auch progressive Naturen nicht in jeder Lebenslage progressiv. Sondern eben nur in manchen.

Vermutlich hilft ein Beispiel, diese These zu erläutern: Ich zum Beispiel bin technischen Neuerungen aufgeschlossen. Ich mache nicht jeden Quatsch mit (Stichwort: Smartwatch), aber ich freue mich noch immer über jeden echten Fortschritt. Doch in anderen Bereichen bin ich konservativ bis unbelehrbar: Mein Musikgeschmack wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren geprägt und nur wenig von dem, was später kam, ist bis in mein Herz vorgedrungen. Noch schlimmer sieht es – wie hier beschrieben – bei den Comics aus. Da bin ich nie über die Helden meiner Jugend hinausgekommen.

Konservativ wie der viel zitierte Stock bin ich auch bei den Videospielen. Ich verweigere mich neuen Spielideen zwar nicht grundsätzlich. Doch am Schluss lande ich immer wieder bei den ewig gleichen Spielkonzepten: Jump ’n’ Run bzw. Endless Runner, Match 3, das banale Spielprinzip, das in den App-Stores Milliarden generiert oder Solitär – und bei den Adventures habe ich kapituliert, weil dieses Genre in den 1990ern perfekt war und es seitdem nur noch bergab gegangen ist.

War das überhaupt jemals innovativ?

Aus diesem Grund geht es heute um ein Spiel, das – wenn überhaupt – vor zwanzig Jahren ansatzweise innovativ war. Jedenfalls habe ich am 24. März 2003 im «Tipp der Woche» mit dem Titel «Im Reich der Mauern und Türme» ein simples Spielprinzip vorgestellt, das in die Oberkategorie der digitalen Puzzles einzusortieren wäre:

Mah Jongg gehört neben Solitär oder Pocker unbestritten zu den Klassikern unter den PC-Spielen. Die Spielidee ist simpel: 144 zu einem Turm aufgeschichtete Steine müssen abgetragen werden. Beseitigt werden die Steine immer paarweise, wobei auf das Motiv zu achten ist: Nur wenn die Himmelsrichtung, die Jahreszeit oder die Blumenart übereinstimmt, verschwinden die beiden angeklickten Klötzchen.

Ein gutes Dutzend Varianten habe ich damals ausgegraben, wobei Moraff’s MahJongg, Farmers Mah Jongg, Kyodai Mahjongg und Four Winds noch immer verfügbar sind.

Microsoft mit seinen Casual Games

Heute soll es aber um eine brandneue Variante gehen. Denn es gibt einen Konzern, der bezüglich genauso in der Vergangenheit verwurzelt ist, wie ich. Und es ist obendrein ein ziemlich bekannter, nämlich Microsoft.

Wird das noch was?

Der Softwarekonzern hat über die Jahre unter den Namen Titans und Taipei Varianten des Spiels fabriziert oder mit Windows gebündelt. Die älteste ist gemäss Wikipedia die Taipei-Version für Windows 3.1. Die neueste Variante ist nun Mahjong by Microsof‪t‬, die es fürs iPhone und iPad und für Android gibt.

Die Aufmachung erinnert frappant an die hier vorgestellte Solitaire Collection. Es gibt die freien Spielmodi, bei denen man drei Puzzlepakete mit jeweils 100 Spielen durchpuzzeln oder ein Schnellspiel abhalten kann. Die App bietet unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und Anordnungen der Spielsteine, was die Sache abwechslungsreicher macht.

Fürs Bestreiten der täglichen Herausforderung gibt es Erfahrungspunkte.

Es gibt die täglichen Herausforderungen mit unterschiedlichen Spielprinzipien: Man muss eine gewisse Punktezahl erreichen, bestimmte Pärchen von Spielsteinen in einer vorgegebenen Maximalzahl an Zügen abräumen, gegen die Uhr antreten oder klassisch alle Steine entfernen.

Dafür gibt es Erfahrungspunkte, mit denen man sich Stufe für Stufe nach oben bewegt – was einem den Eindruck vermittelt, mit seiner Zeit etwas Sinnvolles anzufangen. Bei den alten Implementionen, wo es nur die freien Spiele ohne Erfahrungspunkte und Herausforderungen gab, konnte man das Gefühl bekommen, mit seiner Spielerei an Ort und Stelle zu treten.

Eine gelungene Auffrischung

Das sind die weniger schönen, aber einfacher zu vergleichenden Spielsteine.

Mit den Erfahrungspunkten schaltet man auch Spielsteinsets und Hintergründe frei. Auch das sorgt für Abwechslung, aber nicht nur. Nicht alle Spielsteinsets sind gleich einfach auseinanderzuhalten – ganz im Gegenteil:

Die schönen Sets mit Tieren und Symbolen verwechselt man viel einfacher als die grobschlächtigeren Varianten mit den Zahlen. Darum muss man sich zwischen Ästhetik und Benutzerfreundlichkeit entscheiden.

Fazit: Mit diesem Titel hat Microsoft das Rad nicht neu erfunden. Aber das war, wie eingangs erwähnt, auch kaum das Ziel. Doch vor allem mit der täglichen Herausforderung hält Microsoft diese alte Spielidee frisch. Das Spiel ist gratis, doch es gibt eine Premium-Variante ohne Werbung, die 10.50 Franken pro Jahr oder 2 Franken pro Monat kostet.

Beitragsbild: Das echte Mah-Jongg hat augenscheinlich nicht allzu viel mit seinem digitalen Cousin zu tun (Ellicia, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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