Ist das die digitale Zukunft des Comics?

Ich bin auf ein Ding namens Webtoons gestossen. Das sind Comics, die sich bestens am Handy lesen lassen. Und die nicht nur unterhalten, sondern auch Anregung (im sexuellen Sinn) bieten. (Falls nicht alles bloss fauler Zauber ist.)

Da gibt es eine Website, die mich unbedingt als Leser haben will. Zu diesem Zweck hat sie mich in der letzten Zeit offensiv umworben: Via Google-Ads und auf Facebook hat man mir zu verstehen gegeben, dass ich bei einer Tour durchs Web unbedingt einen Halt bei toomics.com einlegen müsse.

Es ist nicht meine Art, auf solche Offensiven zu reagieren. Doch in diesem Fall wurde meine Neugierde geweckt. Wikipedia hat mir nämlich erklärt, dass es sich um ein Portal für südkoreanische Webcomics handelt.

Die nennen sich Webtoons und sind ein kulturelles Phänomen, das sich meiner Aufmerksamkeit bislang entzogen hat. Dabei scheint es kein Nischenphänomen zu sein. Wiederum laut Wikipedia haben die Webtoon-Seiten Millionen Leser täglich und setzen im Jahr 368 Millionen US-Dollar um. Abgesehen davon sind die Südkoreaner ziemlich erfolgreich beim Kulturexport: Siehe K-Pop – von dem sogar ich schon gehört habe.

Und noch etwas ist interessant: Es gibt die Webtoon-Portale schon seit 2003. Mir ist eingefallen, dass ich vor gut sechs Jahren versucht habe herauszufinden, wie es um das digitale Angebot im Bereich der Comics steht. Am 21. Januar 2014 habe ich über die müden Comic-Helden auf dem Tablet geschrieben. Übrigens mit dem besten ersten Abschnitt, den ich je fabriziert habe:

Die ganze Welt ist digital. Die ganze Welt? Nein! Eine kleine, unbeugsame Mediengattung hört nicht auf, dem Fortschritt Widerstand zu leisten. Es handelt sich, beim Teutates, um die Kunstform der Bildergeschichten.

Mein Fazit war damals, dass die Comics in digitaler Form nicht wahnsinnig viel Spass machen. Asterix und Co. sind am Tablet oder Handy nicht sehr komfortabel zu lesen und in Elektronisch keine Konkurrenz zum Papier.

War das, habe ich mich nun gefragt, womöglich die Sicht eines Europäers, der nicht über seinen Tellerrand hinausgeschaut hat? Würden mich die Webtoons eines Besseren belehren? Wenn es so wäre – ich hätte die Grösse, es zuzugeben.

Also habe ich mir Toomics angeschaut. Bemerkenswert finde ich, dass die Comics voll Handy-tauglich sind – «mobile first» wie man das heute nennt. Die Panels sind als langer vertikaler Streifen angeordnet, sodass man nur von oben nach unten zu scrollen braucht. Der Zickzack-Kurs wie bei den digitalen Faksimiles (von links nach rechts, von oben nach unten) fällt weg. Das passt gut auch auf hochformatige Displays. Und es ist unkompliziert, indem man keine spezielle Viewer-App, kein Extra-Dateiformat benötigt.

Es fällt auf, dass es auch querformatige Panels gibt. Die stehen dann um 90 Grad gedreht im langen vertikalen Streifen, sodass man den Kopf drehen muss, um sie anzusehen. Die Texte in der Sprechblase bleiben aber waagrecht, sodass man die Texte trotzdem gut lesen kann. Das ist ein erstaunlich pragmatischer Weg, um mit den Beschränkungen des kleinen Handy-Displays umzugehen.

Eine weitere Auffälligkeit ist das grosse Angebot an Comics. Und an dieser Stelle lässt sich nicht verheimlichen, dass es rechts oben einen grossen grünen, mit «Jugendschutz» angeschriebenen Knopf gibt. Wenn man den anklickt, wird man gefragt, ob man 18 sei. Diese Frage darf man ohne weitere Überprüfung beantworten, wie man will.

Wenn man auf «Ja» klickt, verändert sich der Vorrat an Geschichten augenfällig: Denn was Wikipedia nicht verrät¹, ist der Umstand, dass es offensichtlich auch sehr viele Webtoons mit erotisch bis pornografischem Inhalt gibt.

So präsentiert sich die Auslage des virtuellen Comicladens in der Abteilung für die über 18-Jährigen.

Nun sehe ich meine Aufgabe als Blogger nicht darin, an dieser Stelle den Moralapostel raushängen zu lassen. Erotische und pornografische Comics haben ihre Berechtigung, finde ich. Die Chance besteht, dass sie ansprechender sind als das hier ausgiebig kritisierte Angebot von Audible aus dem Bereich der Erwachsenenunterhaltung.

Die Begründung liegt auf der Hand: Sexuell anregend zu schreiben, ist eine hohe Kunst. Die Gefahr, dass das Resultat seltsam, lächerlich, medizinisch oder abstossen klingt, ist riesig. Die wenigen Autoren aus diesem Feld, mit denen ich zu tun hatte, waren dieser Aufgabe nicht gewachsen.

Seiner Fantasie in Form von Zeichnungen freien Lauf zu lassen, müsste hingegen einfacher sein. Allein deswegen, weil man nicht die seltsamen Worte für die menschlichen Genitalien verwenden, sondern diese bloss ansprechend zeichnen können muss. Und das sollte man in jeder Kunsthochschule im ersten Semester lernen.

Ich habe daher die Probe aufs Exempel gemacht. Aber leider bleibt das Fazit das gleiche wie zu den Hörbüchern und zu den Podcasts: Es macht in Realität viel weniger Spass als man es sich in seiner Fantasie ausgemalt hat.

Zwar hat die eine oder andere Geschichte Potenzial. Aber dann scheitert es an drei Dingen. Erstens am Storytelling: Der Plot ist in aller Regel einfallslos und vorhersehbar.

Zweitens, und noch schlimmer: Die Figuren. Sie sind derartig stereotyp und plakativ, dass man sich sowohl als Mann als auch als Frau beleidigt fühlen muss. Als Frau, weil da leider recht viel sexistische Kackscheisse zu sehen ist: Frauen mit riesigen Kulleraugen und ebensogrossen Brüsten, die entweder devot oder zickig sind.

Doch auch die Männer sind nicht viel besser: Es sind oft Typen, die nur eines gut können. Nämlich sich als eine Weise als Spanner zu betätigen, dass sie entweder weggesperrt oder behandelt gehören.

Und drittens, am Schlimmsten: Es gibt unvertretbar viel widerliche sexualisierte Gewalt in diesen Comics, die weder durch die Geschichte noch durch die erzählerische Tiefe gerechtfertigt ist.

Fazit: Es mag sein, dass ich die guten Geschichten nicht gefunden habe. Aber die Lust am Stöbern ist mir vergangen. Da lese ich doch lieber die alten Asterix-Bände (in gedruckter Form) noch einmal oder kaufe mir auf dem Flohmarkt ein paar lustige Taschenbücher…

Fussonote

1. Zumindest der deutsche Text erwähnt es nicht. Die englischsprachige ist eindeutig: «Im Falle Südkoreas gibt es auch andere Zensurgesetze für online als in gedruckter Form veröffentlichte Materialien, was dazu geführt hat, dass mehr Manhwa (südkoreanische Comics) pornografischer Natur produziert und als Webtoons veröffentlicht werden.»

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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