Ein literarischer Klimax ist das nicht

Sorgen Sex-Podcasts für ein Prickeln in den Ohren? Eine weltbewegende Frage, die ich neulich in diesem Blog hier in Grund und Boden recherchiert habe. Die Erkenntnisse waren nicht so erhebend wie erhofft – aber lest bitte selbst.

Die Frage bleibt somit bestehen: Welches ist die anregendste Medienform, wenn die Plattformen mit den expliziten visuellen Reizen einmal ausgeklammert bleiben? Mindestens ebenso naheliegend wie Podcasts sind Hörbücher in der entsprechenden Kategorie. Audible hat in Englisch im einschlägigen Regal immerhin gut 15’000 Titel zu bieten. In Deutsch gibt es keine eigene Kategorie dafür, was im Vergleich zu den sonst als prüde verschrienen Amerikanern etwas seltsam wirkt. Aber gut, vielleicht gibt es in Deutschland irgend ein Jugendschutzgesetz, das derlei verbietet.

Sucht man nach «erotische Romane», erhält man 445 Ergebnisse. Doch sowohl die Titel als auch die Coverbilder lassen ungeniessbaren Schrott vermuten, sodass einem sogleich jegliche Lust vergeht und man sich zu seinem eigenen Schutz besser sofort den gesammelten Werken von Johannes Mario Simmel zuwendet. Apropos: Die gesammelten Werke dieses grossen deutschen Literaten umfassen bei Audible übrigens genau ein Buch, nämlich den Erstling Es muss nicht immer Kaviar sein. Noch eine herbe Enttäuschung für den deutschsprachigen Hörbuchliebhaber.

Wenn man gewillt ist, sich auch in Englisch erotisieren zu lassen, ist die Auswahl wie gesagt grösser. Nicht nur das: Es gibt sogar ein Ding namens Audible Romance Package. Mitglieder zahlen 6.95 US-Dollar extra pro Monat, nicht Audible-Mitglieder das doppelte. Dafür erhält man eine echte Flatrate für die Bücher aus dieser Kategorie.

Die Existenz dieser Flatrate ist für mich allerdings ein klares Indiz für mangelnde Qualität: Sie legt nahe, dass die klassische Bezahlform mittels Credits in dieser Kategorie nicht funktioniert. Der durchschnittliche Hörer muss offensichtlich mehrere Bücher durchprobieren, bis er eines findet, das erträglich ist. Mit den klassischen Credits, die man pro Buch aufwendet, würde das bedeuten, dass Hörer ihre Bücher ständig zurückgeben müssen. Das würde für Unmut sorgen und die Kundenbeziehung belasten. Bei einer Flatrate fällt einem das «Zappen» durch die Bücher deutlich leichter.

Für die Autoren ist die Flatrate übrigens auch nicht geeignet, wohlige Gefühle auszulösen (in der Lendengegend, dort, wo das Portemonnaie sitzt). Die Honorarausschüttungen seien unterirdisch, wird beklagt: Für ein komplett gehörtes zehnstündiges Buch gibt es gemäss dieser Rechnung hier 57 Cent. Das ist tatsächlich sehr wenig und bedeutet, dass man auch hier nicht darum herumkommen würde, für ein anständiges Auskommen brutal Reichweite zu bolzen. Spannend wäre natürlich der Vergleich mit den regulären Autorenhonraren für Hörbücher. Aber ich habe auf die Schnelle keine Angaben gefunden, wie gut oder schlecht Audible normalerweise zahlt

Also, zurück zum Thema. Nachdem mir aufgefallen ist, dass ich in meiner gut fünfjährigen Karriere als Hörbuchhörer noch kein einziges Buch aus der anzüglichen Kategorie gekauft habe, musste ich das für diesen Beitrag hier ändern – schliesslich nehme ich als Blogger meinen Informationsauftrag ernst. Nach kurzer Recherche bin ich beim Buch The Siren and the Sword gelandet. Die Formel für dieses Werk lautete offensichtlich: Wie Harry Potter, aber mit Sex.

Die Autorin, Cecilia Tan, hat immerhin eine Reputation und eine Wikipedia-Seite. Und die Geschichte ist auch nicht so schrecklich wie befürchtet – allerdings auch eine Million Kilometer (und ein Foto von einem schwarzen Loch) von einem literarischen Höhenflug entfernt. Hier eine kurze Zusammenfassung, in der ich auf jegliche Spoilervermeidung pfeife:

Das Buchcover hätte eine Warnung sein können.

Kyle Wadsworth will sich eigentlich an der Harvard-Uni einschreiben, landet dann aber nicht in der normalen Fakultät, sondern im magischen Bereich. Er existiert parallel zum bekannten Bildungsangebot und steht nur Leuten offen, die eine entsprechende Prädisposition haben. Kyle wusste nichts von seiner genetischen Vorbelastung und ist entsprechend überrascht. Aber da die Aufnahme bindend und irreversibel ist, hat er kaum eine andere Wahl, als die Fächer zu studieren, die für seinesgleichen angeboten werden.

Er findet eine Freundin, Jen, die für vieles, aber nicht für alles zu haben ist. Die Jungfräulichkeit ist für einige magische Praktiken eine Voraussetzung, wodurch sich gewisse Einschränkungen beim Liebesleben ergeben. Aber Kyle ist gewillt, aufs Ganze zu gehen. Gleichzeitig passieren auf dem Kampus gewisse Vorfälle. Zum Beispiel wird Kyles bester Freund durch einen unbekannten Angreifer verletzt, was die Frage aufwirft, ob etwa eine Sirene ihr Unwesen in der Bibliothek treibt.

Wie gesagt: Ich rechne es dem Buch hoch an, dass es nicht in die totale Peinlichkeit abrutscht. Zumindest nicht bevor fast das Ende erreicht ist: Das Finale ist so gigantischer Unsinn, dass man sich wünscht, Rubeus Hagrid hätte der Frau Tan ihre Schreibmaschine zu Klump und Asche verarbeitet, noch bevor sie es hätte schreiben können.

Auf der positiven Seite ist noch mehr anzumerken: Das Buch bemüht sich um einen richtigen Plot, um die Figuren und die Handlung. Und hetzt nicht bloss wie der klassische Porno von Vögelszene zu Vögelszene. Aber trotzdem stimmt halt so vieles nicht: Die Figuren bleiben flach und leblos. Die Umgebung mit der Uni, den Studenten und Profs weigert sich standhaft, zum Leben zu erwachen. Das Vorbild zeigt auch den Alltag an Hogwarts, inklusive Unterricht und Hausaufgaben. Das gehört aber zwingend mit dazu, wenn man als Leser in einer solchen Welt ankommen soll.

Und es gibt eklatante logische Brüche. Zum Beispiel stellen Kyle und Jen fest, dass sie dank Magie auch im Traum Verbindung aufnehmen können und die Möglichkeit haben, alles zu tun, was sie nur wollen. Doch dann bleibt es bei einem Versuch, obwohl Traumsex der perfekte Weg nicht nur zur Empfängnisverhütung, sondern auch zur Bewahrung besagter Jungfräulichkeit wäre.

Das ist schmerzhafter Quatsch. Und generell bleibt die Magie in diesem Buch fast komplett auf der Strecke. Die aussergewöhnlichen Fähigkeiten der Studenten spielen kaum eine Rolle. Und beim Prozedere, bei dem Kyle in sein Haus eingeteilt wird, hat sich Cecilia Tan leider noch nicht einmal die Mühe gemacht, sich ein lustiges Äquivalent zum Sorting Hat auszudenken.

Es gibt Ansätze für eine interessante Geschichte, zum Beispiel, dass magische Betätigung viel Energie braucht und deshalb eine Risiko darstellt. Dieser Aspekt sorgt für Dramatik und spielt auch eine gewisse Rolle. Man hätte aber viel mehr aus ihm herausholen können. Und was den Sprecher angeht: David Radford ist okay, aber es ist auch klar, dass bei diesem Genre nicht die erste Garde aufgeboten wird.

Fazit: Tja, wenn wenigstens die Sex-Szenen gut wären… sind sie aber  nicht. Sie sind nicht grässlich abstossend, was man vermutlich schon als Pluspunkt werden muss. Sie sind aber nicht wirklich inspirierend. Und sie  gehen auch nicht über das hinaus, was man selbst nicht in ein paar halbgaren Anläufen hinbekommen hätte. Es lohnt sich ihretwegen nicht, die anderen Defizite des Buchs in Kauf zu nehmen. Darum ist «The Siren and the Sword» leider Zeitverschwendung.

Ich bin mir an dieser Stelle nicht sicher, ob es sich lohnt, das Experiment fortzusetzen. Falls ihr Empfehlungen habt, die eine Weiterführung rechtfertigen könnten, dann lasst mich das via Kommentare wissen. Ich neige dazu, es abzubrechen. Und zwar aus einem grundlegenden Gedanken heraus:

Ich glaube, dieses Genre funktioniert grundsätzlich nicht – wobei einzelne Ausnahmen die Regel bestätigen würden. Die Kategorie der erotischen Literatur ist gleichzeitig ein Ghetto. Sie beschränkt die Zahl der Leser drastisch. Und wie oben aufgeführt, limitieren Dinge wie diese Flatrate auch das Honorar. Sprich: Es wäre schlicht dumm, wenn ein Autor eine gute Geschichte in dieser Kategorie verheizen würde. Wenn Cecilia Tan ein grosser Wurf gelingen sollte, dann kann man ihr nur empfehlen, die Sexszenen so weit zu entschärfen, dass das Buch als normaler Roman durchgeht. Sie kann sich dann ein Pseudonym zulegen und ihn im Massenmarkt veröffentlichen.

Das heisst umgekehrt, dass «Werke» wie «The Siren and the Sword» explizit für die explizite Kategorie geschrieben werden. Darum müssen sie die Regeln des Genres befolgen. Ich kenne die nicht im Detail, aber ich nehme an, dass mindestens alle x Seiten etwas Eindeutiges passieren sollte. Das macht die Sache aber leider wahnsinnig vorhersehbar und platt.

Das gleiche gilt auch für das zweite Genre, das «The Siren and the Sword» bedient: Fantasy. Auch dort gibt es so hohe Erwartungen und ebenso hohe Einstiegshürden. Die Geschichten sind deswegen oft formelhaft und stereotyp. Das macht es für Leute, die nicht so tief in der Materie drin sind, schwer verdaulich und wenig ansprechend.

Mit diesen starren Genregrenzen werden dem literarischen Schaffen Fesseln auferlegt, die bedauerlich sind. Wie befreiend es sein kann, wenn einer solche Einschränkungen durchbricht, zeigen George R.R. Martin und «Game of Thrones».

In Westeros gibt es Drachen und Magie. Doch die fantastischen Elemente kommen erst mit der Zeit überhaupt zum Vorschein und sind ausreichend realistisch gezeichnet. Auch Leser und Zuschauer können sich mit ihnen abfinden, wenn sie normalerweise mit derlei Hokuspokus nichts am Hut haben. Das gilt für die HBO-Serie noch mehr als für die Bücher: Hier gibt es nackte Haut, aber ohne dass man die Filme deswegen in die Kategorie des Softpornos einsortiert hätte. Und auch darum sticht sie enorm aus der Masse heraus.

Beitragsbild: Frau mit Buch (Mickael Gresset/Unsplash, Unsplash-Lizenz)

 

Autor: Matthias

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