Eine Notiz-App, die die Leute zum Schwärmen bringt

Braucht es noch eine App für Notizen? Bis vor kurzem hätte ich nein gesagt – davon haben wir schon genug. Doch dann hat mich Notion eines Besseren belehrt.

Diverse Leute haben mir von einer App vorgeschwärmt: Elegant sei sie, einfach zu verwenden – und überhaupt irgendwie genial.

Das hat meine Neugierde geweckt. Da schwärmen die Leute mit einem Unterton, den man sonst nur von frisch Verliebten hört. Wie kann das sein? Wo es sich doch um eine äusserst banale Angelegenheit handelt. Die fragliche App ist nämlich dazu da, Notizen entgegenzunehmen.

Das scheint ein gelöstes Problem zu sein. Es gibt eine grosse Auswahl an Apps, Programmen und Webanwendungen für genau diesen Zweck: Evernote hat ungefähr 2008 viele davon überzeugt, ihre Notizen in einer Web-Anwendung zu speichern. Auch ich war vier, fünf Jahre lang ein Anwender, bis ich seinerzeit zu Onenote gewechselt bin.

Microsofts Notiz-App ist für Office-Anwender eine naheliegende Lösung – genauso, wie die iCloud-Notiz-App für Apple-Nutzer nicht verkehrt ist. Es gibt natürlich auch von Google eine Lösung. Die wird, nebst anderen, im Beitrag Wie ich einmal die 100-Millionen-Dollar-Idee vergessen habe beschrieben.

Ich verwende inzwischen vor allem Dokuwiki (Liberté, Egalité, installé) und Joplin (An dieser App hätte Janis ihre Freude gehabt). Ist es nicht Zeitverschwendung, sich noch eine Lösung anzusehen?

Meine Erfahrung ist allerdings, dass man genau mit dieser Haltung es gelegentlich verpasst, von einer guten Lösung auf eine hervorragende umzusteigen. Das gilt gerade für solche Apps, die man tagtäglich und intensiv in Benutzung hat: Man neigt dazu, mit dem Gewohnten zufrieden zu sein und verpasst die Gelegenheit, sich das Leben einfacher zu machen.

Also, Notion: Es gibt diese Lösung als Webanwendung unter notion.so. Man bekommt sie als App für Mac und Windows, sowie fürs iPhone und iPad und für Android. Die Benutzung ist für Private kostenlos, es gibt aber auch kostenpflichtige Pläne: Die Pro-Version kostet 4 US-Dollar im Monat, für Teams ist man ab 8 US-Dollar pro Mitglied und Monat dabei.

Die schnellen Notizen: Ob Text, Aufzählung oder als Checkliste

Notion zeichnet sich durch eine aufgeräumte Oberfläche aus. Am linken Rand findet sich eine hierarchische Struktur der Notizen. Nach der Anmeldung gibt es einige Demo-Einträge, die zeigen, wofür Notion alles taugt:

Es gibt die «schnellen Notizen» zur Gedankenstütze und fürs Sammeln unausgegorener Ideen, Bücher- oder Filmlisten, Aufgaben, Checklisten und To-dos, Rezeptsammlungen und Tagebucheinträge. Man kann zu einzelnen Einträgen auch Unterseiten anlegen, wodurch auch so etwas wie ein persönliches Wiki oder eine Knowledge Base, also eine strukturierte Informationssammlung möglich ist.

Die App ist auf schnelles Arbeiten ausgelegt. Sie hält dazu zwei nützliche Instrumente bereit:

Erstens die Vorlagen: Im Abschnitt Templates gibt es Vorlagen aus diversen Bereichen: Für die persönliche Anwendung beispielsweise Dinge wie das Life Wiki, den Habit Tracker oder das REsume (Lebenslauf). Es finden sich auch viele weitere Kategorien, etwa Produktmanagement, Ingenieurswesen, Gestaltung, Marketing oder Bildung. In dieser für Schüler, Studenten und Dozenten gedachten Kategorie gibt es dann Stundenpläne, ein Planungsinstrument für die Doktorarbeit mit Zeitplan und einen Notenrechner.

Zweitens der Blockeditor: Man puzzelt seine Notiz aus einzelnen Blöcken zusammen. Ein solcher Block kann ein Text, eine Seite, eine Überschrift, eine To-do-Liste, ein Zitat, eine Aufzählung oder nummerierte Liste sein. Selbstverständlich darf man auch Videos und Bilder, Programmiercode oder Dateien ablegen.

Notion arbeitet mit einem Blockeditor: So puzzelt man seine Notizen aus einzelnen Elementen zusammen.

Innerhalb der Blöcke lassen sich auch Personen oder Seiten verknüpfen, Daten mit Erinnerungen versehen, Formeln angeben oder Datenbanken einrichten. Notes stellt sogar Verbindungen mit externen Quellen her, zum Beispiel mit Github, mit Google Drive oder Google Maps. Und als ob das nicht genug wäre, kann man auch Latex-Blöcke, ein Inhaltsverzeichnis, eine Brotkrumen-Navigation und ähnliche Dinge platzieren.

Diese Block-Editoren sind einerseits eine Modeerscheinung: Sie sind bei WordPress aufgetaucht und finden sich auch in anderen Content-Managemente-Systemen. Microsoft hat sie in das Storytelling-Werkzeug Sway eingebaut (Mit Sway ein Tänzchen wagen).

Die Befehle, die pro Block zur Verfügung stehen.

Andererseits sind sie in manchen Fällen auch wirklich praktisch: Man kann aus Blöcken komplexe Dokumente zusammenpuzzeln. Und in einer Lösung wie Notion ermöglichen Sie noch einiges mehr:

  • Es ist einfach, Blöcke zu verschieben und beim Ideen-Sammeln immer wieder neu zu arrangieren.
  • Man kann Blöcke auch filtern oder dynamisch neu gruppieren, mit Farben oder Kommentaren versehen, verlinken oder duplizieren. Die Filterung sieht man schön in Journal-Beispiel, wo man die persönlichen, täglichen und privaten Einträge separat ansehen kann:
  • Und diese Blöcke sind der Schlüssel zur Skalierbarkeit: Sie machen es einfach, aus simplen Elementen eine grosse und potenziell auch ziemlich ausgeklügelte Struktur zu bauen.
Blöcke lassen sich filtern und dynamisch anzeigen.

Fazit: Ich habe erst ein paar Gehversuche mit Notion gemacht – und kann nicht behaupten, dass ich schon über beide Ohren verliebt wäre. Doch das Prinzip leuchtet mir ein.

Notion scheint mir eine gute Wahl auch für sehr anspruchsvolle Leute zu sein: Mehr als eine simple Notiz-App, mit dem Potenzial für anspruchsvolle Wissens-Anwendungen. Es gibt viele Details, die mir gefallen: Beispielsweise die einfache Möglichkeit, Blöcke bzw. Einträge mit Emojis auszustatten: Das ermöglicht es, auch lange Listen einfach zu strukturieren und übersichtlicher zu gestalten.

Die Möglichkeit, innerhalb einer Notiz Einträge zu filtern und sortieren, habe ich so simpel und elegant bislang noch nie gesehen. Darum ist für mich klar, dass ich diese App im Auge behalten werde.

Beitragsbild: Hübsch anzusehen, aber nicht sonderlich praktisch (Kyle Glenn, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Eine Notiz-App, die die Leute zum Schwärmen bringt“

  1. Falls Du mal ein modernes Wiki anschauen möchtest: Ein Kollege hat mir Wiki.js (https://wiki.js.org/) empfohlen. Sieht auf den ersten Blick wirklich super aus und auch die verschiedenen Editoren überzeugen. Leider hat es ein von mir benötigtes Feature noch nicht: Bilder (Screenshots) per Ctrl-V in den Editor einfügen. Ist aber auf der Wunschliste ganz oben und es wird daran gearbeitet.

  2. Zwei Killer-Features noch zum Anhängen, bzw. Ergänzen: 1.) Notizen lassen sich in Notion nicht nur als Seiten, sondern auch als Datenbankeinträge anlegen. Tönt kompliziert und unnütz, ist aber einfach gelöst und höchst praktisch. Der Vorteil eines Datenbankeintrags sind beliebige Datenfelder, mit denen man die Notizen dann filtern und durchsuchen kann. In einer Rezept-Datenbank kann zum Beispiel noch beschrieben werden, ob es sich beim Rezept eher um eine Vor-, Nach- oder Hauptspeise handelt. Ob Vegi oder Fleisch. Ob gut oder schlecht, einfach oder kompliziert.
    2.) fürs Personal Wiki gibt es die etwas versteckte, aber höchste praktische Mention-Funktion, mit der man nicht nur Personen, sondern eben auch Seiten erwähnen kann. Starte mit einem einfachen @ und schon kannst du zu einer bestimmten bestehenden Seite verlinken oder auch grad eine neue Seite anlegen, die dann später befüllt wird. Ebenfalls nützlich, aber im Standard ausgeblendet: auf jeder Seite kann man sich alle verknüpften Seiten grad oben unter dem Titel anzeigen lassen (im 3-Pünktchen-Menü rechts einschaltbar)

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