Die Übersetzungs-App, auf die die Welt nicht gewartet hat

Wie gut schlägt sich die neue Übersetzungs-App von Apple im Vergleich zu Google? Ja, genauso, wie erwartet.

Das wird schon stimmen, nehme ich an.

Mit iOS 14 gibt es beim iPhone auch eine Übersetzungs-App. Das ist einerseits erfreulich. Andererseits kann man sich fragen: Braucht es die noch?

Ich werde wohl nicht der einzige sein, der seit Jahr und Tag Google Translate (iPhone/iPad und Android) benutzt. Und auch wenn sich Google immer mal wieder peinliche Missgriffe erlaubt, erfüllt die App ihren Zweck.

Aber da ist sie nun. Und es ist verblüffend, wie gross die Ähnlichkeit mit der Übersetzungs-App von Google ist. Da drängt sich die Frage geradezu auf, welche App denn nun besser ist.

Eine oberflächliche Analyse bestätigt die Erwartungen: Google ist schon viel länger im Geschäft, und das merkt man natürlich auch. Zum Beispiel bei der Zahl der unterstützten Sprachen.

Google prahlt mit einer riesigen Anzahl: 109 Sprachen insgesamt, wobei allerdings nur 43 von 109 Sprachen eine Übersetzung in beiden Richtungen ermöglichen. Möchte man den Text in Bildern übersetzen, dann schrumpft die Auswahl auf 37. Die dialogische Übersetzung ist mit 32 Sprachen möglich.

Demgegenüber gibt es bei Apple nur zwölf Sprachen. Google ist ausserdem flexibler bei den Übersetzungsmodi (per Sprache, Bild oder in einer Konversation). Und es gibt auch mehr Optionen und Komfortfunktionen. Mich nervt zum Beispiel, dass es bei der Apple-App anscheinend keine Möglichkeit gibt, die Übersetzungsrichtung zu ändern. Und die Erkennung, welche Sprache man gerade verwendet, funktioniert IMHO schlicht nicht.

Doch die eigentliche Frage ist natürlich, wer besser übersetzt. Es gibt diverse Vergleiche zwischen Google und Apple, doch die meisten klammern genau diese Frage aus (zum Beispiel dieser Post hier). Und das verstehe ich auch: Für eine fundierte Aussage müsste man Hunderte oder besser Tausende Beispiele aus diversen Sprachkombinationen prüfen und analysieren. Und ja, das sprengt leider auch den Rahmen dieses Blogposts.

Aber ein paar Stichproben liegen drin. Hier einer der Klassiker, um Übersetzungsalgorithmen aufs Glatteis zu führen.

Der Satz «Die Volkswirtschaftslehre (auch Nationalökonomie, Wirtschaftliche Staatswissenschaften oder Sozialökonomie, kurz VWL), ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften» wurde früher von Google Translate mit «The economics of economics (including economics, economics, economics or economics) is a part of economics» übersetzt. Wie man sieht, gibt es heute eine minimale Differenzierung – aber brauchbar ist die Antwort bei keinem der Kontrahenten.

Deepl bleibt der Übersetzungs-King

Aus Spass an der Freude habe ich den Satz auch bei Deepl eingespeist. Das ist die Übersetzungsmaschine, an der sich alle messen lassen müssen (Der erste Übersetzer mit dem Wow-Effekt). Und der Platzhirsch gibt sich keine Blösse. Die Übersetzung lautet dort: «Economics (also national economy, economic state sciences or social economics, briefly VWL), is a subfield of the economic sciences.»

Man darf den Verdacht hegen, dass die Leute hinter Deepl diese Falle kennen und ihren Übersetzer auf sie vorbereitet haben.

Hier noch ein zweites Beispiel, das den Anwendungsfall der touristischen Nutzung der App abdecken soll.

Mein oberflächlicher Eindruck an dieser Stelle ist, dass die Apps von Google und Apple ungefähr ähnlich gut übersetzen. Beide erlauben sich ab und zu Ausrutscher, die bei der maschinellen Übersetzung aber erklär- und verzeihbar sind. An die Qualität von Deepl kommen indes beide nicht heran.

Wieso spielt Siri nicht mit?

Aus unerfindlichen Gründen verweigert Siri die übersetzerische Tätigkeit.

Eine Funktion würde mich allerdings dazu bringen, die Übersetzungs-App von Apple regelmässig zu verwenden:

Nämlich die Möglichkeit, Texte per «Hey Siri», also auf Zuruf hin zu übersetzen. Es wäre überaus praktisch, Siri fragen zu können, was dieses oder jenes Wort in dieser oder jener Sprache bedeutet.

Allerdings verweigert sich die digitale Assistentin des iPhones diesem Ansinnen: «Tut mir leid, ich kann noch nicht aus der Sprache Deutsch übersetzen», sagt sie. Warum, ist mir völlig schleierhaft. Sie müsste bloss ihre eigene Übersetzungs-App verwenden.

Beitragsbild: Las flores necesitan tiempo para florecer. Tú también (Leonardo Toshiro Okubo, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Die Übersetzungs-App, auf die die Welt nicht gewartet hat“

  1. Wieso spielt Siri nicht mit? Die Schweizer Siri kann das (noch) nicht. Wenn du das trotzdem haben möchtest: „Einstellungen -> Siri & Suche -> Sprache“ und hier dann Deutsch (Deutschland) auswählen.

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