Die drei Kinder von Firefox

Pale Moon: Firefox, in der Zeit stehen geblieben.

Neulich bin ich einem Browser namens Pale Moon begegnet. Er verspricht ein eigenständiges Browsererlebnis («A browsing experience in a browser completely built from its own») und eine gute Balance zwischen breiter Anwendbarkeit, Leistung und technischer Förderung des Webs.

Das klang spannend genug, um den Browser auszuprobieren. Nach dem Start stellte sich bei mir allerdings Ernüchterung ein. Pale Moon sieht aus wie Firefox vor sieben, acht Jahren. Es gibt das Menü in der linken, oberen Ecke, das bei Firefox vor Jahren verschwunden ist. Und die Reiterlaschen sitzen direkt auf dem oberen Fensterrand – nicht wie bei Firefox jetzt über der Adressleiste.

Wenn man bei Wikipedia nachliest, dann erfährt man, dass Pale Moon eine Code-Abspaltung (Fork) von Firefox ist. 2009 wurde sie ins Leben gerufen und seit Firefox-Version 12 (April 2012) wird sie unabhängig gepflegt.

Dieser eigenständige Weg hat gewisse Vorteile: Man kann mit Pale Moon weiterhin alte Erweiterungen nutzen, die bei Firefox mit der ominösen Version 57 rausgeflogen sind (Da bahnt sich der Addons-Supergau an!). Und man hat auch die RSS-Funktionen weiterhin zur Verfügung, die bei Firefox im Verlauf dieses Jahres ausgebaut worden sind (Firefox fällt den RSS-Fans in den Rücken).

Allerdings hat es auch Nachteile: Man hat die neuen Funktionen von Firefox nicht zur Verfügung, beispielsweise die praktische Screenshot-Funktion (Sich einen Wolf scrollen – wobei das Scrollen nicht mehr nötig ist, weil es inzwischen einen Knopf fürs Fotografieren der ganzen Seite gibt), die extrem nützliche Side-View-Leiste (Das sollten alle Browser können!), die Container (Container für Webseiten) und die Enhanced Tracking Protection.

Was mich angeht, kann ich Pale Moon nichts abgewinnen: Ich bin zwar nicht mit allen Neuerungen in Firefox einverstanden. Doch im Grossen und Ganzen macht die Mozilla-Stiftung eine gute Arbeit. Und zu der alten Oberfläche würde ich auch nicht zurückkehren wollen.

Waterfox: Für Internet-Fundis.

Aber Pale Moon ist nicht die einzige Abspaltung von Firefox. Da gibt es zum Beispiel auch Waterfox. Auch diese Variante erinnert an vergangene Firefox-Tage. Doch sie geht nicht ganz so weit in die Vergangenheit zurück wie Pale Moon. Waterfox zeigt noch die runden Reiterlaschen, die bei Firefox mit der erwähnten Version 57 von 2017 abgeschafft wurden. Und auch Waterfox erlaubt es, die alten XUL/XPCOM-Erweiterungen zu nutzen.

Anderer Browser, aber gleiche Frage: Wieso sollte man sich auf so ein Nebengleis begeben wollen? Die Wikipedia-Seite gibt dazu einige Hinweise:

Bei Waterfox ist EME standardmässig deaktiviert. Die Encrypted Media Extensions sind umstritten. Es handelt sich um einen Kopierschutz im Browser, mit dem Musik und Videos verschlüsselt werden können. Viele Leute kritisieren, dass das mit der Idee des offenen Webs nicht vereinbar sei. Das World Wide Web Consortium hat den Standard im September 2017 aber durchgewunken. Das W3C war offenbar zum Schluss gekommen, dass sich ein Kopierschutz im Web nicht würde verhindern lassen – und dass es unter diesen Umständen besser ist, wenn es einen Standard und keinen Wildwuchs der diversen Hersteller und Anbieter gibt.

Damit hatte das W3C natürlich recht. Und trotzdem muss es Puristen stören, nun so eine Funktion auch in einem dem freien Web verpflichteten Browser wie Firefox zu haben. Allerdings kann man EME auch in Firefox abschalten.

In Waterfox fehlt auch Pocket – eine ebenfalls umstrittene Firefox-Ak­qui­si­ti­on. 2015 hat Mozilla den Dienst integriert. Damals fanden Kritiker, manche Nutzer würden einen anderen Dienst oder gar keine solche Funktion verwenden wollen. Ausserdem ist Pocket proprietär und nicht Open-Source.

Und schliesslich die Telemetrie: Waterfox sammelt keine Daten und schickt nichts an Mozilla. Man müsse sich somit keine Gedanken darüber machen, was man in seinem Browser tue.

Und in der Tat: Firefox pflegt wirklich einen ziemlich ausschweifenden Datenverkehr mit Mozilla. Ein ehemaliger Microsoft-Entwickler namens Jonathan Sampson hat das vor einiger Zeit in einem Twitter-Thread aufgezeigt

Kurz zusammengefasst: Ein neue Firefox-Installation tauscht erst einmal annähernd 16 MB aus. Besonders stossend: Im Hintergrund wird automatisch eine Seite geladen, in der Mozilla ausführt, wie wichtig die Privatsphäre sei. Auf dieser Seite ist jedoch Google Analytics eingebunden.

Das wäre auch in meinen Augen nicht akzeptabel. Ob es stimmt, ist jedoch schwer zu sagen. Bei einer Überprüfung von mozilla.org habe ich keinen Hinweis auf Google Analytics gefunden. Laut einem älteren Beitrag von ZD-Net ist das nur bei der Funktion Add-ons entdecken der Fall. Liest man die Datenschutz-Hinweise, dann steht dort allerdings klar und deutlich, dass einige solcher Analyse-Plattformen zum Einsatz kommen: Convert.com, ShareProgress, DoubleClick, Flashtalking, Yahoo Dot Pixel, und eben auch Google Analytics. Und es man findet folgende Bemerkung:

Von Zeit zu Zeit verwenden wir evtl. auch andere Metriken-Tools auf experimenteller Basis. Dies könnte z. B. der Fall sein, um ein neues Metriken-Tool zu evaluieren oder die bestehende Metriken-Erfassung zu testen.

Mit anderen Worten: Alles ist möglich. Das ist etwas doppelzüngig, wo die Mozilla-Stiftung sich doch dem Kampf gegen das Tracking verschrieben hat. Ich wünschte mir, dass Mozilla auch praktiziert, was gepredigt wird.

Jedenfalls ist das ein gutes Argument für Waterfox. Wer die reine Lehre bevorzugt und beim offenen Internet, der Browser-Ausstattung und beim Tracking keinerlei Kompromisse eingehen will, ist mit Waterfox gut bedient.

Allerdings muss man sich bewusst sein, dass diese alternativen Varianten nur von kleinen Teams gepflegt werden. Hinter Pale Moon steckt, so weit ich das sagen kann, hauptsächlich ein Mann namens M.C. Straver, der auch Künstler ist und sich Moonchild nennt. Für Waterfox ist ein Entwickler namens Alex Kontos zuständig, der Unterstützung von einem Freund, Adam Wood, bekommt. Es ist somit nicht gesagt, dass diese Projekte für die Ewigkeit angelegt sind. Und wie lange es geht, bis allfällige Sicherheitslücken geschlossen werden, ist nochmals eine andere Frage.

Aus diesem Grund ist meine Empfehlung klar, bei Firefox zu bleiben. Wem dieser Browser zusehr Mainstream ist, der sollte es mit Opera (Der Browser der letzten Hoffnung) oder Vivaldi (Die Aussenseiter punkten) probieren oder Brave (Der König der Tiere unter den Browsern) eine Chance geben.

Basilisk: Für Nutzer, die mit Firefox 57 (Quantum) nie warm geworden sind.

Und als ob das nicht genug wäre: Ich habe noch einen dritten illegitimen Sohn von Firefox gefunden. Der heisst Basilisk und unterscheidet sich vor allem bei der Rendering-Engine vom Vorfahr. Es kommt Goanna zum Einsatz, eine Abspaltung der Standard-Engine Gecko. Goanna treibt auch Pale Moon an und wurde von dessen Entwickler erfunden.

Die Unterschiede dürften normalen Anwendern herzlich egal sein: Es fehlt die Programmiersprache Rust. Ferner läuft Goanna immer in einem einzelnen Thread, während Gecko auf mehrere Threads aufgeteilt werden kann. Und auch die anderen Eigenschaften zu Firefox (Kompatibilität bei den Erweiterungen, Signierung der Erweiterungen) sind mir persönlich nun wirklich egal. Darum betrachte ich die Sache mit dem Screenshot von Basilisk als erledigt.

Jedenfalls sind Pale Moon, Waterfox und Basilisk ein gutes Beispiel für die befreiende Kraft von freier Software. Jeder, der irgendwas an einer Software zu bemängeln hat, kann eine eigene Variante erschaffen, in der dieser Makel behoben ist. Das hat einen ziemlichen Wildwuchs zur Folge. Aber Freiheit zeichnete sich schon immer dadurch aus, dass man selbst entscheiden musste, was man will – und es sich nicht einfach diktieren lassen kann.

Beitragsbild: Familie Mozilla, bestehend aus Mama Netscape, Söhnen Waterfox, Papa Firefox, Söhnchen Basilisk und Töchterchen Pale Moon – oder so ähnlich (Pixabay/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Die drei Kinder von Firefox“

  1. Für konservative Zeitgenossen zu empfehlen ist der Firefox ESR („Extended Support Release“). Ca. einmal im Jahr wird von einer stabilen Version eine ESR-Version abgezweigt. Diese erhält dann für mehr als ein Jahr Sicherheitsupdates, aber keine funktionalen Neuerungen. Man wird also nicht damit überrascht, dass nach einem Update die Extensions nicht mehr funktionieren oder die Oberfläche anders aussieht. Trotzdem ist man besser dran, als wenn man beim normalen Firefox einfach die Updates ausschaltet (was aus Sicherheitsgründen bekanntlich nicht zu empfehlen ist).

    Die ESR-Version lässt sich dank MSI-Paket gut in Unternehmen verteilen. Unterstützung für die (von Dir so geliebten :P) Gruppenrichtlinien zur Vorkonfiguration/Sperrung von Optionen bietet mittlerweile auch die normale Version.

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