Der König der Tiere unter den Browsern

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Dass mir kein Werbebanner in der Mähne hängen bleibt!

Gibt es neben Firefox und Chrome – plus den zu den Betriebssystemen gehörenden Browsern Safari und Edge – noch Bedarf für weitere Surfprogramme? Die Frage werden manche mit Ja beantworten, zum Beispiel die Macher von Opera (Der Browser der letzten Hoffnung) und Vivaldi (Die Aussenseiter punkten). Ich habe ein Herz für die Aussenseiter – nutze aber in meiner täglichen Arbeit dann doch den Mainstream, nämlich vor allem Firefox. Das hat natürlich auch mit Sachzwängen zu tun. Das CMS meines Arbeitgebers ist leicht exzentrisch, sodass man gut daran tut, es nicht auch noch mit ungewohnten Browsern zu trietzen. Und natürlich muss ich als Journalist die Mainstream-Programme gut kennen – diejnigen, an denen meine Leserinnen und Leser interessiert sind.

Die Marktzahlen zeigen jedenfalls ein klares Bild: Chrome, Firefox und Safari dominieren mit 59, 12,8 und 10,4 Prozent. Edge liegt noch hinter dem Internet Explorer zurück, was Microsoft zu denken geben müsste. Und Mozilla müsste zu denken geben, dass Firefox vom 31 Prozent im Januar 2010 auf gut einen Drittel abgestürzt ist. Aber das wird mit Firefox 57 jetzt vielleicht alles anders.

Die alternativen Browser spielen fast keine Rolle; Opera und Vivaldi werden noch nicht einmal ausgewiesen. Wenn man heute einen Browser in die Welt setzt, sollte man einen guten Grund und überzeugende Verkaufsargumente haben. Und eines fällt einem sofort ein: Der Schutz des Nutzers für Schadsoftware, Tracking und Ärgernissen wie Werbung. Das hat sich Browser in the Box (Das Gegenteil vom Internet Explorer) auf die Fahne geschrieben, und das ist auch der USP von Brave.

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Dieses Blog hier besudelt sich in Brave nicht mit Ruhm.

Brave ist ein Browser, der auf den Quellen von Google Chrome (Chromium) basiert und seit 2016 entwickelt wird. Er verspricht, er habe «your interests at heart»: Die Interessen der Nutzer sind demnach Geschwindigkeit und Schutz der Privatsphäre. Deswegen wird alles blockiert, was zur Nachverfolgung dienen könnte: Zählpixel und Cookies, aber eben auch die Werbung.

Das hat auch schon zu Kontroversen geführt, wie Wikipedia berichtet. Die Verleger beklagen sich, der Browser klaue quasi Inhalte zu eigenen Zwecken. Das ist vielleicht etwas hart formuliert, aber es ist tatsächlich so, dass es die Medienkrise verschärft, wenn Werbung durchs Band weg eliminiert wird. Auch für mich als Blogbetreiber ist das unerfreulich, selbst wenn ich mit Google Adsense bislang nicht reich geworden bin. (Update: Die Einnahmen belaufen sich inzwischen auf etwas über 4000 Franken.)

Aber diese Diskussion läuft ja noch. Wenn Werbungsverweigerer ein Digitalabo beim Tagi lösen, wie Tamedia-Chef Christoph Tonini das nahelegt oder meinen Paypal-Link verwenden, dann dürfen sie meinetwegen gerne auch mit Brave antanzen. Und Brave hat auch eine Flattr-ähnliche Lösung für dieses Problem im Gepäck. Mehr dazu unten.

Also, Brave: Optisch würde man den Browser zurückhaltend als unscheinbar bezeichnen. Weniger zurückhaltend könnte man ihn auch «sackstier» nennen (Schweizerdeutsch für todlangweilig). Im Vergleich zu Chrome ist er in der Optik reduziert, was sich leider nicht in der Startgeschwindigkeit bemerkbar macht. Die ist im Vergleich zu Chrome (gefühlt, nicht gemessen) länger. Auffällig ist, dass Brave neben der Adressleiste ein Symbol anzeigt, das beim Klick über die Schutzmassnahmen informiert: Hier im Blog werden die Werbung und Cookies von Dritten ausgefiltert. Klickt man bei Schutz auf aus, wird die Seite normal geladen.

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Manche Websites verweigern sich mit den Standardeinstellungen.

Fazit: Man kann sich auch mit einem normalen Browser per Erweiterungen ähnlich absichern. Dafür installiert man z.B. Https everywhere (Die Browser aufmotzen!) und Ghostery (Guck mal, wer da Daten sammelt) oder uBlock, Disconnect (Facebook abklemmen) oder Privacy Badger.

Weswegen man einen separaten Browser nutzen wollen würde, erschliesst sich mir nicht so ganz. Im Idealfall ist die Performance noch besser, weil die Sicherheitskomponenten und der Browser besser aufeinander abgestimmt sind als wenn man sie als normale Add-Ons draufpackt. Vielleicht macht es tatsächlich einen Unterschied, wenn man die Sicherheit nicht als «Add-on» betrachtet, sondern als Kernaufgabe – das ist sogar sehr wahrscheinlich. Die Erfahrung zeigt, dass viele Sicherheitsprobleme deswegen auftreten, weil die Sicherheit nicht von Anfang an bedacht wurde, sondern hinterher irgendwie aufgepropft werden soll. In den FAQ beantwortet Brave die Frage wie folgt:

Extensions face API and performance limits. Our own browser lets us put our best foot forward on speed and deep integration of private ad-tech. We may do extensions if our users find themselves browsing in other browsers often.

Falls dem so ist, spürt man das als Nutzer nicht wirklich – IMHO erfüllen auch die Erweiterungen ihren Zweck. Darum hat mich das Konezpt von Brave bislang nicht so richtig überzeugt. Ich werde Brave aber im Auge behalten und auch als Option vorschlagen, wenn mich jemand fragt oder sich die Gelegenheit ergibt.

Und ich bin natürlich gespannt, was aus den Brave-Payments wird. Das ist eine Unterstützung für Publisher, die einen an Flattr erinnert, dem gescheiterten «Support your local web publisher»-Modell. Es wird wie folgt beschrieben:

Brave hat Ihnen einen einfachen Weg eröffnet, Ihre am häufigsten verwendeten Seiten zu unterstützen. Brave Payments ermöglicht es Publishern im Geschäft zu bleiben, obwohl Sie Ihre Werbung mit Brave blockieren. All dies funktioniert, während Ihr Verlauf privat bleibt.

Man kann die Funktion nutzen, muss aber nicht. Details zu den Payments gibt es wiederum in den FAQ. Ich habe mich jedenfalls einmal als Publisher angemeldet, um von dieser Warte aus beurteilen zu können, was die Idee taugt…

Autor: Matthias

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