Romantik über vier Paralleluniversen hinweg

«A Thousand Pieces of You» von Claudia Gray beweist, dass junge Frauen hervor­ragende Science-Fiction-Heldinnen abge­ben und dass das Multi­versum sich gut als Schau­platz für Liebes­ge­schichten eignet.

Ich liebe Bücher, die den linearen Zeitablauf durcheinanderbringen oder aber in Parallelwelten abtauchen. Darum sind Zeitreisen und das Multiversum beides Lieblingsthemen dieses Blogs.

Es ist in letzter Zeit jedoch still um diese beiden Themen geworden. Das liegt an zwei fundamentalen Problemen: Erstens setzen solche Geschichten abstrakte Gedankenakrobatik voraus. Sie neigen dazu, eine überaus komplexe Handlung zu erzählen. Das macht es für den Autor schwierig, die intellektuellen und emotionalen Bedürfnisse der Leserin beiderlei in gleichem Mass zu befriedigen.

Zweitens gibt es nur eine beschränkte Plots, die sich erzählen lassen: Bei der Zeitreise geht es meistens darum, dass der Ablauf der Geschichte gestört wird und wiederhergestellt werden muss. Im Multiversum steht das Gefüge der Realität zur Debatte und wir werden aufgefordert, «Was wäre wenn»-Szenarien geistig durchzuexerzieren. Es geht um die Frage, was der bestmögliche aller denkbaren Verläufe sein könnte und darum, wie Fehler korrigiert und Störeinflüsse beseitigt werden können.

Was gilt, wenn die physikalischen Grundgesetze nicht mehr gelten?

Man kann das auf einer persönlichen Ebene eines Protagonisten erzählen, oder aber global, für die ganze Menschheit. Aber es bleibt dabei, dass es eine kopflastige Turnübung bleibt. Nebenbei hat sich der Autor mit der Herausforderung herumzuschlagen, dass eine entscheidende Regel für sein Handwerk nicht oder nur beschränkt gilt: nämlich die, dass Entscheidungen der Figuren unumkehrbare Konsequenzen haben.

Es gibt nur wenige Bücher, die erfolgreich aus diesem engen Korsett ausbrechen. Eines ist «The Time Traveler’s Wife» (Temporales Treibgut); eine rührende Geschichte, in dem die Liebe wortwörtlich die Zeit überwindet.

Ein bisschen wie «Die Frau des Zeitreisenden» – bloss im Multiversum.

Science-Fiction-Elemente mit Romantik zu paaren, ist mutig und risikoreich. A Thousand Pieces of You von Claudia Gray macht das auch. Dieses Buch, das bislang offenbar noch nicht auf Deutsch übersetzt worden ist, beschreibt das Erlebnis von Marguerite Caine, die durch das Multiversum reist und zwischen zwei Männern pendelt: Paul Markov, ein schweigsamer junger Mann, der womöglich der Bösewicht in der Geschichte ist, und Theo Beck, der ihr Held in schillernder Röstung ist – oder vielleicht auch nicht.

Eine junge Frau, die sich von zwei Männern angezogen fühlt, kann mit der Beschreibung ihres Gefühlslebens allein ein Buch füllen. Doch Marguerites Orientierung wird zusätzlich erschwert, dass sie aussergewöhnliche Eltern hat: Dr. Henry Caine und Dr. Sophia Kovalenka sind für sich genial, aber im Team so einfallsreich, dass sie Gerät namens Firebird erfunden haben.

Reisen durchs Multiversum – mit gewissen Einschränkungen

Dieser Firebird erlaubt es seinem Träger, in andere parallele Welten zu springen. Dort sitzt dessen Bewusstsein dann im Gegenstück dieses Paralleluniversums. Diese Einschränkung hat zur Folge, dass man nicht jedes Paralleluniversum besuchen kann, sondern nur diejenigen, in denen das eigene Ich ebenfalls existiert und noch am Leben ist.

Marguerite interessiert sich nur mässig für die Erfindung ihrer Eltern. Eigentlich möchte sie Malerin werden und die Kunsthochschule besuchen. Doch unvermittelte Ereignisse bringen sie dazu, den Sprung ins Ungewisse zu machen: Ihr Vater stirbt bei einem Autounfall, der absichtlich herbeigeführt wurde. Es scheint, dass jemand die Erfindung sabotieren wird – und nicht irgendjemand, sondern einer aus seinem direkten Umfeld. Marguerite setzt nun an, ihren Vater zu rächen und den Verräter zur Strecke zu bringen.

Und zwar im wortwörtlichen Sinn: Sie will ihn töten, wobei das keine ganz einfache Angelegenheit ist. Sie muss ihm durchs Multiversum hinterherjagen und am Zielort auch sicher sein, dass tatsächlich die Person aus ihrer Welt in dem Gegenpart in der neuen Welt steckt.

Gut – aber mit verpassten Chancen

Soweit die Ausgangslage, die mir ausgezeichnet gefällt. Ich werde nachher noch etwas mehr zur Geschichte verraten, doch vor den Spoilern hier erst einmal ein Fazit.

«A Thousand Pieces of You» ist lesenswert. Die Geschichte eignet sich für Leute, die mit der Idee des Multiversums etwas anfangen können, aber keine ausgebufften Scifi-Fans sind. Die Story ist unterhaltsam und ist nicht bloss eine simple Verfolgungsjagd durch einige parallele Universen, wie man befürchten könnte. Trotzdem hat Claudia Gray nicht so viel aus der Geschichte herausgeholt, wie möglich gewesen wäre. Das Potenzial für ein grossartiges Abenteuer wäre vorhanden – doch die Umsetzung ist bloss mittelmässig.

Das grösste Defizit orte ich bei der Atmosphäre. Die Autorin schafft es zu wenig, ein Gefühl für die fremden Welten zu wecken. Und sie verschenkt ein grossartiges dramaturgisches Instrument, nämlich das der existenziellen Erschütterung ihrer Hauptfigur.

Stellen wir uns das vor: Marguerite Caine springt dem mutmasslichen Mörder ihrer Eltern hinterher, ohne zu wissen, in was für einer Welt sie landet. Ihr erster Sprung bringt sie in ein Paralleluniversum, das unserem voraus ist. Statt Smartphones verwenden die Leute holografische Kommunikationsmittel, von denen unsereins keine Ahnung hat, wie sie funktionieren.

Alles halb so wild

Wenn Marguerite in dieser Welt ankommt, ist sie völlig aufgeschmissen: Sie übernimmt ihr Gegenstück und ist völlig ahnungslos. Sie weiss nicht, wohin sie unterwegs ist, was ihre Aufgaben sind, wo sie wohnt und wie sie sich orientiert. Es ist, wie aus einem Traum aufzuwachen und sich innert ganz kurzer Zeit die fürs Überleben notwendigen Eigenschaften anzueignen. Und natürlich will und darf sie nicht auffallen: Sie darf die Marguerite, die in dieser Welt heimisch ist, nicht in Verruf bringen, und sie will ihre eigene Mission vorantreiben: Das ist eine absolute Ausnahmesituation.

Davon spürt man als Leserin leider sehr wenig. Marguerite hat zwar ein paar Orientierungsschwierigkeiten, die sich jedoch zügig auflösen. Beim Sprung in die zweite Welt landet sich in Russland, wo sie zu ihrem Glück feststellt, dass sie die sprachlichen Fähigkeiten ihrer «Wirtin» besitzt. Das ist ein Glück für sie und eine dramaturgische Notwendigkeit, weil es sonst völlig undenkbar gewesen wäre, dass sie ihre Rolle als echte Marguerite überzeugend hätte spielen können. Aber es wirkt als billiger erzählerischer Taschenspielertrick. Und diese «implizite Integration» schadet der Geschichte, weil sie viel Spannung herausnimmt.

Doch die Autorin hat sich dafür entschieden, die Extra-Dosis an Thrill den Gefühlen ihrer Hauptfigur zu opfern. Und das war vermutlich die richtige Entscheidung, da nicht Nerds meines Alters zur Hauptzielgruppe gehören, sondern Frauen in einem ähnlichen Alter wie Marguerite Caine. Die ist 18 Jahre alt und wie erwähnt mit ihren widersprüchlichen Gefühlen zu kämpfen. Wem soll sie ihr Herz schenken? Theo oder Paul? Und welcher Theo, welcher Paul aus welchem Universum ist der richtige? Dieses Dilemma kann auch ich nachvollziehen. Ich war zwar nie eine Frau zwischen zwei Männern, aber immerhin auch einmal ein Teenager.

Ein Buch für Nerd-Frauen

Und ja, ich finde es toll, dass es hier eine Geschichte für junge Nerd-Frauen gibt. Claudia Gray hat das Kunststück geschafft, auch eine Mädchen-Klischee-Fantasie einzubauen, ohne dass es peinlich oder aufgesetzt wirkt. Und das ist schon ziemlich toll.

… bevor ich die erzähle, aber der Hinweis, dass es ab jetzt ein paar Spoiler gibt.

Also, nach ihrem ersten Sprung in die High-Tech-Welt hat Marguerite Anlass zu Zweifeln, ob es wirklich Paul war, der ihren Vater auf dem Gewissen hat. Sie springt und landet einer Welt, in der der Zar nie zur Abdankung gezwungen wurde.

Nicht nur das: Marguerite hat das vermeintliche Glück, die Tochter des amtierenden Zars zu sein und den Wunschtraum (?) jedes (??) Mädchens (???) zu leben, einmal eine Prinzessin zu sein. Bewacht wird sie von Paul, der in dieser Welt ihr Leibwächter ist. Zarentochter und persönlicher Gardist schmachten sich an, doch getrauen sich nicht, auch nur an der Etikette zu kratzen. Das ändert sich allerdings, sobald Marguerite und Paul aus dem Paralleluniversum von ihnen Besitz ergreifen: Da kommt es zu einer leidenschaftlichen Liebesnacht in einer einsamen Datscha, während um die beiden eine (um gute hundert Jahre) verspätete Februarrevolution tobt.

Huch, aber Papa!

In dieser Welt trifft Marguerite ihren Vater, der auch der Privatlehrer ihrer Familie ist und eine Affäre mit der Gemahlin des Zars hatte. Das ist allein deswegen offensichtlich, weil die Frau des Zaren nicht Marguerites Mutter ist. Paul wird in dieser Welt nicht nur zum Geliebten, sondern kann sich auch vom Verdacht des Mordes befreien, dafür gerät Theo in ein schiefes Licht.

Die Anzeichen, dass er ein doppeltes Spiel spielt, verdichten sich in der dritten Welt. Dort hat die Klimaerwärmung dazu geführt, dass Marguerite und ihre Familie in einem Untersee-Habitat lebt und andere Probleme hat als den interdimensionalen Reiseverkehr. Doch Marguerite findet heraus, dass ihr Vater in ihrem Universum nicht gestorben, sondern hier in diesem Universum gestrandet ist. Sie merkt das daran, dass er einen Beatles-Song vor sich hin pfeift, obwohl in dieser Welt die Beatles nie gegründet worden sind – eine schöne Wendung!

Es gelingt Marguerite, ihren Papa in ihre Welt zurückzubringen und den Plot von Theo zu vereiteln. Er steht offenbar im Dienst von Triad, dem Chef eines Apple-artigen Unternehmens, das die Forschung der Cains finanziert hat. Ob das den Rückschlag hinnimmt, der durch Marguerites Eingreifen entsteht, wird in den zwei Folgebänden geklärt. «Thousand Pieces of You» ist nämlich Teil eins einer Trilogie, der von Ten Thousand Skies Above You und A Million Worlds with You gefolgt wird – und die ich wohl auch noch werde lesen müssen…

Beitragsbild: Und jetzt stellen wir uns vor, dass wir alle ernsthaft so herumlaufen müssen (Tamara Malaniy, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen