Temporales Treibgut

Unstuck in Time: Slaughterhouse-Five vs. The Time Traveler’s Wife.

In diesem Blog geht es in lockerer Folge ums Zeitreisen. Da war es unvermeidlich, irgendwann auf Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug von Kurt Vonnegut zu stossen (Englisch: Slaughterhouse-Five): Der Soldat Billy Pilgrim erlebt sein Leben nicht linear, so wie wir gewöhnlichen Menschen. Er ist nicht mehr in der Zeit verankert (he is unstuck in time), sondern hüpft durch die Jahrzehnte und erlebt Momente in Kriegsgefangenschaft im Schlachthof 5 in Dresden, dann wieder in fortgeschrittenem Alter in seinem Heim, wo ihn seine Tochter drangsaliert – dann wieder auf dem Planeten der Tralfamadorianer, die ihn in einem Zoo ausstellen und zum Sex mit der schönen, blutjungen Schauspielerin Montana Wildhack zwingen.

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Schuld an Billys Zustand sind diese Tralfamadorianer. Sie nehmen die Zeit nicht als verstreichendes Kontinuum wahr, sondern leben in allen Momenten gleichzeitig, beziehungsweise, sie können jeden Moment ihres Lebens jederzeit erleben. Die Ausserirdischen wissen daher bereits, wie das Weltall zu Ende gehen wird. Und sie grämen sich nicht über den Tod. Denn er ändert nichts daran, dass viele Momente weiterexistieren, in denen der Tote quietschlebendig ist.

Es bleibt natürlich nicht ohne Folgen, dass Billy in der Zeit nicht mehr verankert ist. Er ist auch so kein starker Mensch – aber da seine Momente im Krieg immer nur als kurze Episoden zwischen anderen Zeitabschnitten aufblitzen, entsteht bei Freund und Feind der Eindruck, er würde den Krieg nicht ernst nehmen. Auch sein Leben danach als Optiker ist von Fatalismus geprägt. Billy weiss ja, dass er eine reiche Frau heiraten würde (die sonst keiner haben wollte), dass er Vater einer Tochter werden sollte und wann und wie er zu Tode kommt:

Billy has gone to sleep a senile widower and awakened on his wedding day. He has walked through a door in 1955 and come out another one in 1941. He has gone back through that door to find himself in 1963. He has seen his birth and death many times, he says, and pays random visits to all the events in between.

Das Buch überzeugt mich am meisten als Antikriegsbuch. Im ersten Kapitel, in dem Kurt Vonnegut die Entstehungsgeschichte des Buchs darlegt, heisst es folgendes:

I said that to Harrison Starr, the movie-maker, one time, and he raised his eyebrows and inquired, ‘Is it an anti-war book?’
‘Yes,’ I said. ‘I guess.’
‘You know what I say to people when I hear they’re writing anti-war books?’
‘No. What do you say, Harrison Starr?’
‘I say, “Why don’t you write an anti-glacier book instead?”’
What he meant, of course, was that there would always be wars, that they were as easy to stop as glaciers. I believe that too.

Auch bei dieser Einleitung habe ich mich gut amüsiert. Die Geschichte selbst ist ein lakonischer Blick auf die Sinnlosigkeit des Daseins und Vonneguts stehende Phrase So it goes erinnerte mich an Stephen Kings No big loss. Diese Phrase benutzte er in The Stand, nach dem Virusausbruch viele Leute zwar die Krankheit überlebten, sich dann durch eigene Dummheit oder Lebensunfähigkeit selbst aus dem Dasein beförderten. Zum Spannungsaufbau taugt die Prämisse aber leider nicht – denn wenn einer in der Zeit losgelöst mal hier, mal da in seinem Leben auftaucht, dann kann sich keine Spannung ergeben, die aus der Abfolge von unvorhergesehenen Ereignissen gespeist wird.

… und darum hat Audrey Niffenegger bei ihrer Geschichte Die Frau des Zeitreisenden (Englisch The Time Traveler’s Wife) bei ihrer Geschichte den ebenfalls in der Zeit losgelösten Henry DeTamble mit einer Frau zusammengebracht, die in der Zeit verankert ist und gewillt ist, die Liebe trotz der widrigen temporalen Begleitumstände mit allen Schwierigkeiten zu leben. Henry reist, anders als Billy, tatsächlich durch die Zeit. Bei Billy springt nur dessen Bewusstsein – er ist mal im Krieg, dann wieder in seiner Optikerpraxis, was für ihn selbst verwirrklich ist, von seiner Umwelt aber nicht unbedingt wahrgenommen wird.

Henry hingegen verschwindet unvermittelt, um dann splitterfasernackt an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit aufzutauchen. Das ist für ihn selbst nervenaufreibend, aber auch für die Umwelt nicht unbedingt so leicht zu verkraften. Und es ergibt den spannenderen Plot – mit echten Drama und allen Emotionen, die das Topos der unmöglichen Liebe halt so bereithält.

Letztlich ist es Geschmackssache, ob man eine verkopfte, distanzierte Geschichte oder eine überromantische, sentimentale und gelegentlich brutal auf die Tränendrüsen drückende Story bevorzugt. Interessanterweise geben die in der Zeit verlorenen Männer beides her.

Autor: Matthias

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