Hey, Twitter! Wie wärs mit sozialer Verantwortung?

Da meldet man einen ekla­tant rassis­tischen Tweet auf Twitter. Und was pas­siert? Nichts. Es stellt sich die Frage, was die Inhalts­richt­li­nien über­haupt wert sind.

Die erbitterten Debatten über die kulturelle Aneignung sind am Abklingen – wie das halt so ist. Denn selbst mit voller Schützenhilfe der sozialen Medien können sich die Emotionen nicht unbegrenzt auf dem Siedepunkt halten. Und schliesslich wartet schon der nächste Aufreger darauf, die öffentliche Empörung zu befeuern.

Eine Sache gibt es nachzutragen. Nämlich die Frage, ob die sozialen Medien endlich bereit sind, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.

Konkret geht es mir um eine Wortmeldung von einem Herrn Gregor Keller, der auf Twitter zu begegnen ich das Pech hatte: «Ich möchte per sofort keine Schwarzen mehr sehen in Zügen, Flugzeugen und auf Schiffen. Da das alles Erfindungen von Weissen sind, wäre das kulturelle Aneignung», schrieb er.

Das ist übrigens nicht der einzige Tweet mit dieser Argumentation. Gregor Keller hat sie auch hier, hier, hier und hier zum Besten gegeben.

Nicht rassistisch. Oder doch?

Das war wohl polemisch und vielleicht sogar als Witz gedacht. Man könnte die Aussage mit dem Argument verteidigen, dass Gregor Keller nicht wirklich fordert, dass schwarzen Menschen die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel verweigert wird, weil das eine Form der kulturellen Aneignung wäre, gegen die er sich stellt.

Vielleicht würde ich dieser Sichtweise zustimmen, wenn es darum gehen würde, ob Gregor Keller wegen Verletzung der Rassismus-Strafnorm verurteilt werden soll.

Wahrscheinlich aber nicht. Denn in dieser Aussage schwingt auch abseits der Frage der kulturellen Aneignung eine dicke Portion Rassismus mit: Erstens in der Behauptung, dass sämtliche Verkehrsmittel von Rang und Namen von Weissen erfunden worden seien. Das spricht im Umkehrschluss den schwarzen Menschen kulturelle Leistungen ab und stellt sie auf eine niederere Stufe als Weisse.

Rückfall in die 1950er-Jahre

Zweitens ist es ein geschichtsvergessener Affront, wenn wir uns daran erinnern, dass die Rassentrennung in den USA auch eine Diskriminierung in den öffentlichen Verkehrsmitteln umfasste. Schwarze mussten im Bus hinten sitzen und auf Anweisung ihren Sitzplatz für Weisse räumen. Es brauchte eine mutige Frau, Rosa Parks, und einen jahrelangen Boykott, damit diese schändliche Segregationspraxis aufgehoben wurde. Damit wurde leider nicht alles besser: Die NZZ hat vor einiger Zeit dargelegt, dass der Bus bis heute ein Symbol der Rassentrennung ist.

Daran muss man denken, bevor man einen solchen Tweet absetzt. Und als soziales Medium wie Twitter muss man sich die Frage gefallen lassen, ob eine solche Wortmeldung stehen lassen soll oder nicht.

Leute zum Schweigen bringen

Zu dieser Frage habe ich eine klare Meinung: Nein, Twitter muss diesen Tweet löschen. Den Wert der freien Meinungsäusserung sehe ich zwar auch. Aber Twitter ist nicht das Internet, und darum darf und sollte Twitter deeskalierend wirken und klare Grenzen setzen. Zumal der Mikrobloggingdienst in seinen Richtlinie zu Hass schürendem Verhalten unmissverständlich schreibt:

Wir haben Missbrauch, der durch Hass, Vorurteile oder Intoleranz motiviert ist, den Kampf angesagt. Dazu zählt insbesondere Missbrauch, mit dem Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollen, die historisch ausgegrenzt waren.

Das trifft es exakt. Denn man kann Gregor Kellers Tweet auch wie folgt paraphrasieren: «Haltet die Klappe, sonst dürft ihr künftig zu Fuss gehen.»

Darum habe ich den Tweet gemeldet. Und zwar inzwischen vor mehr als zehn Tagen. Passiert ist seitdem – nichts.

Twitter mitgeteilt, meine Meldung sei entgegengenommen worden, hat danach aber keine weitere Reaktion mehr gezeigt. Weder wurde der Tweet gelöscht, noch gab es eine Meldung, man habe den Tweet durchgewinkt.

Eine Reaktionszeit von zehn Tagen ist indiskutabel

Wenn solche Meldungen nicht innert nützlicher Frist behandelt werden, kann man die Moderation auch gleich bleiben lassen. Denn ein Tweet hat eine Halbwertszeit von ein paar Stunden, vielleicht von einem Tag. Wenn man ihn zehn Tage später löscht, ändert das nichts an seiner Wirkung. Das einzige, was dann noch bliebe, wäre, den Urheber zu verwarnen oder zu sperren.

Randbemerkung: Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das in diesem Fall nicht greift, aber Twitter auch für den Umgang mit Inhalten aus der Schweiz eine Richtschnur sein könnte, dass solche Moderationen innerhalb von 24 Stunden, maximal aber nach sieben Tagen erledigt sein sollten.

Also – eine grosse Enttäuschung. Twitter nimmt seine Verantwortung nicht wahr. Das passt zu meinen früheren Erfahrungen mit Facebook, wonach solche Meldungen verschleppt werden. Ich würde nicht sagen, dass die Moderation für die Social-Media-Unternehmen eine reine Feigenblattfunktion hat. Aber es ist offensichtlich, dass die Unternehmen der Aufgabe, für einen zivilisierten Umgang zu sorgen, nicht gewachsen sind.

Nachtrag vom 26. September 2022

Auch Twitter findet, dieser Tweet sei nicht okay.

Heute – also fast zwei Monate nach der Veröffentlichung des fraglichen Tweets – schreibt Twitter folgendes:

Bei unseren Nachforschungen haben wir festgestellt, dass dieser Account gegen die Twitter-Regeln verstösst: Verstoss gegen unsere Regeln zu Missbrauch und Belästigung.

Die Dauer, die Twitter für diese Feststellung gebraucht hat, ist – wie bereits ausgeführt – meines Erachtens inakzeptabel. Die Formulierung, der Account würde gegen die Regeln verstossen, deute ich so, dass nicht nur der einzelne Tweet angeschaut wurde, sondern auch andere Veröffentlichungen. Welche Sanktionen sich daraus ergeben, hat Twitter nicht ausgeführt.

Beitragsbild: Rassismus ist keine Meinung (Polina Tankilevitch, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Hey, Twitter! Wie wärs mit sozialer Verantwortung?“

  1. Ich denke, Du interpretierst zu viel in den Tweet hinein. Ich lese ein Argument, das die Lächerlichkeit des Konzepts der „kulturellen Aneignung“ aufzeigen soll. Zugegeben, verpackt mit sehr viel Polemik.

    Der Rassismus steht nicht im Tweet, der entsteht erst durch Deine Interpretation. Du hast sofort Dein geschichtliches Wissen präsent und so kommt Dir die Rassentrennung in den USA in den Sinn. Das wäre mir wohl nicht passiert, wenn ich nicht vor einigen Jahren „Hidden Figures“ gesehen hätte. Der Autor hat beim Verfassen des Tweets wahrscheinlich nicht an Rosa Parks gedacht.

    Dass die meisten modernen Verkehrsmittel von Weissen erfunden worden sind, ist wohl eine Tatsache. Wie auch, dass nur fünf Prozent der Nobelpreise an Frauen gingen. Das wertet weder Schwarze noch Frauen ab, wenn man es nicht durch falsche Schlussfolgerungen zu begründen sucht. Ob unsere „Hochkultur“ mit vielen Annehmlichkeiten, aber auch vielen negativen Auswirkungen auf die Umwelt wirklich „besser“ ist als das naturverbundene Leben anderer Völker, sei dahingestellt. Ich sehe darin deshalb keine Abwertung anderer Kulturen.

    Ich habe noch nie einen Tweet gemeldet und würde es nur in krassen Fällen tun. Mich stören allgemein persönliche Angriffe und Beleidigungen am meisten. Und ich versuche, nicht von Bösartigkeit auszugehen, wenn auch Unwissenheit in Frage kommt.

    1. Danke für den Kommentar. Ich habe den Tweet extra ausgewählt, weil der Fall nicht so klar ist, wie wenn der Twitterer «Alle Schwarzen sind dumm» geschrieben hätte. Die Formulierung erlaubt eine Diskussion darüber, wo Twitter die Grenze ziehen müsste. Wie ausgeführt, bin ich der Meinung, dass er ohne jeden Zweifel gegen Twitters eigene Regeln verstösst.

      Du schreibst, es sei wohl eine Tatsache, dass die meisten modernen Verkehrsmittel von Weissen erfunden worden seien. Das scheint mir erstens falsch und zweitens irrelevant: Denn als weisse Menschen die Gelegenheit hatten, Erfindungen zu machen und den Fortschritt zu befeuern, lebten schwarze Menschen in Sklaverei, fernab von Bildung und der Chance, sich wissenschaftlich zu betätigen.

      Für mich ist es zutiefst unfair, wenn man den Schwarzen erst die Chance auf eigene Innovationen vorenthält, um sie hinterher mit dem Argument von den Errungenschaften des modernen Lebens fernzuhalten, sie hätten nichts dazu beigetragen. Das trifft für mich den Kern des Rassismusproblems.

      Die Rechnung, wer innovativer war, könnte man aufmachen, wenn Chancengleichheit herrschen würde. So aber erinnert sie halt leider sehr an die «wissenschaftlichen» Versuche, die bis ins zwanzigste Jahrhundert mit anatomischen Vermessungen nachweisen wollten, die Schwarzen seien halt dümmer als die Weissen.

      Womit wir wieder beim Anfang wären: Nein, der Tweet lautet nicht «Alle Schwarzen sind dumm». Aber genau das ist es, was dieser Tweet zwischen den Zeilen vermittelt. Nun könnte man sich noch darüber streiten, ob der Autor sich dieser Interpretation bewusst war und ob er sie billigend in Kauf genommen hat – oder ob er keine Ahnung hatte, dass dieser Tweet so gelesen werden könnte. Nun, bekanntlich schützt Unwissenheit vor Strafe nicht – aber in dem Fall würde ich eine Löschung des Tweets noch nicht einmal als Strafe verstehen, sondern vielmehr als Aufforderung, dass der Urheber des Tweets das nächste Mal vielleicht etwas weiter denkt als nur bis zur eigenen Nasenspitze. Da könnte Twitter durchaus eine erzieherische Wirkung haben – und wie die zitierten Richtlinien zeigen, hat Twitter diesen Anspruch auch.

      Vor allem aber könnte Twitter verhindern, dass der Tweet von anderen rassistisch gelesen wird. Diese Gefahr besteht nämlich unabhängig von den Absichten, die der Autor womöglich gehabt hat.

Kommentar verfassen