Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress

«Relive» von KJ Nelson ist eine fulminante Zeitreisegeschichte über eine Gruppe von Menschen, die nach dem Tod zurück in ihre Jugend geworfen werden. Nicht ganz so charmant wie «Back to the Future», aber locker und spannend erzählt.

Es war nun wirklich wieder einmal Zeit für ein Buch mit einer Zeitreise – das letzte ist auch schon wieder zwei Jahre her.

Doch wie immer, wenn mich die Lust auf eine Geschichte packt, die das temporale Gefüge durcheinanderbringt, stellt sich eine bange Frage: Erwische ich dieses Mal eine Geschichte, die ein bisschen abgefahren aber nicht zu schräg ist, die nicht dieselben alten Paradoxa bemüht oder ihnen zumindest etwas Neues abgewinnen kann? Das Problem mit diesen Büchern über Zeitreisen besteht darin, dass sie oft die Erwartungen nicht zu erfüllen mögen – und man am Ende der Geschichte gerne zu dem Zeitpunkt zurückkehren würde, an dem man sich unglücklicherweise zur Lektüre entschlossen hat.

Der Autor ist auch sein eigener Verleger

Vom Jugendlichen zum alten Mann – und wieder zurück.

Dieses Mal hatte ich Glück. Ich habe mich für Relive von KJ Nelson ent­schie­den. Der Name des Autors war mir bislang nicht geläufig und seine Website legt die Vermu­tung nahe, dass er noch nicht lang im Ge­schäft ist. Es gibt dort näm­lich nur einen zweiten Titel namens «Warlord», und Nelson scheint seine Bücher auch selbst digital zu verlegen. Es gibt «Relive» als E-Book für den Kindle und als Hörbuch, aber nicht in gedruckter Form. Dabei wäre es meines Erachtens so gut, dass es auch in ein traditionelles Verlagsprogramm passen würde. Zumindest, wenn dort bereits Titel aus dem Bereich des Fantastischen verlegt werden. „Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress“ weiterlesen

Per App in die Achtzigerjahre

Mit VHS Camcorder verwandelt man qualitativ hochwertige, digitale Videoaufnahmen in Artefakte einer anderen Zeit: Nach der Behandlung mit dieser App sehen sie aus, als ob sie mit einem billigen Camcorder auf Videoband aufgenommen würden wären.

Zugegeben: Diese App ist Geldverschwendung. Kein Mensch braucht sie. Gleichzeitig ist sie einfach grossartig, weil charmant, retro und ansprechend gemacht.

Das jugendliche Erscheinungsbild kann die App leider nicht wiederherstellen.

Ich meine die App VHS Camcorder. Sie simuliert eine Videokamera aus den 1990er-Jahren, respektive die Qualität und Anmutung der Aufnahmen aus solchen Geräten.

Und das tut sie glaubwürdig: Sie gibt den Aufnahmen ein aus heutiger Sicht groteskes Bildrauschen, leicht ausgewaschene Farben, die von der nicht so ganz stabilen Spurlage herrührenden wackeligen Kanten. Am unteren Rand franst das Bild aus. Ab und zu läuft eine Störung durchs Bild, das natürlich das Seitenverhältnis 4:3 aufweist. Und in klobigen Ziffern ist die Aufnahmezeit eingeblendet.

Also genauso, wie Leute wie wir, die mit diesen klobigen Kassetten aufgewachsen sind, das in Erinnerung haben. „Per App in die Achtzigerjahre“ weiterlesen

Alexander, der durch die Jahrhunderte surft

Die Bücher «Alexander X: Battle for Forever» und «Ancient Among Us» erzählen die schräge Geschichte von Menschen, die hundertmal langsamer altern, und Tausende Jahre der Mensch­heits­geschich­te miterleben. Diese ungewöhnliche Zeitreise-Geschichte hat ihren Reiz.

Was kommt öfters vor? Dass man sich mit viel Freude an ein Buch heranmacht, um es dann (gelesen oder nicht) mit einer gewissen Enttäuschung beiseite zu lesen – oder dass man nicht viel erwartet und dann positiv überrascht wird?

Ich fürchte, der erste Fall ist viel häufiger. Aber manchmal passiert auch letzteres. Und darum geht es heute. Und um die beiden Bücher von Edward Savio: Alexander X: Battle for Forever (Amazon Affiliate) und Ancient Among Us (Amazon Affiliate). Die es meines Wissens nicht auf Deutsch gibt.

Audible hat mir das erste Buch «Battle for Forever» vorgeschlagen, doch aufgrund des Klappentexts hatte ich es schon verworfen. Denn die Hauptfigur ist ein toller Hecht, ein Superheld, der einfach alles kann:

Alexander Grant is a little too good at a few too many things. Two dozen martial arts. Twice that many languages. Chess, the piano, sports, forging excused absences, you name it. He graduated high school top of his class…

Er kann zwei Dutzend Kampfsportarten, beherrscht 48 Sprachen, Schach, Klavier, Sport, egal was. Das klingt langweilig, denn spannende Geschichten entwickeln sich aus menschlichen Schwächen, Konflikten mit ungewissem Ausgang, Selbstzweifeln und Selbstüberwindung.

Es klang also nicht danach, dass dieser Alexander etwas anderes tun würde als sämtliche Widerstände in seinem Leben mit einem Lächeln zu beseitigen. Doch zwei Dinge haben mich umgestimmt. Erstens die vielen positiven Kritiken, die echt angetan von dem Buch zu sein schienen. Und zweitens der Umstand, dass Wil Wheaton das Hörbuch liest. Anders als Wesley Crusher muss man den nämlich mögen. Und er hat auch ein gutes Händchen, was die Bücher angeht, die er liest.

Darum habe ich einen Audible-Credit für das Buch aufgeworfen und es mit geringen Erwartungen in Angriff genommen. Und wie gesagt: „Alexander, der durch die Jahrhunderte surft“ weiterlesen

Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging

«Recursion» von Blake Crouch ist eine spannende und ziemlich verquere Geschichte, in der plötzlich auftauchende Erinnerungen den Lauf der Welt zu verändern beginnen.

Recursion von Blake Crouch (Amazon Affiliate): Das ist ein Buch, das ich mit Spannung gelesen – und mit dem ich gehadert habe. Es untermauert meine Ansicht, dass Crouch der beste zeitgenössische Autor für literarisch anspruchsvolle und unterbewertete Themen wie Zeitreisen und Parallelwelten ist.

Selbst den Vergleich mit den wegweisenden Werken des Sciencefiction-Genres braucht er nicht zu scheuen. Er überzeugt bei den Figuren. Seine Handlungswendungen lassen einen nicht mehr los. Die Logik innerhalb des Buchs funktioniert, selbst wenn sie nicht mit den Naturgesetzen der richtigen Welt korreliert. Und er ist stilistisch sattelfest: „Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging“ weiterlesen

Das ganze Leben als Endlosschleife

«Die vielen Leben des Harry August» erzählt die Geschichte eines Mannes, der sein Leben nicht einmal, sondern ganze fünfzehn Mal absolvieren muss. Er ist nicht der einzige, sondern organisiert sich im Cronus Club mit seinesgleichen – und sie müssen gegen einen antreten, der die Zeitleiste der ganzen Menschheit durcheinanderbringen will.

The First Fifteen Lives of Harry August (Amazon Affiliate), in Deutsch Die vielen Leben des Harry August (Amazon Affiliate) ist eine Geschichte, die zwar gut in meine Nerdliteratur-Rubrik passt – aber weder mit dem Zeitreisen– noch mit dem Multiversums-Tag so richtig passend beschrieben ist (ich habe trotzdem mal beide zugewiesen). Es gibt zwar Varianten im Ablauf der neueren Menschheitsgeschichte und Informationen, die im Zeitablauf nach hinten wandern. Aber es gibt keine Methode, mit denen die Protagonisten von einem Paralleluniversum ins andere hüpfen könnten. Und auch keine Zeitmaschine.

Die Mechanik zur Durchbrechung des linearen Ablaufs der Dinge erinnert sehr ans Buch «Replay», das ich im Beitrag Jahrzehntlich grüsst das Murmeltier besprochen habe: Da geht es um Jeff Winston, der einen Teil seines Lebens immer und immer wieder erlebt. Er kann daraus Lehren ziehen, Varianten ausprobieren und sehen, was er tun muss, damit es ihm gut ergeht. Aber wie er in diese Schleife hineingeraten ist, das bleibt im Dunkeln. Es passiert einfach – und damit muss man sich als Leser zufriedengeben.

Der Tod ist nicht definitiv und kein Ende ist abzusehen

Auch Harry August erlebt sein Leben mehrfach: Wie der Titel andeutet, fünfzehnmal. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass nach dem 15. ein 16. Mal erfolgt, und die Wiederholungen sich potenziell in alle Ewigkeit erstrecken könnten. „Das ganze Leben als Endlosschleife“ weiterlesen

Unauflösliche Widersprüche

«Survivor» von Brett Battles ist der (halb geglückte) dritte Teil einer Zeitreise-Trilogie, in der der Held ein unvergleichliches temporales Chaos in Ordnung bringen sollte.

Ich vermute, dass zwei Buchbesprechungen in einer Woche die Geduld meiner Leserschaft überstrapaziert. Aber hey, wir sind hier nicht zum Vergnügen.

Und darum müsst ihr nun die Besprechung von Brett BattlesSurvivor (Amazon Affiliate) über euch ergehen lassen.

Wie würde die Gegenwart aussehen, wenn Barbaren wie diese hier Europa überrannt hätten? (Bild: Parker_West/Pixabay, CC0)

Das Buch ist der dritte Teil einer Trilogie, die mit dem Buch «Rewinder» begonnen hat, das im Beitrag Wir sind die Anomalie besprochen wird. Der zweite Teil, «Destroyer», wurde hier nur kurz erwähnt, weil sie der schwächste Teil der Miniserie ist und den Protagonisten bloss als hilflosen Statisten zeigt, der zusehen muss, wie seine Gegenspielerin Lidia die Historie der Menschheit zu Kleinholz verarbeitet – um eine plumpe Metapher für ein würdeloses Schauspiel zu verwenden.

Das britische Empire als Mass aller Dinge

Kurze Zusammenfassung von dem, was bisher geschah: „Unauflösliche Widersprüche“ weiterlesen

Zeitreisen sind nicht mehrheitsfähig

Bei «Timeless» reist ein Team in die Vergangenheit, um Fehler zu beheben. Das beeinflusst die Gegenwart – was spannend sein könnte. Doch leider ist es der Serie nicht erlaubt, die resultierenden Paradoxien auszuloten.

Die Fernsehserie Timeless, momentan bei Netflix zu sehen, beschäftigt sich mit Zeitreisen. Industriemagnat Connor Mason hat in seinem Unternehmen im Geheimen eine Zeitmaschine bauen lassen.

Die Zeitmaschine, die ein bisschen wie ein Auge aussieht und beim Gebrauch bedrohlich rattert.
Die Zeitmaschine, die ein bisschen wie ein Auge aussieht und beim Gebrauch bedrohlich rattert.

Das Projekt war aber nicht so geheim, dass Garcia Flynn nicht davon Wind bekommen hätte. Flynn klaut die Zeitmaschine, um ein bisschen temporalen Terrorismus zu verbreiten. Ein Team von drei Leuten erhält den Auftrag, dem Terroristen und seinen Spiessgesellen mit einer Ersatz-Zeitmaschine hintendreinzujagen.

Historikerin Lucy Preston, Elitesoldat Wyatt Logan und der ungelenke Nerd Rufus Carlin sollen den Mann einfangen und gleichzeitig allzu schlimme historische Entgleisungen verhindern oder zurechtrücken. Das funktioniert natürlich nicht. Schon nach der Pilotfolge ist Welt nicht mehr dieselbe: In den Geschichtsbüchern steht etwas anderes zur Hindenburg. Und Lucy ist plötzlich ein Einzelkind, weil ihre Mutter die Schwester namens Amy in diesem Zeitstrang nie geboren hat.

Eine Lanze für die Emanzipation

Das kitzelte meinen Nerv für das Thema. Das Fazit nach einigen Folgen: „Zeitreisen sind nicht mehrheitsfähig“ weiterlesen

Zeitreisen schützt vor Torheit nicht

Oder auch: Alter schützt vor Zeitreisen nicht. Sie findet in «A Gift of Time» statt, einer wunderbaren Zeitreise-Geschichte von Jerry Merritt.

Frederik Pohl, seines Zeichens Science-Fiction-Autor, wird folgendes Zitat zugeschrieben:

A good science fiction story should be able to predict not the automobile but the traffic jam.

Ein guter Scifi-Autor sollte nicht das Automobil vorhersagen, sondern den Verkehrsstau. Das ist natürlich absolut wahr. Eine technische Errungenschaft zu skizzieren, ist im literarischen Kontext langweilig. Spannend wird es erst, wenn man als Leser erfährt, was eine Erfindung auf gesellschaftlicher oder persönlicher Ebene, im privaten oder globalen Ausmass anrichtet.

Trotzdem haben Nerds wie ich einen kleinen Einwand: Wir wollen dennoch ganz genau wissen, wie eine Erfindung funktioniert und arbeitet, welche Benutzerschnittstellen sie hat und welche Version von Windows auf ihr läuft. Um zum Zitat zurückzukehren: Wenn es nur um den Verkehrsstau geht, dann fehlt unsereins die technische Glaubwürdigkeit. Auch das Automobil als Erfindung, als Maschine und als künstliche Entität muss uns begeistern.

Wenn man seinen Bruder retten will und aus Versehen in der Kreidezeit landet. (Bild: 100million, Jason Boldero/Flickr.com, CC BY 2.0)

Dieses Dilemma gibt es bei vielen der Geschichten, die ich hier bespreche – bei denen es um Zeitreisen, um Paralleluniversen und alternative Realitäten geht. „Zeitreisen schützt vor Torheit nicht“ weiterlesen

Schnitzeljagd durch die Jahrhunderte

«Paradox Bound» von Peter Clines ist eine leichtfüssige Zeitreise-Geschichte mit Anflügen von Steampunk und einem fiesen kleinen Seitenhieb auf den American Dream.

Eine der Pflichten dieses Blogs ist es, Bücher über Zeitreisen zu besprechen. Und es ist höchste Zeit, diese Pflicht wieder einmal zu ehren. Was ich mit Paradox Bound (Amazon Affiliate) von Peter Clines hiermit gerne tue: Ihr solltet dieses Buch in der Gegenwart lesen. Oder in die Vergangenheit reisen, es dort lesen, damit es euch in der Gegenwart bereits beeinflusst hat.

Die «faceless men» sehen komplett anders aus als auf diesem Bild. (Bild: Ed Gregory/stokpic.com, CC0)

Das ist, um es auf den kürzesten Nenner zu bringen, die Frage dieses Buchs: Was, wenn durch Zeitreisen ein Effekt noch vor seiner Ursache auftreten kann? Die Hauptfigur, Eli Teague, kommt dieser Frage auf die Spur, als er aus seinem etwas langweiligen Leben in der Stadt Sanders in Maine gerissen wird, weil er wieder dieser einen Frau begegnet, Harriette Pritchard alias Harry, die mit einem uralten Chevy einer Art Landstreicherdasein nachzugehen scheint.

Männer sind so durchschaubar

Clines verrät an dieser Stelle bereits eine simple, aber gerne verheimlichte Tatsache über uns Männer: Dass wir uns nämlich von kleinen Dingen zu grossen Taten anstiften lassen. Im Fall von Eli ist es ein heimlicher Blick in den Ausschnitt von Harry, der ihm überhaupt erst klarmacht, dass Harry eine Frau ist – und dass er sich mit ihr und ihretwegen gerne in Gefahr bringen würde.

Harry jagt einem (weitestgehend immateriellen) Schatz hinterher – quer durch die USA und durch die Geschichte hindurch, wie sie sagt. Es gibt nämlich viele «Slip-Spots», die es ermöglichen, von einem Jahrzehnt zum anderen zu hüpfen und so Hinweise zu sammeln und dem Schatz auf die Spur zu kommen, der 1963 entwendet wurde. Eli, der sich erst einmal auf die Suche nach Harry macht, stellt bald fest, dass es viele andere Schatzjäger gibt. Und die «faceless men», die den Schatz eigentlich hätten bewachen müssen. Sie sind eine Art «Men in Black», die für ihre Mission jedoch skrupellos morden und eine besondere Abneigung gegen die Schatzjäger haben.
„Schnitzeljagd durch die Jahrhunderte“ weiterlesen

Die drei Gesetze der Zeitreise

Determiniert, dynamisch oder multiversell? Es gibt drei Möglichkeiten, wie man sich Zeitsprünge erklären könnte – und alle haben ihre Vor- und Nachteile.

Zeitreisen sind in diesem Blog ein grosses Thema; zumindest in der Rubrik Nerdliteratur. Bei diesen Geschichten fällt auf, dass die Rahmenbedingung, unter denen die Zeitreise stattfindet, je nach Buch und Autor verschieden ist. Mal haben die Manipulationen der Vergangenheit Auswirkungen, mal nicht. In der einen Geschichte ist mit Paradoxa zu rechnen, mal eher nicht.

Der Grund liegt darin, dass die Gesetzmässigkeiten der Zeitreise unterschiedlich sind bzw. die Zeitreise unterschiedlich definiert wird. Das Video nun sagt, es gebe drei fundamental unterschiedliche Einschätzungen darüber, was bei einer Zeitreise genau passiert und was die Auswirkungen sind:
„Die drei Gesetze der Zeitreise“ weiterlesen