Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging

Recursion von Blake Crouch (Amazon Affiliate): Das ist ein Buch, das ich mit Spannung gelesen – und mit dem ich gehadert habe. Es untermauert meine Ansicht, dass Crouch der beste zeitgenössische Autor für literarisch anspruchsvolle und unterbewertete Themen wie Zeitreisen und Parallelwelten ist.

Selbst den Vergleich mit den wegweisenden Werken des Sciencefiction-Genres braucht er nicht zu scheuen. Er überzeugt bei den Figuren. Seine Handlungswendungen lassen einen nicht mehr los. Die Logik innerhalb des Buchs funktioniert, selbst wenn sie nicht mit den Naturgesetzen der richtigen Welt korreliert. Und er ist stilistisch sattelfest: Auch wenn man sich als Leser unvermittelt in der Eiseskälte der Antarktis wiederfindet oder vor seinem inneren Auge Atompilze über Denver aufsteigen sieht, dann wirkt das zwingend, lebendig und immersiv.

Ist man am Ende tatsächlich wieder da, wo die ganze Sache angefangen hat?

«Recursion» ist ein komplexes und trotzdem ein spannendes Buch. Wer mit Geschichten etwas anfangen kann, die den linearen Zeitablauf aufbrechen und Konstellationen herbeiführen, bei denen eine Wirkung sich viel früher einstellt als die Ursache aufgetreten ist und die Hauptfiguren ihre Leben mehrfach absolvieren – mit allen emotionalen Nebenwirkungen wie dem Verlustgefühl, einmal eine Tochter gehabt zu haben, die tödlich verunglückt war, dann zurückgekehrt ist, nur um dem männlichen Protagonisten wieder genommen zu werden – der sollte dieses Buch lesen. Wem solche erzählerischen Verläufe zu anstrengend und zu weit hergeholt sind, der macht besser einen Bogen um «Rekursion».

Über die Handlung lässt sich an dieser Stelle nichts sagen, ohne dass man zu viel verraten müsste. Nur so viel: Es geht um eine Krankheit namens «False Memory Syndrome»: Das Syndrom der falschen Erinnerungen. Diese Erinnerungen sind aber gar nicht falsch. Sie passen nur nicht mehr zur gegenwärtigen Zeitleiste. Denn wie erwähnt gerät bei diesem Buch die Linearität durcheinander: Und zwar nicht nur für die Hauptfiguren, die durch die Zeit hüpfen – sondern für die ganze Menschheit. Und da niemand diese Menschheit eingeweiht hat, reagiert sie, wie es zu erwarten war: Kopflos, drastisch, selbstzerstörerisch. Die weiter oben erwähnten Atompilze über Denver und über den meisten anderen Metropolen der Welt haben mit diesen Reaktionen zu tun.

Die Technik im Buch, die die fatalen Ereignisse in Gang setzt, ist natürlich erfunden und weit davon entfernt, so schnell Realität zu werden. Sehr realistisch ist hingegen Warnung des Autors, dass manche Technologien nicht dafür gemacht sind, von der Menschheit vernünftig benutzt zu werden. Selbst wenn die Eingeweihten mit den besten Absichten ans Werk gehen, braucht es nur eine kleine Sicherheitslücke da, eine Veröffentlichung von Wikleaks dort – und schon ist der Schaden angerichtet und wie es scheint irreversibel. Und das sogar in einer Welt, in der Zeitsprünge möglich und Geschichtsabläufe nicht in Marmor gemeisselt sind.

Fazit: Blake Crouch hat eine Geschichte abgeliefert, die wegweisend für dieses Genre ist und die die Hürden für künftige Fabulanten in diesem Bereich noch einmal beträchtlich nach oben wuchtet. Wer Blake Crouch noch nicht kennt, der fängt aber vielleicht doch besser mit «Dark Matter» an. Ich habe das im Beitrag Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen besprochen.

Also, und ab jetzt gibt es noch etwas mehr zum Inhalt und damit auch einige Spoiler. Denn wenn ich erklären will, warum ich auch ein bisschen mit dem Buch gehadert habe, dann komme ich nicht darum herum. Die Prämisse ist, wie gesagt, in sich schlüssig. Aber sie war für mich schwer zu schlucken. Die Behauptung im Buch ist, dass die Erinnerung der Menschen die Wirklichkeit prägen. Das heisst: Wenn Erinnerungen wiedererweckt werden, dann werden sie Realität.

Auf diese Weise ist es den Hauptpersonen im Buch möglich, zu einem früheren Punkt in ihrem Leben zurückzukehren. Sie gelangen dort mit ihrem ganzen bisherigen Wissen hin. Sie kennen den künftigen Verlauf der Ereignisse und können daraus Kapital schlagen. Barry Sutton, die männliche Hauptfigur des Buchs, hat deshalb die Chance, seine Tochter vor einem tödlichen Unfall zu bewahren. Das hat eine positive Wirkung auf sein Leben. Seine Ehe geht zwar trotzdem in die Brüche. Aber alles ist weniger schmerzhaft, weniger radikal und weniger verletzend für seine Seele.

Zumindest bis zu dem Punkt, an dem Barry den Abstecher in die Vergangenheit unternommen hat. Am Ausgangspunkt der Reise in die Vergangenheit passiert etwas, das man aus anderen Zeitreise-Geschichten nicht kennt. Die anderen Beteiligten erinnern sich plötzlich an den alternativen Verlauf der Geschichte. Im Kopf haben sie Erinnerungen an die beiden Zeitstränge: Da gibt es die Engramme, die durch den Sprung in die Vergangenheit erschaffen wurden.

Und es gibt die «toten» Erinnerungen. So heissen im Buch die Engramme, die durch den ursprünglichen Verlauf der Ereignisse geprägt wurden. Sie hätten durch den Zeitsprung eigentlich ausgelöscht werden müssen. Aber sie sind noch da – und an dem Punkt, wo der Sprung stattgefunden hat, tauchen sie plötzlich im Kopf der Betroffenen auf.

Das kann verheerende Auswirkungen haben: Barrys Tochter erinnert sich plötzlich an ihren tödlichen Unfall. Das ist für sie so verstörend, dass das Schicksal sie bald einholt. Zyniker würden sagen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Gehadert habe ich mit dem Buch, weil für mich schwer glaubhaft ist, dass die Erinnerung eines einzelnen Menschen den Lauf der Realität verändern können soll. Das ist eigentlich eine charmante Idee und eine wirklich bestechende Ausgangslage für eine Geschichte, die Blake Crouch dann ausnehmend spannend erzählt.

Wie angedeutet: Wenn die Menschheit eine solche Erfindung in die Hände bekommt, dann dauert es nicht lange, bis Veränderungen des Geschichtsablaufs eintreten, die die ganze Menschheit betreffen: Da taucht plötzlich ein neuer Wolkenkratzer in der Skyline auf. Attentate werden rückgängig gemacht, militärische Fehlschläge korrigiert.

Das hat unweigerlich zur Folge, dass jeder Machtblock auf dem Planeten Himmel und Hölle in Gang setzt, um hinter das Geheimnis zu kommen. Und natürlich gibt es auch jene Potentaten, die nicht abwarten wollen, bis ihre Opponenten die Vergangenheit zu ihren Ungunsten manipulieren. Und das ist dann der Moment, wo die Atombomben fliegen.

Aber irgendwie will mir nicht in den Kopf, dass im Kopf jedes Menschen diese Macht schlummern soll. Das geht für mich nicht mit den Naturgesetzen zusammen. Noch nicht einmal mit den literarischen Naturgesetzen eines Sciencefiction-Buchs. Aber das ist mein persönliches Problem, das auf keinen Fall der Geschichte angelastet werden kann.

Dass Erinnerungen diese ungemeine Macht entfalten, liegt an Helena Smith. Sie ist Neurowissenschaftlerin und möchte die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter aufhalten. Dazu erforscht sie eine Möglichkeit, Erinnerungen zu speichern. Diese sollten den Patienten, die mit fortschreitender Krankheit immer mehr Erinnerungen verlieren, wieder eingepflanzt werden. Gerade als ihr das Geld für ihre Forschung auszugehen droht, taucht Marcus Slade auf. Das ist ein Self-made-Milliardär, der verspricht, alles zu finanzieren.

Sie lässt sich auf ihn ein und treibt die Entwicklung am «Stuhl» voran. Das ist die Maschine, in der die Erinnerungen extrahiert und wieder eingepflanzt werden. Als der Stuhl einigermassen funktioniert, verlangt Slade ein neues Experiment: Beim Einsetzen der Erinnerung soll der Proband in den Zustand des Nahtods versetzt werden: Damit würde das Erlebnis noch intensiver und umfassender.

Helena widersetzt sich der Idee, doch sie hat keine Wahl: Sie muss das Experiment unternehmen. Die Versuchsperson stirbt im Tank – nur um wenig später wieder aufzutauchen. Und Helena erlebt, wie ihre Nase blutet, ihr Kopf schmerzt und sich die Realität verändert und sie sich plötzlich zwei Varianten der Ereignisse vergegenwärtigen kann. Was sie erlebt hat, war der erste kurze Zeitsprung, der mit ihrem Stuhl unternommen wurde.

Dass der Proband bei der Erinnerungs-Reaktivierung sterben muss, ist eine zwingende Wendung in der Geschichte. Sie verhindert, dass sich die Figuren in der Geschichte vervielfachen – denn die Figur, die sich auf den Stuhl begibt und Erinnerungen einpflanzen lässt, die reist zurück in die Vergangenheit, um dort ihr altes Leben zum Zeitpunkt der Erinnerung wiederaufzunehmen. Es darf nicht sein, dass sie gleichzeitig in der Gegenwart weiter existiert. Das würde zu einer Vervielfältigung der Hauptfiguren führen, zumal manche davon Dutzende Sprünge machen.

Wie gesagt: Das alles wäre halb so schlimm, wenn nicht ab dem Zeitpunkt des Rücksprungs nicht die toten Erinnerungen mit den lebendigen vermischen würden. Das führt zu einer schnellen Eskalation. Helena und Barry, die im Verlauf der Ereignisse zueinander gefunden haben, müssen die fatalen Auswirkungen dieser Erfindung beheben.

Dazu müssen sie einen Weg finden, die toten Erinnerungen zu beseitigen. Sie probieren und forschen. Helena springt immer wieder zurück, um ihr Leben wieder und wieder zu leben – bis zu dem Punkt, wo die Menschheit sich vernichtet und bei jeder Rekursionsschlaufe eine neue Erinnerung an einen Atomschlag dazukommt – in der Tat die schlimmstmögiche Wendung, die man sich ausmalen kann.

Und als alles verloren scheint, taucht eine Erinnerung in Barrys Kopf auf: Wie Slade Andeutungen gemacht und so getan hat, als ob er genau das bereits geschafft hätte. Barry erfährt, wie das gelingen und die Welt gerettet werden kann – und als Leser ist man froh, dass es kein plumper erzählerischer Taschenspielertrick ist, den Crouch anwendet. Nein, er serviert uns am Ende dieser haarsträubenden Geschichte eine solide, einleuchtende Wendung für den Plot.

Und das mögen wir uns als Leser, Barry, Helena und der ganzen Menschheit gönnen.

Beitragsbild: Alex Antropov86/Pixabay, Pixabay-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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