Ein neuer Markdown-Liebling mit schlimmen Marotten

Das ist der zweite Teil der epischen Saga. Zur Erinnerung: Wir sind mit der Mission aufgebrochen, hier zusammen den schönsten aller Markdown-Editoren zu finden. Heute ist Typora dran. Dieses Programm gibt es kostenlos für Windows, Mac und Linux.

Typora präsentiert sich so minimalistisch, dass man diesen Editor leicht mit dem Windows-Editor (Notepad) verwechseln könnte. Aber nur auf den ersten Blick. Man merkt schnell, dass bei Typora eine Design-Absicht hinter der kargen Erscheinung steckt und nicht bloss Feature-Armut. Es gibt zum Beispiel einen angenehmen Abstand zwischen Fensterrand und Text. Bei Notepad kleben die Buchstaben direkt am Menü und an den Kanten, was nicht schön aussieht. Und die Bildlaufleiste am rechten Rand ist hübscher als der typische Windows-Scrollbalken: Bloss eine dezente, schmale Fläche im Verhältnis des sichtbaren zum ganzen Text.

Oberfläche

Typora hat, anders als die meisten Markdown-Programme, keine zweigeteilte Oberfläche.  Typischerweise hat man einen Bereich für die Texteingabe und einen für die Vorschau. Typora verwendet im Editor eine Mischung aus Vorschau- und Quelltextdarstellung. Normalerweise sieht man den Text formatiert. Wenn man den Cursor in einem formatierten Element, beispielsweise einem Titel, einer fett- oder kursivgedruckten Passage oder in einem Link platziert, dann wird nur für diesen Abschnitt der Quellcode angezeigt.

Der Livemodus, der Texte gerendert darstellt und Code nur dann zeigt, wenn man die Cursor-Taste im Abschnitt platziert hat. Links die Seitenleiste mit den Dateien.

Das ist ziemlich clever, finde ich. Die Zweiteilung hat den Nachteil, dass sie doppelt so viel Platz braucht – und man entsprechend selbst auf einem grossen Bildschirm nur die Hälfte seines Textes sieht. Das ist eine Platzverschwendung. Viele werden für die Arbeit am Text die Vorschau ausblenden, weil man die nur für Kontrollzwecke und den finalen Feinschliff der Formatierungen benötigt. Doch für Umsteiger von Word und für Markdown-Neulinge ist die Code-Ansicht vielleicht ungewohnt und womöglich sogar irritierend.

Auch ich bin nun nicht ein so grosser Fan der Steuerzeichen, dass ich die ständig sehen müsste. Darum gefällt mir es gut, wie Typora die Darstellung handhabt. Wenn man beide Ansichten gleichzeitig im Blick haben will, gibt es dafür auch einen Trick. Den beschreibe ich weiter unten.

Über die Fusszeile kann man jederzeit den Quellcodemodus aktivieren. In dem wird kein Code ausgeblendet, sodass man auch diese Darstellungsoption zur Verfügung hat, sollte man sie bevorzugen. Die Fusszeile ist übrigens neben der Menüzeile das einzige Element der Benutzeroberfläche, das standardmässig sichtbar ist. Wenn man es noch aufgeräumter mag, kann man sie über das Menü Darstellung auch ausblenden.

Via Fusszeile schaltet man nicht nur zum Quellcodemodus um, sondern sieht auch die Zahl der Wörter, die man bereits verfasst hat. Kickt man auf dieses Feld in der rechten unteren Fensterecke, erhält man auch die Zahl der Buchstaben und Zeilen (in formatierter Form). Plus die prognostizierte Lesezeit für den ganzen Text – die Angabe gibt es in kaum einem anderen Editor. Man kann sich fragen, ob sie etwas bringt. Aber bei Bloggern wie mir, die zu epischen Texten neigen, ist sie keinesfalls verkehrt: Wir wissen, dass wir aufhören sollten, wenn die Anzeige die zehn Minuten überschreitet.

Über die Fussleiste und ein simples kleines Kreislein in der linken unteren Ecke schaltet man die Seitenleiste ein. Die zeigt zwei Rubriken: Dateien und Gliederung:

Bei Dateien sieht man die anderen Dokumente im gleichen Ordner mit Dateiname und ein paar Zeilen des Textes als Vorschau. Man wechselt leicht zwischen den Texten oder öffnet eine andere Datei in einem zweiten Fenster. Über die Fussleiste gelangt man auch zu anderen Ordnern und man schaltet von der Dateiliste zur Baumansicht um und umgekehrt.

Man kann übrigens auch das gleiche Dokument in zwei Fenstern offen halten, wobei beide in Echtzeit aktualisiert werden. Es ist möglich, in den beiden Fenstern unterschiedliche Darstellungsformen zu haben. Auf diese Weise darf man, wenn man möchte, im Quellcodemodus arbeiten und daneben eine Vorschau platzieren. Oder umgekehrt.

Die Gliederungsansicht zeigt die Hierarchie der Überschriften. Durch Anklicken springt man zu der entsprechenden Stelle im Text. Es ist aber leider nicht vorgesehen, die Abschnitte in der Gliederungsansicht zu sortieren.

Im Menü Darstellung gibt es weitere Funktionen für die Konzentration: Der Fokusmodus blendet alle Abschnitte ab, ausser demjenigen, an dem man gerade arbeitet. Das ist erstaunlich angenehm und vermindert die Ablenkung.

Den Schreibmaschinenmodus habe ich auch sofort zu schätzen gelernt. Er hält die Eingabemarke immer ungefähr in der Mitte des Dokuments. Man schreibt somit nie am untersten Rand des Fensters, was mir erstaunlich sinnvoll erscheint.

Beim Vollbildmodus ist die Menüzeile ausgeblendet. Die Formatierungsbefehle findet man auch im Kontextmenü (rechte Maustaste). Und man kann die Menüleiste via Alt-Taste einblenden.

Funktionen

Typora stellt über das Absatzmenü Befehle für diverse Formatierungen zur Verfügung, auch Dinge wie Tabellen, Formeln, Code-Bereiche, Zitate, Aufgabenlisten, Inhaltsverzeichnisse und ähnliches. Über das Menü Format fügt man nicht nur Auszeichnungen wie fett, kursiv, durchgestrichen oder Kommentar hinzu, sondern auch Bilder und Links.

Bei Themen schaltet man zwischen den Darstellungsvarianten im Editor um. Fünf Themes sind vorhanden, u.a. Github, das man auch in anderen Editoren antrifft. Die Themes stecken im Ordner c:\Program Files\Typora\resources\app\style\themes und sind als CSS-Datei vorhanden. Man kann sie somit auch editieren, entfernen oder ergänzen. (Am einfachsten gelangt man zu dem Ordner, indem man in den Einstellungen auf Themenordner öffnen klickt.)

Die Rechtschreibkorrektur beherrscht leider «Deutsch (Schweiz)» nicht. Dieses dunkle Theme heisst übrigens «Night» und die Seitenleiste zeigt die Gliederungsansicht.

Für den Export stehen unter Datei > Exportieren viele Formate zur Auswahl. Nebst PDF und HTML auch HTML ohne Styles, Word, OpenOffice, RTF, Epub, Latex, Media Wiki, Textile, OPML und der Export als Bild.

Der Export erfolgt in dem Format, den man im Editor unter Themes eingestellt hat. Das ist schade: Es gibt Editoren wie Macdown (siehe Wir schicken Word in Rente), die getrennte Darstellungen für den Editor und den Export erlauben. Das ist sinnvoll. Ich schreibe zum Beispiel gern im dunklen Modus (weisse Schrift auf schwarzem Grund), würde meine Dokumente aber natürlich nicht so exportieren wollen.

Typora verwendet eine dynamische Rechtschreibkorrektur. Die Sprache wird automatisch ausgewählt. Über Bearbeiten > Spell check darf man sie aber auch selbst festlegen. Es stehen ein gutes Dutzend Sprachen, darunter Englisch (UK und USA), Deutsch (Deutschland), Spanisch und Französisch zur Auswahl. Deutsch (Schweiz) gibt es leider nicht. Das ist für Schweizer mühsam, weil sämtliche Worte, die man in Deutschland mit Doppel-s und hierzulande mit ss schreibt, als falsch markiert werden.

Es gibt auch eine dynamische Ersetzung von Anführungszeichen. Und man kann sogar wählen, welche Zeichen man verwenden möchte. Man braucht somit nicht die hässlichen Gänsefüsschen zu benutzen, die standardmässig zum Einsatz kommen, sondern kann auf die Guillemets umschalten. Das funktioniert bestens für doppelte Anführungszeichen («doppelt»), aber auch für die einfachen (‹einfach›).

Allerdings ist das Problem dieser Funktion, dass man keinen Apostroph mehr setzen kann, weil der in einfache Anführungszeichen umgewandelt wird. Man kann aber Ctrl + z für Rückgängigmachen betätigen, dann erhält man seinen Apostroph zurück. Oder man tippt Alt + 0146 für den typografischen Apostroph, der wird nicht ersetzt.

Fazit

Ein schöner Editor mit vielen Funktionen. Leider kann ich ihn noch nicht vorbehaltlos empfehlen. Er hat während meines Tests ab und zu Probleme gemacht. Manchmal hat die Enter-Taste plötzlich nicht mehr funktioniert. Und die Einfügemarke war nicht immer da, wo sie hätte sein sollen. Das hatte zur Folge, dass Copy-Paste-Aktionen nicht immer so ausgegangen sind, wie ich mir das vorgestellt habe.

Das ist natürlich völlig inakzeptabel. Es darf nicht sein, dass ein Textabschnitt nicht da landet, wo man ihn haben möchte. Wenn man das nicht sofort merkt, macht dieser Fehler Texte unter Umständen komplett unbrauchbar. Und das ist leider ein K.o.-Kriterium. Man muss sich als Autor sicher sein, dass auch das in der Datei drinsteht, was man glaubt, reingeschrieben zu haben. Und man hat weder Zeit noch Lust, nach der Arbeit zu überprüfen, ob keine Pannen passiert sind.

Nach einem Neustart des Programms war in aller Regel alles wieder in Ordnung. Doch mir ist es einmal passiert, dass ein Abschnitt weg war. Und das darf wirklich nicht passieren.

Das ist schade! Man muss aber fairerweise sagen, dass die getestete Version noch im Beta-Stadium ist (0.9.60). Wenn die Version 1.0 (oder meinetwegen 1.1.1) erschienen ist, werde ich Typora gerne noch einmal intensiv nutzen und vielleicht sogar zu meinem Lieblings-Markdown-Editor erklären.

Es gibt nämlich viele kleine Details, die man schätzen lernt. Man kann einstellen, ob man Windows-Zeilenumbrüche (Crlf) oder Linux-Zeilenumbrüche (Lf) haben möchte. (Gut, da könnte man sich auch einfach mal auf eine Variante einigen.) Über Bearbeiten > Als HTML kopieren formatiert man einen Text ohne viel Aufwand entsprechend um. Es klappt bestens, über den Befehl den Text aus Typora nach WordPress zu transferieren.

Man kann Text formatiert einfügen, aber es gibt auch den Befehl Bearbeiten > Als unformatierten Text einfügen, der das Tastaturkürzel Shift + Ctrl + v benutzt. Es gibt viele Befehle zum Auswählen von Absätzen, Zeilen, Sätzen oder formatierten Passagen. Was ich vermisse, ist eine Suchen-Ersetzen-Funktion mit regulären Ausdrücken. Und die Einstellungen präsentieren sich als lange Liste, die man von oben nach unten durchscrollt. Das ist reichlich unübersichtlich.

Beitragsbild: Bei Typora lernt man den Schreibmaschinenmodus zu schätzen. (Der allerdings nicht bedeutet, dass man Tippfehler nur noch über ein Korrekturband wegbekommt.) (Caryn/Pexels, CC0)

Autor: Matthias

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