Auf dem Klo mit der Welt verbunden

Neulich bin ich in meinem Artikelarchiv über einen Beitrag gestolpert, der justament zehn Jahre auf dem Buckel hat. Wir hatten damals mit einer Rubrik experimentiert, bei der zwei erfundene Figuren über digitale Inhalte stritten. Aus der Rubrik ist wegen Umbrüchen beim Tagi nichts geworden – genauso wie aus dem Produkt, das ich damals besprochen habe.

Das Produkt war ein portables, mit drahtlosem Internet ausgestattetes WC-Häuschen. Chefelf schrieb in seinem Beitrag, er habe beim Schreiben Schuldgefühle empfunden, weil Microsoft ja geradezu darum gebettelt habe, lächerlich gemacht zu werden – und er nicht widerstehen konnte.

WC-Papier mit URLs
Das iLoo, zu Deutsch, das iKlo. Wir waren damals offensichtlich der Ansicht, dass es sich um eine Ente handeln müsse. Der Artikel von Wikipedia legt nun nahe, dass das Produkt durchaus ernst gemeint gewesen war und an Sommerfestivals in England hätte zum Einsatz kommen sollen. Man hätte, unter der damals intensiv beworbenen Marke MSN, die Hotmail-Station in Gestalt eines Plasma-Schirms vor Augen gehabt, während man sein Geschäft verrichtet hätte. Sechs-Kanal-Surround-Sound und WC-Papier mit populären URLs – es wundert nicht, dass es uns damals schwer gefallen ist, an dieses Produkt zu glauben.

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Das Dixie-Klo fürs neue Jahrtausend.

Microsoft selbst hat am 12. Mai 2003 gesagt, es sei alles nur ein Scherz gewesen – ein 1.-April-Scherz mit falschem Timing. Die Nachrichtenagentur AP hielt dagegen, sie hätten eine Bestätigung zu dem Projekt von zwei von Microsofts PR-Agenturen erhalten (Waggener Edstrom Worldwide und Red Consultancy). Die Zeitung Seattle Post-Intelligencer bestätigte das und teilte mit, man habe ihr sogar eine schematische Zeichnung überlassen. Da Microsoft nie zuvor eine falsche Pressemeldung herausgegeben hatte, glaubten nicht alle Journalisten an einen «Hoax». Es könnte genauso gut so gewesen sein, dass Microsoft angesichts des Hohn und Spotts kalte Füsse bekommen hat.

Die abwaschbare Tastatur
Dabei war die Sache zu Ende gedacht. Die Tastatur war – natürlich! – wasserdicht und abwaschbar. Und laut Spiegel.de hatte sich Microsoft sogar überlegt, wie man reagieren würde, wenn einer vor lauter Surfen überhaupt nicht mehr vom Thron steigen würde. MSN-Sprecher Matthew Whittingham wird mit den Worten zitiert: «Wenn die Leute zu lang drauf sitzen – sagen wir mal: mehrere Stunden –, dann werden wir wohl kräftig klopfen müssen oder so.»

Die Welt hat Microsoft das Dementi auch deswegen nicht abekauft, weil «Windows everywhere» seit jeher Microsofts und Bill Gates’ Schlachtruf ist. Da wäre MSN auf dem Donnerbalken die logische Konsequenz gewesen.

Es ist nichts daraus geworden und wenn man heute nach «iKlo» googelt, dann landet man beim Beitrag von 20min.ch, der sich um iPoo dreht – eine Parodie des serbischen Künstlers Miloš Paripović, der sich über den Design-Kult bei Apple lustig macht.

Endlich arriviert!
Eines finde ich immerhin bemerkenswert: Dank Smartphones und Tablets kann jeder sein WC zum iLoo umfunktionieren – ganz ohne MSN. Nach der Definition aus meinem Beitrag vom 26. Mai 2003 bedeutet das, dass das Internet endgültig erwachsen ist…

PS: Frau Merkel sieht das natürlich anders. Wers nicht glaubt, soll das Stichwort «Neuland» googeln…

© Tages-Anzeiger; 2003-05-26; Seite 57
Computer; PING-PONG

Eine WC-Ente von Microsoft
Nero: Hast du gelesen? Die Meldung von Microsofts Internet-WC war offenbar doch nur eine Ente . . .

Petra: Ein Internet-WC? Also eine Toilette mit eingebautem Browser? Respektive ein Webterminal, mit dem man auch sein Geschäft verrichten kann?

Nero: Genau. iLoo hätte das Ding heissen sollen. Aber eben, wie es scheint, ist iLoo eine Falschmeldung.

Petra: Du scheinst das zu bedauern . . .

Nero: Ja klar! Schliesslich verbringt jeder Mensch rund neun Monate seines Lebens auf der Toilette. Wieso diese Zeit nicht sinnvoll verwenden?

Petra: Nein. Das ist eine Scheissidee, im ureigentlichen Sinn des Wortes!

Nero: Findest du?

Petra: Ja. Das Internet passt nicht zu Stoffwechselvorgängen. Wer auf dem Lokus sitzt, dem ist nicht nach Cyberspace zu Mute.

Nero: Ach, du schreibst ja auch SMS auf dem WC.

Petra: Das ist nicht das Gleiche. Oder wenn du vom Herrenabend nach Hause kommst und über der Schüssel hängst – soll die Webcam das in die ganze Welt übertragen?

Nero: Das Argument ist an den Haaren herbeigezogen! Man kann iLoo ja auch ausgeschaltet lassen! Sieh doch mal das Gute: Nie hast du so viel Musse für deine Mails wie auf dem stillen Örtchen!

Petra: Genau! Und den Spam gleich stilgerecht entsorgen. Ab in die Kanalisation mit dubiosen Werbemails! Und die Memos vom Chef schickt man gleich hinterher.

Nero: Ich sehe schon, du erkennst langsam die Weisheit dieses Projekts!

Petra: Sorry, meine Meinung bleibt. Auf dem WC zu sitzen, ist ein Offline-Moment. iLoo ist eine Negierung des Menschseins – eine Vorstufe zur Matrix.

Nero: Ach nein, ganz im Gegenteil: Die einen Menschen sitzen gern auf dem WC und lesen Comics, anderen denken nach, und wiederum andere wollen eben surfen. Wenn die Internettechnologie auch auf dem WC selbstverständlich ist, dann wird sie wirklich erwachsen sein. (schü.)

Autor: Matthias

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