Die Gfätterlibrüder aus Redmond (oder: 10 Jahre Leiden an Office)

Ich arbeite nun schon seit einiger Zeit mit Office 2010 und mir gefallen daran einige Dinge. Beispielsweise die OpenType-Funktionen, die ich vor Kurzem im Tagi beschrieben habe. Ich hätte die zwar gern noch etwas üppiger, aber seis drum.

Und, juhuu, eines der grossen Ärgernisse ist in Office 2010 endlich ausgeräumt, so dachte ich. Das SDI-MDI-Schlamassel, wie ich diese seit nunmehr zehn Jahren andauernde Leidensgeschichte gern nenne.
Aber nein, zu früh gefreut. Es wäre auch zu schön, wenn Microsoft eine Ungereimtheit in einem seiner Softwareprodukte einmal grundlegend angehen würde. Nein, die Programmierer in Redmond bleiben Meister der Flickschusterei, Oberbastler, Gfätterlibrüder und Softwarefummler, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Dabei hätte ich die Microsofties noch so gern in den höchsten Tönen gelobt, wenn in Office nun endlich ein stringenter Umgang mit den Dokumentfenstern Einzug gehalten hätte.

Manche werden sich nun fragen, worum es geht. Das kann ich nicht ohne einen längeren Exkurs erläutern:
Es gibt unterschiedliche Methoden, wie ein Betriebssystem mit Anwendungen und Dokumentfenstern umgeht.
Es ist wichtig und zentral für die Benutzerfreundlichkeit eines Softwareprodukts, dass der Umgang mit Anwendungen und Dokumenten einheitlich und einleuchtend ist.

Klassische Windows-Anwendungen verwenden das Multiple Document Interface. Es gibt in Windows auch das Single Document Interface. Diese beiden Interfaces unterscheiden sich wie folgt:
Anwendungen mit Multiple Document Interface (MDI) haben ein Hauptfenster. Im Hauptfenster kann es beliebig viele Dokumentfenster geben.
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Diese Dokumentfenster erscheinen immer innerhalb des Hauptfensters und es gibt die zentralen Bedienelemente (Menüleiste, Symbolleisten) nur einmal und sie wirken sich auf das aktuell geöffnete Fenster aus.
Ein Dokumentfenster wird auch Child Window (deutsch: «Kindfenster», halbdeutsch: «Child-Fenster») genannt.
Bei MDI-Anwendungen ist es meist möglich (manchmal auch nicht), das Programm mehrfach zu starten. Technisch gesehen also die Anwendung mehrfach zu instantiieren. Man hat pro Instanz der Anwendung ein Hauptfenster mit den jeweiligen Child-Fenster.

Eine Variante des Multiple Document Interface ist das Tabbed Document Interface, bei dem die Child-Fenster als Reiter erscheinen. Typische Beispiele sind alle gängigen Browser.
Das Single Document Interface (SDI) zeigt ein Dokument in einem Hauptfenster.
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Es ist nicht möglich, in einem Anwendungsfenster mehrere Dokumente zu haben. Auch wenn das so aussieht, als ob mehrere Instanzen des Programms aktiv wären, läuft in Tat und Wahrheit das Programm normalerweise nur einmal.
Man kann unterschiedlicher Ansicht sein, welches Konzept besser ist. Ich bevorzuge das MDI, da es meines Erachtens konsequenter zwischen Anwendungsfenster und Dokumentfenster unterscheidet. Auch beim Einsatz mehrerer Instanzen der Anwendung tritt keine Verwirrung auf und es gibt einen klaren Unterschied zwischen Schliessen und Beenden: Der Schliessen-Befehl macht das Dokumentfenster zu, der Beenden-Befehl terminiert die Anwendung. Bei SDI-Anwendungen funktioniert das nicht mehr so stringent.

Der Nachteil des MDI besteht darin, dass bei Dokumenten im Vollbild die anderen offenen Dokumentfenster versteckt sind und von ungeübten Anwendern womöglich nicht mehr gefunden werden. Erfahrene Anwender wechseln unter Windows mit dem Tastaturbefehl Ctrl + Tabulator zwischen den Fenstern – dummerweise funktioniert dieser in Word aber nicht, da er zur Einrückung von Text verwendet wird.
Dieses Problem wird vom Tabbed Document Interface elegant gelöst. Man kennt es von allen gängigen Browsern, aber auch von Anwendungen wie Notepad++ oder von neueren Versionen der Adobe Creative Suite (CS). Es ist darüber hinaus übersichtlich und meines Erachtens auch sehr effizient.

Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass man MDI-Anwendungen schlecht mit mehreren Monitoren nutzen kann. Es sollte in so einem Fall aber möglich sein, mehrere Instanzen des Programms zu starten.
Das MDI-Konzept ist kompakter und «ästhetischer», indem das Dokument und die Bedienelemente immer beieinander stehen.

Eine klare Sache. Das SDI-MDI-Schlamassel bezeichnet nun den traurigen Umstand, dass sich Microsoft seit mehr als zehn Jahren nicht zwischen SDI und MDI entscheiden kann. Office ist seit der Version 2000 eine abstruse Mischform zwischen MDI und SDI. Die Chronologie dazu:

Office 2000 brachte als erste Version das SDI. Das brachte schon damals die Anwender durcheinander. In der Kummerbox erhielt ich damals folgende Frage:

Wenn ich ein bestehendes Word-File vom Explorer aus starte, öffnet Windows für jedes File jedesmal neu das Word-2000-Programm. Welche Einstellungsänderung muss ich vornehmen, damit alle Files in einem Programm bearbeitet werden?

In der Ausgabe vom 31.3.2003 habe ich das unter dem Titel «Zu viele Fenster, Teil 1» wie folgt beantwortet:

Dieses Verhalten ist von Microsoft beabsichtigt. Winword 2000 hat ein «Single Document Interface» (SDI), öffnet also jedes Dokument in einem eigenen Programmfenster. Das «Multiple Document Interface» (MDI) früherer Versionen wurde schlicht abgeschafft.

Immerhin: In Excel, PowerPoint und Access in den 2000er-Versionen können Sie das Single Document Interface abschalten: Gehen Sie über «Extras > Optionen», aktivieren den Reiter «Ansicht» und deaktivieren die Option «Fenster in Taskleiste».

Ich war damals der Ansicht, dass die Inkonsistenz in Office 2000 ein Übergangsproblem sei, das mit dem nächsten Update behoben werden würde. Irrtum.

Office XP, Office 2003 und Office 2007 sind und bleiben wie Office 2000 seltsame Zwitter zwischen MDI und SDI. Die meisten Anwendungen verwenden MDI. Word kann sowohl MDI als auch SDI und ist standardmässig als SDI konfiguriert. Um zum MDI zurückzukehren, gibt es weiterhin die Option Fenster in Taskleiste, die man bei Word 2003 unter Extras > Optionen im Abschnitt Anzeigen in der rechten Spalte findet. In Word 2007 heisst diese ominöse Option Alle Fenster in Taskleiste anzeigen (standardmässig eingeschaltet). Und man findet sie, indem man auf die Office-Schaltfläche klickt, Word-Optionen auswählt, die Rubrik Erweitert selektiert und zum Abschnitt Anzeigen scrollt.

Mit den SDI gibt es Ungereimtheiten, die über Versionen hinweg nicht behoben werden:

Problem eins: Schliessen vs. Beenden. Bei den SDI-Office-Anwendungen ist die Funktion des x-Knopfs in der rechten oberen Fensterecke der Programmfenster verwirrlich. Wenn mehrere Dokumente offen sind, schliesst sie das aktuelle Dokument. Wenn nur ein Dokumentfenster offen ist, beendet die Schaltfläche das Programm.

Problem zwei: Inkonsistenz in der Office-Familie. Powerpoint ist seit mindestens Version 2003 (bei älteren Versionen habe ich nicht nachgesehen) eine SDI-Anwendung, was sich auch per Konfiguration nicht ändern lässt.

(Update: Stimmt so nicht – siehe Kommentar!)
Auch bei MDI gibt es ein dickes Problem: Wechsel zwischen den Fenstern. Da die Tastenkombination Ctrl + Tabulator zur Einrückung von Text benutzt wird, bleibt bei der Verwendung von Dokumentenfenster im Vollbildmodus nur der Befehl Fenster > Dokument zum Wechseln zwischen den Dokumenten. Bei Word 2007 öffnet man dafür in der Multifunktionsleiste die Rubrik Ansicht und klickt auf Fenster wechseln.

Bei Office 2010 scheint der Schritt zu SDI endlich konsequent vollzogen. Alle Anwendungen kommen als SDI-Fenster daher.
Doch wirft man einen Blick unter die Haube, stösst man auch in der neuesten Version auf die ominöse Option Alle Fenster in der Taskleiste anzeigen. Bei Word und neu auch bei Excel 2010 findet man sie im Menüband Datei über Optionen in der Rubrik Erweitert im Abschnitt Anzeigen.
Über fünf Generationen der Software (Office 2000, XP, 2003, 2007 und 2010) hat dieses lotterige Provisorium Bestand. Das ist dumm.

Wenn Microsoft für Office das SDI für sinnvoll erachtet, sollten die Entwickler dieses konsequent umsetzen und dafür sorgen, dass alle Office-Anwendungen einheitlich funktionieren. Die, obendrein völlig falsch benannte Option Alle Fenster in der Taskleiste anzeigen gehört abgeschafft. Sie nützt nichts, sondern stiftet nur für Verwirrung, wenn Office-Anwendungen nicht so funktionieren, wie es sich der User gewohnt ist.
Die zehnjährige SDI-MDI-Leidensgeschichte ist ein Beispiel für eines der zentralen Probleme im Hause Microsoft: Man scheut Brüche mit der Vergangenheit Lieber bastelt man über Jahre hinweg und suggeriert mit vielen Optionen, dass man es auch dem hinterletzten Nutzer recht machen will. Dadurch entsteht aber ein Konfigurationswildwuchs, bei dem keiner mehr durchblickt. Gedient ist damit niemandem – ausser denjenigen, die schon immer behauptet haben, dass Microsoft nichts, aber leider gar nichts von benutzerfreundlicher Software versteht.

Autor: Matthias

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3 Gedanken zu „Die Gfätterlibrüder aus Redmond (oder: 10 Jahre Leiden an Office)“

  1. Als Programmierer ist es die grösste Herausforderung, den bestehenden Code nicht zu brechen und trotzdem neue Funktionen einzuführen. Wir brauchen sowieso völlig neue UIs, einfach “Computer” sagen und es heisst zurück “I’m completely operational”, und weiter “comment an Matthias”.

  2. @jb: Ich hätte ja noch lieber die neuronale Schnittstelle, am besten drahtlos. Allerdings nur mit einem guten Virenscanner! g

    Eine Ergänzung: Markus sendet mir ein Mail mit Screenshot, das Powerpoint 2007 mit MDI-Darstellung zeigt. Nach etwas Rumprobieren habe ich geschnallt, wie er es gemacht hat: Er hat im Menüband «Ansicht» bei «Fenster» auf «Überlappend» oder «Alle anordnen» geklickt. Tut man das, dann ordnet Powerpoint die Dokument-, nicht die Hauptfenster an. Und um das zu tun, muss von SDI zu MDI gewechselt werden.
    Diese Befehle gibt es auch in Word und Excel. Word ordnet die Hauptfenster an, Excel die Dokumentfenster – und Excel fragt noch, ob die Fenster «unterteilt», «horizontal», «vertikal» oder «überlappend» angeordnet werden sollen.

    Und noch das: In Excel gibt es rechts neben dem «Hilfe»-Knopf die Schaltflächen «[Dokument-]Fenster minimieren», «[Dokument-]Fenster wiederherstellen» und «[Dokument-]Fenster schliessen». Stellt dann die Frage, warum des die nur in Excel gäbe. Die wären auch in Word und Powerpoint hilfreich.

    Sogar bei der Inkonsequenz ist Microsoft inkonsequent. Das nenne ich mal konsequent! 😉

  3. Und noch eine Ergänzung/Inkonsistenz: Bei Office 2007 kann man Excel oder Word mehrfach starten (mehrere Instanzen ausführen). Powerpoint lässt aber nur eine Instanz zu. Wenn man die Anwendung noch einmal startet, dann wird lediglich die erste Instanz reaktiviert.

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