Und jetzt stellt euch vor, dass dieses Ding auch noch eure Fragen beantwortet (Jessica Lewis 🦋 thepaintedsquare, Pexels-Lizenz).

Ein leistungsfähiges Recherche-Hilfsmittel

Endlich eine brauch­bare, ja hilf­reiche KI-Anwen­dung von Google! Mit Note­book LM er­schlies­sen wir für jour­na­lis­tische Artikel oder wis­sen­schaft­liche Arbeiten grosse Daten­be­stände und ge­langen schnell zu den grossen Themen und kleinen De­tails.

Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich kapiert habe, wozu dieses neue Produkt von Google gut sein soll. Es heisst Gemini Notebook¹, und das Kürzel am Ende weist darauf hin, dass ein Sprachmodell (Language Model) mit im Spiel ist. Aber wie könnte man eine Notiz-App mit KI anreichern?

Ich habe mir eine klassische App für Notizen vorgestellt, bei der es einen eingebauten Bot gibt, der Recherchen übernimmt. Aber so funktioniert Gemini Notebook nicht: Die Idee ist vielmehr, dass wir unser Rohmaterial zu einem Forschungs- oder Rechercheprojekt in einem Notizbuch sammeln. Gemini Notebook nimmt PDFs und Textdateien entgegen, und wir können auch aus der Zwischenablage Informationen einkopieren.

Die KI verschafft einen guten Überblick

Die KI hilft uns dabei, uns die gesammelten Informationen zu erschliessen. Sie erstellt automatisch Zusammenfassungen eines Dokuments und weist die Schlüsselthemen als Schlagwörter aus. Vor allem aber können wir uns Fragen stellen, die die KI dann anhand des Materials beantwortet.

Das Recherchematerial links, die Notizen zum Forschungsprojekt rechts.

Für einen Test habe ich die PDFs mit dem Rohmaterial zum neuen Digitalgesetz der EU hochgeladen, dem Digital Markets Act (DMA), über den ich in letzter Zeit mehrere Male geschrieben habe². Die PDFs enthalten Zeitungsartikel, Analysen, aber auch einige Originaltexte, z. B. der EU zum Gesetz.

Nach einer Analyse schlägt die KI von sich aus Fragen vor, die man anhand dieser Informationen beantworten lassen könnte:

  • Was sind die Hauptziele des Gesetzes über digitale Märkte?
  • Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für App-Stores von Drittanbietern, damit sie auf iOS-Geräten funktionieren?
  • Wie wirkt sich die Kerntechnologiegebühr auf die finanzielle Tragfähigkeit von App-Marktplätzen aus?
  • Was sind die finanziellen Auswirkungen der neuen Vorschriften und der Core Technology Fee für Entwickler in der EU und was sind die möglichen Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Apps und Innovationen?

Diese und ähnliche Fragen habe ich mir während meiner Recherche auch gestellt. Selbstverständlich dürfen wir auch eigene Fragen an unser Recherchematerial formulieren.

Das Datenmaterial «befragen»

Die KI schlägt uns nicht nur Fragen vor, sondern liefert auch die passenden Antworten. Zum Beispiel: Wie wirkt sich der DMA in der Schweiz aus? Die Auskunft: «Die Schweiz ist nicht (…) betroffen, sodass Apples jüngste Änderungen an den App-Store-Richtlinien (…) nicht für die Schweiz gelten.» Eine präzise, richtige Antwort, bei der wir nachfragen könnten, welche die indirekten Auswirkungen sein könnten.

Die KI beantwortet Fragen anhand des Recherchematerials und liefert gleich die Stellen, die zur Antwort passen.

Die Antworten werden durch Quellenangaben (Citations) ergänzt, die beim Klick direkt zu den passenden Stellen in den Originaldokumenten führen. So fällt es leicht nachzukontrollieren, ob die KI uns auch keinen Bären aufgebunden hat.

Fazit: Das ist beeindruckend. Die Idee, die uns bei ChatPDF schon begegnet ist, weitergedacht. Und eines ist klar: Je grösser der Datenbestand, desto grösser der potenzielle Nutzen von Gemini Notebook.

Die App kann aber noch mehr: Wenn wir einen Abschnitt im Originalmaterial markieren, dann erscheinen die Befehle Als Notiz zusammenfassen (Summarize to note), Vorschläge für verwandte Themen (Suggest related ideas) und Hilf mir, das zu verstehen (Help me understand).

Die Grenzen von Gemini Notebook

Gemini Notebook erspart es uns nicht, uns durch unser Material zu kämpfen, es durchzulesen und zu verstehen: Für uns denken und die Arbeit schreiben kann die KI nicht – und selbst wenn sie es könnte, bleibt das unsere Aufgabe. Aber um schnell ein bestimmtes Detail aufzufinden oder Aspekte herauszuarbeiten, die uns vielleicht entgangen sind, ist dieses Gemini Notebook Gold wert.

Einige Ergänzungen: Die Benutzeroberfläche finde ich wenig zugänglich. Aber die ist vermutlich nicht endgültig; Gemini Notebook ist noch im Stadium eines Experiments und noch kein fertiges Produkt. Zum Beispiel sollte die Zahl der Dateiformate, die importiert werden können, deutlich erhöht werden. Auch Word-Dokumente und Markdown müssten importiert werden können, genauso wie strukturierte Formate wie CSV, Json und ähnliche Dinge. Jedenfalls ist die Anwendung in der Schweiz auch nicht offiziell zugänglich und nur per VPN erreichbar (ich habe NordVPN benutzt).

Seltsam finde ich, dass Google wieder einmal mehrgleisig fährt. Erst gestern habe ich Google Pinpoint vorgestellt. Diese Software tut auf den ersten Blick etwas Ähnliches. Sie sieht besser aus und ist einfacher zu benutzen, funktioniert aber nicht so ausgeklügelt. Es wäre wirklich klug, sich nicht zu verzetteln, sondern auf ein Produkt zu konzentrieren, das dann alle Vorteile in sich vereinigt. Auf den ersten Blick fragen wir uns, warum diese Software weitergepflegt wird, wo doch Gemini Notebook eine sehr ähnliche Aufgabe auf modernere Weise erfüllt. Es gibt aber deutliche Unterschiede, insbesondere bei der Datenmenge. Für grosse Datenbestände, die nicht im Dialog, dafür aber durch ausgeklügelte Suchalgorithmen durchforscht werden müssen, ist Pinpoint nach wie vor die bessere Wahl. Die Unterschiede in Einzelnen beschreibe ich hier.

Fussnoten

1) In der ursprünglichen Version dieses Blogposts war von Notebook LM die Rede gewesen. Da das Produkt seit 16. Juli 2026 Gemini Noteobook heisst, habe ich den Text entsprechend angepasst, ihn sonst aber unverändert gelassen.

2) Die Texte zum Gesetz über digitale Märkte:

Ein Kommentar zu «Ein leistungsfähiges Recherche-Hilfsmittel»:

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