Einfach Kochen ist gar nicht so simpel

Ein doppelter Verriss ist angesagt: Ich habe zwei Kochbücher bekommen, die angeblich besonders einfache Rezepte enthalten sollen. Doch dieses Versprechen ist völlig haltlos.

Heute begehe ich gleich ein zweifaches Sakrileg: Erstens blogge ich über ein Thema, das in diesem Blog wirklich nichts verloren hat. Und zweitens beklage ich mich öffentlich über ein Weihnachtsgeschenk, was auch nicht gerade die feine Art ist. Aber zu meiner Entlastung darf ich sagen, dass es der Schenker auch nicht gerade feinfühlig mit mir umgesprungen ist.

Die Person – deren Identität hier geheim bleiben soll – hat mir nämlich zwei Kochbücher geschenkt. Das ist per se nichts Ehrenrühriges. Doch die Titel der Bücher könnte man als subtilen Hinweis oder sogar als Beleidigung verstehen.

Das erste Buch heisst nämlich Simplissime – Das einfachste Kochbuch der Welt. Es stammt von einem Mann namens Jean-François Mallet, der hier eine echte Marktlücke entdeckt hat. Es gibt dieses «einfachste Kochbuch der Welt» nämlich nicht nur einmal, wie man aufgrund des Superlativs im Titels annehmen sollte: Nein, es existiert in unzähligen Varianten. Ich habe die Disney-Variante bekommen, was als zusätzliche Beleidigung verstanden werden könnte. Doch zumindest das lässt sich ausschliessen – der Schenker dachte, dass darin besonders kindergerechte Rezepte zu finden seien, sodass auch meine Tochter sich an den Menüs erfreuen würde.

Der andere Oliver

Das zweite Buch stammt von einem Mann, der den gleichen Nachnamen trägt wie der von mir hochverehrte John Oliver, ebenfalls im Fernsehen tätig ist, mir aber nicht ganz so viel Amüsement bereitet. Er heisst Jamie Oliver, und sein Buch richtet sich nun auch nicht gerade an die Crème de la Crème der Hobbyküche.

Das Buch trägt den Titel Jamies 5 Zutaten-Küche und der Untertitel «Quick & Easy» deutet an, dass sich eher die n00bs angesprochen fühlen sollten.

An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass ich mich gar nicht als sonderlich schlechten Koch betrachte. Ich habe nun nicht die allergrössten Ambitionen. Aber ich beherrsche die handwerklichen Grundlagen und eine der wichtigsten Anforderungen erfülle ich auch: Ich kann recht gut abschmecken, finde ich.

Was mir fehlt, ist der Ehrgeiz, mich an besonders raffinierten Gerichten zu versuchen oder 27-Gänge-Menüs zu zaubern. Und ich bin schlecht organisiert, was für eine Karriere selbst in der heimischen Küche zugegebenermassen ein Hindernis darstellt.

Ich bin auch Kochbuch-Koch.

Trotzdem darf ich stolz vermelden, dass ich es seinerzeit sogar in ein Kochbuch geschafft habe: In Salz & The City – Kochen für Freunde von der tollen Esther Kern findet ihr mich auf Seite 56-57.

Damals übrigens noch mit wuscheliger Langhaarfrisur – allein das ein Vergnügen. Es gab auch einmal ein Video meiner Kochkünste, aber das ist glaubs aus dem Internet verschwunden. Mein Blogpost zu diesem fabulösen Ereignis existiert aber noch!

Aber zurück zu den beiden Büchern: Nach einigen Versuchen ist nun leider ein doppelter Komplett-Verriss angebracht. Erstens finde ich die Prämisse doof, die von beiden Büchern aufgestellt wird. Die lautet «wenige Zutaten = einfach zuzubereiten». Aber das ist doch Bullshit. Ob zwei, drei Zutaten mehr oder weniger, ist doch völlig einerlei.

El Harissa mit Rosenblüten?

Viel den grösseren Unterschied macht, wie aufwändig es ist, die Zutaten aufzutreiben. Wenn der gute Herr Oliver nach 30 Gramm Manchego oder einem gehäuften El Harissa mit Rosenblüten verlangt, und ich erst googeln muss, was das ist und wo man das herkriegen könnte, dann ist das nicht meine Vorstellung eines einfachen Rezepts. Stattdessen ein Rüebli und eine Knoblauchzehe reinzuschnetzeln und etwas Reibkäse darüberzustreuen, ist im Vergleich überaus simpel, selbst wenn deswegen am Schluss sieben statt fünf Zutaten auf dem Zettel stehen.

Oder der gute Herr Mallet, der auf Seite 118/119 bei «Mulans Schweinefleisch» nach Ingwer verlangt. Ich koche sehr gerne mit Ingwer, aber die verdammten Wurzeln zu schälen, ist nun nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Vor allem, wenn es in der Migros nur winzige Knöllchen gibt, die man mühseligstens von der zähen Haut befreien muss. Die Zubereitung würde fünf Minuten dauern, behauptet Mallet. Aber ich war allein am Ingwer eine gute Viertelstunde dran.

Koriander, Koriander, Koriander und Koriander

Was nun die Rezepte angeht, muss ich doch auch grosse Fragezeichen setzen: Bei Herrn Mallet ist zumindest in der ersten Hälfte des Buches eine der fünf Zutaten fast immer Koriander. Nun mag ich Koriander ganz gerne, doch in einem Disney-Kochbuch, das sich logischerweise an Kinder richtet, würde ich dieses Kräutlein eher nicht einsetzen. Natürlich verzieht das Kind den Mund und verlangt, man solle dieses eklige grüne Zeug gefälligst wieder aus dem Gericht herauspopeln.

Der Herr Oliver seinerseits kennt fast kein Gericht, in dem kein Chili drin ist. Ich glaube, der Mann schnetzelt sogar noch in seine Desserts eine oder zwei dieser Schoten. Das ist nun doppelt blöd. Erstens, weil das Kind scharfe Dinge nicht mag. Und zweitens, weil ich sie seit einiger Zeit nicht mehr sonderlich gut vertrage. Heisst: Aus Jamies Fünf-Zutaten-Küche werden Rezepte mit meistens vier Zutaten. Und dafür braucht man kein Kochbuch.

Viel Marketing und Cross-Marketing

Fazit: Viel Marketing – und im Fall von Simplissime in der Disney-Variante auch kleveres Cross-Marketing, aber wenig Originalität. Im Schnitt sind die Rezepte aus beiden Büchern auch trocken bis furztrocken. Und ja, ich weiss, die Handhabung von Sossen ist je nach Region höchst unterschiedlich und vielleicht ist man hierzulande etwas gar sehr auf die Flüssigkeit an den Gerichten fixiert. Aber ein leicht feuchtes Gericht rutscht halt leichter den Hals runter – so einfach ist es nun mal.

Fazit: Falls ich jemals selbst ein Kochbuch herausgeben sollte, dann wird es eines sein, dass diese beiden Starköche das Fürchten lehrt. Denn was einfach ist und was nicht, das kann ich besser beurteilen als diese beiden Überflieger.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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