Ein Nachruf auf zwei Apps

Swarm ist nicht an, aber zumindest mit Corona gestorben. Noch dramatischer ist es bei Ifttt – die App hat Suizid begangen.

Der Leistungsauftrag von uns Journalisten und Bloggern, zumindest in der Tech-Sphäre, umfasst die Vorstellung neuer Dienstleistungen, Produkte und Apps. Aber wenn wir auf diese Weise quasi Geburtshilfe leisten – sollten wir dann nicht auch Nachrufe veröffentlichen?

In einem solchen Abgesang wäre zu erklären, was die Bedeutung des Gegenstands war. Es ginge in der Würdigung darum, warum wir ihn seinerzeit angeschafft und mit Aufmerksamkeit bedacht haben. Man müsste erklären, welchen Dienst er erbracht hat, ob man ihn vermissen wird – oder warum nicht.

Der eigentliche Punkt, den wir unserem Publikum vermitteln müssten, wäre aber folgender: Warum der Zeitpunkt für den Abgesang gekommen ist und wir ein Produkt dem Recyclinghof überantworten, unser Konto bei einem Webdienst löschen oder eine App vom Smartphone verbannen. Das ist vor allem interessant, wenn das nicht bloss aus subjektiven Gründen passiert, sondern Zeichen eines Trends ist – und viele ehemalige Nutzer bereit sind, das Objekt des Abgesangs zu verstossen.

Anhand von zwei Beispielen lässt sich das sicherlich verdeutlichen: Das erste Beispiel ist Swarm, das ursprünglich Foursquare hiess. Ich war seinerzeit ein Fan. Im Beitrag Schnitzeljagd in der Smartphone-Ära habe ich am 8. Februar 2010 beschrieben, wie man Logins sammelt, Bürgermeister von Orten wird und sieht, wer wo schon war:

Das ist vor allem Zeitvertreib und eine Spielerei für Nerds und ihre iPhones, Android-Telefone und Blackberrys.

Äh, der Blackberry? Der ist neulich gestorben – schon wieder!

Zurück zur Swarm-App. Die habe ich neulich von meinem Smartphone geworfen. Die Begeisterung ist über die Jahre immer kleiner geworden. Solche Abnützungserscheinungen über die Zeit sind normal. Trotzdem habe ich die App behalten. Bis es dann einen Anlass gab, sie endgültig einzumotten

Dieser Anlass hat Corona geliefert. Mein Bewegungsradius ist seit März 2020 massiv eingeschränkt. Es gibt kaum mehr Gründe, die App überhaupt zu benutzen. Und noch schlimmer: Es ist im Gegenteil so, dass man vor Augen geführt bekommt, dass man nur noch bei den immer gleichen «Venues» eincheckt. Da lässt man es besser bleiben.

Der Nachruf fällt in diesem Fall ziemlich kurz aus: Swarm ist nicht an, aber mit Corona gestorben…

Das zweite Beispiel ist kniffliger. Es handelt sich um ifttt.com. If this then that ist ein Webdienst und eine App, die ich seinerzeit als visionär empfunden habe. 2010 ist Linden Tibbets angetreten, das Web zu mehr Zusammenarbeit zu bewegen. Statt Daten isoliert bei einzelnen Diensten zu halten, werden sie mit Ifttt verknüpft.

Ich habe auf diese Weise den Twitter-Bot @mschuessler gestartet, der für mich Dinge vertwittert. Im Beitrag Wenn Iftt, dann Zeitersparnis ging es darum, die diversen weiteren Möglichkeiten aufzuzeigen und ein Loblied auf die App zu singen. Und unter dem Titel Wie das richtige Internet aussehen müsste habe ich sie sogar in einem Video gewürdigt.

Diese Idee hat noch immer ihre Berechtigung. Doch mein Eindruck war, dass die App über die Zeit immer weniger gut zu benutzen war. Und dieser Eindruck täuscht nicht, wie der Screenshot aus der Anfangszeit zeigt:

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Das Dashboard, wie es sich 2011 präsentiert hat.

Das Dashboard damals zeigt auf einen Blick, welche beiden Dienste miteinander verbunden sind. Es gibt rechts Knöpfe, um einen Task zu löschen, zu deaktivieren oder zu bearbeiten.

Das Dashboard von Ifttt zehn Jahre später.

Demgegenüber sieht man heute sogenannte Applets. Man sieht nur deren Bezeichnung, nicht aber, welche Dienste verknüpft sind.

Befehle zur Bearbeitung gibt es auch nicht. Ich kann in dieser Ansicht noch nicht einmal Applets löschen, die ich nicht mehr verwenden will. Um eines zu entfernen, muss ich es antippen, dann in der Einzelansicht die Schaltfläche Settings betätigen und finde nun einen Archive-Button vor.

Was immer der Grund für die Veränderungen war: Für mich als Nutzer erschliesst er sich nicht. Ich erkenne nur, dass ein ehemals grossartiger Dienst inzwischen fast unbrauchbar geworden ist.

Und ja, ich habe mitbekommen, dass Ifttt den Pro-Preisplan eingeführt hat. Ich habe unzählige entsprechende Mails erhalten, in denen ich aufgefordert wurde, doch zu wechseln. So aufdringlich diese Spammerei war; ich habe Verständnis dafür, dass ein solcher Webdienst auch Geld verdienen muss. Es leuchtet sogar ein, dass es schwierig ist, den Nutzern ein Freemium-Preismodell schmackhaft zu machen, wenn der Dienst ursprünglich kostenlos war.

Im Fall von Ifttt ist das gar nicht gut gelaufen. Irgendwo auf diesem Weg hierhin sind die Einfachheit und der Charme auf der Strecke geblieben. Darum ist es für mich Zeit, Tschüs zu sagen.

Und wenn es euch auch so geht: Alternativen habe ich im Beitrag Wie das Internet deine Arbeit macht zusammengetragen. Eine der wichtigsten Funktionen, die Ifttt für mich in letzter Zeit erfüllt hat, übernimmt nun die App Geofency, die ich im Beitrag Die App fürs perfekte Alibi vorgestellt habe: Sie loggt,wann ich an bestimmten Orten wie meinem Arbeitsplatz ankomme, und wann ich sie wieder verlasse.

Beitragsbild: Brett Sayles, Pexels-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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