Sollten wir nicht nur 5G verhindern, sondern auch den Mobilfunk abschaffen?

Ein Verein kämpft gegen 5G und gegen jegliche elektromagnetische Strahlung – und er verlangt auch WLAN-freie Zonen. Ich habe versucht herauszufinden, ob diese Forderung ernst gemeint ist – und was hinter ihr steckt.

Auf Facebook bin ich einer, Zitat, «nationalen und hoffentlich zukunftsweisenden» Umfrage zu 5G begegnet. 5G: Das ist dieser neue Mobilfunkstandard, der heftig angefeindet wird. Es gibt Leute, die ihn unbedingt verhindern wollen. Zu diesem Zweck setzen sie einiges an Aktivitäten in Gang.

Der Facebook-Post mit Umfrage zu 5G.

Eine dieser Aktivitäten ist eben diese Umfrage. Sie stammt, genauso wie der gesponsorte Facebook-Post, von einem Verein namens «Stopp 5G in Winterthur».

Bei dieser Ausgangslage hat man eine ziemlich klare Vorstellung davon, was Sinn und Zweck dieser Erhebung ist. Und ein Blick auf die Fragen bestätigt die schlimmsten Vermutungen. Wenn ich es jemals mit Suggestivfragen zu tun bekommen habe, dann bei diesem demoskopischen Meisterwerk:

  • «Denken Sie, dass 5G kurz-, mittel- oder langfristig schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, Tiere und Natur hat?»
  • «Denken Sie, dass die andauernden flächendeckenden Mobilfunkbestrahlungen (2 bis 5G) für viele Menschen nötigend sind (oder aufgezwungen werden)?»
  • «Sollte es mobilfunk- und wifi-freie Zonen und Räume geben, damit man sich diesen elektromagnetischen Strahlen entziehen kann (z.B. in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder in Privaträumen wie Schlaf- und Kinderzimmer), wenn man es möchte?»
  • «Möchten Sie die andauernde flächendeckende Mobilfunkbestrahlung abgeschafft und stattdessen einen punktuellen, markierten, isolierten und teilweise von Hand ein- und abschaltbaren Mobilfunk haben?»
  • Und als sechste Frage und besonders tief blickend: «Arbeiten Sie in oder für die Mobilfunkindustrie?»

Ich muss zugeben: Ich bin ratlos. Wozu sollen Verein und Umfrage gut sein? Sind sie tatsächlich am Erreichen ihres Ziels interessiert – oder wollen sie bloss ein bisschen die Öffentlichkeit trollen?

Nehmen wir an, es ist dem Verein ernst mit seinem Ziel. In diesem Fall soll nicht nur 5G über die Klinge springen, sondern der ganze Mobilfunk. Die Fragen beziehen sich explizit auf die generelle Mobilfunkstrahlung. In der zweiten Frage ist von «2G bis 5G» die Rede.

Damit bin ich einverstanden: Ich habe nämlich nie verstanden, wie Leute gegen 5G sein können, gleichzeitig aber intensiv 4G, LTE und WLAN verwenden. Auch wenn sich die Standards im Detail unterscheiden: Wenn man eine generelle EMF-Abneigung hat, ist die Zahl vor dem G komplett egal.

Also postulieren wir, dass das Ziel die Abschaffung des Mobilfunks ist. Unter dieser Voraussetzung ist klar, dass man das nicht mit einem kleinen Verein und ein paar gesponsorten Beiträgen auf Facebook erreicht.

Der Mobilfunk ist eine Milliardenindustrie und inzwischen eine Grundlagentechnologie, ohne die unsere Gesellschaft an vielen Ecken und Enden gar nicht mehr funktioniert. Nur ein Beispiel: Wie viele Touristen würden (nach dem Ende der Coronakrise) wohl ins Land kommen, nachdem die «andauernde flächendeckende Mobilfunkbestrahlung» beendet worden ist? Genau.

Nicht nur das: Ohne die drahtlosen Kommunikationsnetzwerke wäre die Schweiz eine einsame, von Elektromagnetismus befreite Insel in einer drahtlos kommunizierenden Welt. Bei der BBC gibt es einen Beitrag zu den letzten Plätzchen auf der Welt ohne Internet. Wir begäben uns auf den Versorgungsstandard von Nordkorea oder den Cookinseln. Und ja: Auch an diesen Orten gibt es Internet ab Satellit. Und auch das funktioniert mit Radiowellen. Müsste man die vom Himmel holen?

Die Abschaffung des Mobilfunks wäre ein Unterfangen von der Grössenordnung der Energiewende. Wenn man die durchbringen will, dann braucht es entweder einen Staatsstreich und eine gewaltsame Vorgehensweise. Oder aber eine Volksbewegung, politische Allianzen, Rückhalt in der Bevölkerung und vor allem auch ein paar gute Gründe. Und leider hat der Verein «Stopp 5G in Winterthur» nichts davon zu bieten.

Jetzt kann es natürlich sein, dass die Initianten des Vereins Fantasten sind, die sich nicht um die Realisierbarkeit scheren. Es ist möglich, dass das ihre Art ist, von einer strahlungsfreien Welt zu träumen. Damit könnte ich leben.

Vielleicht sind es Leute, die an Elektrosensibilität leiden und mit diesem Kampf ihr Leiden verringern möchten. Auch dafür hätte ich ein gewisses Verständnis – auch wenn ich überzeugt bin, dass unter diesen Umständen andere Massnahmen hilfreicher wären. Zum Beispiel der Versuch herauszufinden, was tatsächlich hinter der Angst vor den Wellen steckt.

Oder aber Aufklärung: Denn es ist eine wissenschaftliche Tatsache, dass der Körper durch Mobilfunk nur minimale Energiedosen absorbiert. Der skeptische Podcast «Skeptoid» bringt es in diesem Beitrag so auf den Punkt:

Schon eine einzige heisse Dusche liefert mehr Wärme, als Sie während Ihres ganzen Lebens mittels Mobilfunk aufnehmen werden.

Doch sollte es sich um ein ernsthaftes Anliegen handeln, dann ist es sinnlos, Überlegungen zur Machbarkeit auszuklammern. Dann sollte man sich im Klaren sein, was man realistischerweise erreichen kann: Im Fall von 5G hat man die Chance, die aktuellen Grenzwerte beizubehalten und, wenn man besonders gut lobbyiert, vielleicht sogar ein wenig zu verschärfen. Bei der Beibehaltung hätte man den Bundesrat sogar auf seiner Seite.

Mit einer derart überzogenen Forderung hingegen schadet man seinem Anliegen. Man disqualifiziert sich selbst, rückt sich in die Nähe jener Verschwörungstheoretiker, die in 5G ebenfalls ein gefundenes Fressen sehen. Und macht sich zum Helfershelfer der Kreise, die bewusst Ängste schüren – weil FUD (Fear, Uncertainty and Doubt; Furcht, Ungewissheit und Zweifel) eine vielversprechende Kommunikationsstrategie und ein gutes Geschäftsmodell ist. Zumindest, wenn man die eigene Mission über die Wahrheit stellt.

Zurück zum Verein «Stopp 5G in Winterthur» und der Frage, ob der ernst gemeint ist oder doch ein soziologisches Experiment dahinter steckt. Der Landbote hat am 15. Februar 2020 über den Verein und dessen Präsidenten Dominik Krämer geschrieben:

Dominik Krämer setzt sich intensiv mit 5G auseinander, seit er auf seinem Balkon einem trägen Bienenschwarm begegnete. Es sei eine Art Weckruf gewesen: «Die Bienen schwebten lethargisch vor dem Balkon herum, an Ort und Stelle, hin und her», beschreibt er das Erlebnis. Krämer glaubt, das verwirrte Verhalten habe mit der Mobilfunkantenne in der Nähe zu tun, die damals noch 4G funkte.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie viel Krämer über Bienen weiss. Aber man muss weder Imker noch Biologe sein, um zu verstehen, dass die Verwirrung von Bienen viele Gründe haben kann. Von Milben ausgelöste Krankheiten etwa. Oder auch Pestizide, wie hier Greenpeace schreibt – und was mir als Grund einleuchtender erscheint. Wäre die Antenne schuld, dann wäre eine Korrelation leicht herzustellen: Wir würden andauernd verwirrte Bienenvölker in der Nähe solcher Antenne beobachten.

Fazit: Ich verstehe, dass neue Technologien Ängste auslösen. Und es leuchtet mir ein, dass diese Funkmasten ein Symbol für den rasanten Fortschritt und das omnipräsente Internet sind. In dieser Symbolfunktion wirken sie auf Leute, die keine Fans dieses Fortschritts sind, bedrohlich oder sogar feindlich. Und es ist in der Tat so, dass das Tempo der technischen Entwicklung ungeahnte Risiken bergen. Aber blinder Aktionismus hilft nichts und niemandem.

Und übrigens: Gerade für die Bienen kann man wirklich etwas tun. Man kann bienenfreundliche Pflanzen ansäen, einheimischen Honig kaufen, auf Pestizide verzichten, die richtigen Lebensmittel kaufen, Nistmöglichkeiten für Wildbienen anbieten oder Bienengötti oder -gotte werden.

Beitragsbild: Sieht das  nicht ein bisschen wie ein Atompilz aus (JBSA, CC0)?

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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