Verbündete gegen unseren eigenen Rassismus

Drei besonnene Stimmen zum Rassismus im Alltag und wie der Kolonialismus noch heute unser Denken prägt. Nachdem die Streitereien auf Facebook und Twitter abgeklungen sind, ist eine gute Gelegenheit, auf sie zu hören.

Malcolm Ohanwe, #kritischesweisssein

Im Medientalk von SRF vom 27. Juni 2020 ging es um die Idee von Journalist Malcolm Ohanwe, der unter dem Hashtag #kritischesweisssein folgenden Aufruf gestartet hat:

Ich fand die Idee erst seltsam, dann einleuchtend – und schliesslich befolgenswert. Meine ersten Anläufe, selbst etwas beizutragen, sind bis leider kläglich gescheitert. Ich verfiel in den weinerlichen Tonfall eines apologetischen Arschlochs. Davon hat niemand etwas. Darum habe ich meine Entwürfe an der tiefsten Stelle im Garten vergraben.

Vielleicht wird irgendwann doch etwas Vernünftiges daraus. Aber bis dahin muss ich mich noch intensiv mit dem Thema und auch mit mir selbst auseinandersetzen. Zwei Podcasts haben mir auf dem Weg dahin eine erste Schützenhilfe geleistet:

Bernhard Schär über unser koloniales Erbe

Die «Focus»-Sendung von SRF3 vom 22. Juni mit Historiker Bernhard Schär und Fragesteller Hannes Hug. Sie räumt mit der angenehmen Gewissheit auf, dass wir Schweizer uns in Sachen Rassismus nichts Gröberes haben zuschulden kommen lassen. Wir hatten keine Tradition der Sklaverei und waren keine Imperialisten – so wie die Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Briten und sogar die Deutschen.

Doch siehe da: Auch die Schweiz hat vom Kolonialismus profitiert.

Und nach diesem einen Satz scheint es mir wichtig, auch gleich auf den offensichtlichen Einwand einzugehen. Einige Leute im Publikum werden jetzt nämlich gelangweilt abwinken. Sie weisen darauf hin, dass das weiss Göttin keine neue Erkenntnis ist: «Jeder, der nicht unter einem Stein gelebt hat, wusste das schon immer», lautet dieser Einwand.

Er stimmt: Man hätte «es wissen können». Und doch ist es nicht ins Bewusstsein vorgedrungen. Das ist ein Teil des Problems und eben keine Entschuldigung – und ganz sicher kein Grund, das Thema ad acta zu legen. Sondern einer, uns damit auseinanderzusetzen.

Meine Wohngemeinde Winterthur zum Beispiel: Hier hat das Handelshaus der Gebrüder Volkart seinen Hauptsitz. Das wurde 1851 gegründet und ist mit dem Handel von Baumwolle, Tee, Ölen, Kaffee, Kakao, Gewürzen, Kautschuk und anderen Kolonialwaren gross und reich geworden. Davon profitiert die Stadt bis heute. Radio Stadtfilter, wo wir unseren Nerdfunk ausstrahlen, geniesst Gastrecht im Volkarthaus beim Bahnhof und ist dadurch direkter Nutzniesser. Haben wir das je auf dem Sender thematisiert?

Und zugegeben, die Sache ist kompliziert, weswegen es einen zweiten Einwand gegen das Thema gibt: Die Schweiz war schon immer neutral und hatte keine imperialistischen Ambitionen. Die Gebrüder Volkart haben Handel betrieben – und Handel per se ist keine Ausbeutung, nicht böse, sondern verhilft im Idealfall allen Parteien zu mehr Wohlstand.

Und genau dieses zweite Argument macht es für uns heute so leicht, die Hände in Unschuld zu waschen. Doch wenn man sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, dann war eben genau diese Neutralität das Mittel, indirekt sehr wohl zu profitieren. Die Studie Die Fäden des globalen Marktes des Historikers Christof Dejung zeigt das klar auf. Die NZZ hat sie seinerzeit wie folgt zusammengefasst:

Das Statut der Neutralität schaffte den Schweizer Wirtschaftsakteuren – frei nach Pierre Bourdieu – symbolisches Kapital, das sich in ökonomisches Kapital ummünzen liess.

Historiker Bernhard Schär macht das im erwähnten Podcast sehr deutlich, ohne dass man die lange Studie von Christof Dejung lesen oder sich sogar mit Pierre Bourdieu herumschlagen müsste. Darum ist das eine hervorragend investierte knappe Stunde.

Susan Arndt über das kritische Weisssein

In seinem Wrint-Podcast spricht Holger Klein mit der Professorin Susan Arndt von der Universität Bayreuth über das kritische Weisssein.

Das ist ein wissenschaftlicher Gegenstand, von dem ich bis vor Kurzem noch überhaupt nicht wusste, dass es ihn gibt. Ich vermute, dass ich über den wahrscheinlich bloss den Kopf geschüttelt hätte, wenn er mir unvermittelt begegnet wäre. Doch wir haben uns in letzter Zeit mit der Ermordung von George Floyd, den Black-Lives-Matter-Demonstrationen und dieser unsäglichen Diskussion auseinandergesetzt.

Doch der Podcast hat mir nicht nur die Forschungsrichtung sehr einleuchtend erklärt, sondern auch verständlich gemacht, warum das der richtige Ansatz ist: Als Weisser kann und darf ich mich mit Black Lives Matter solidarisieren. Aber es ist nicht unser Befreiungsschlag – und die Gefahr ist riesig, dass wir in alte Muster verfallen, wenn wir mitmischen und den Menschen of Color plötzlich erklären, wie sie ihn zu führen haben.

Darum ist es der richtige Weg, uns mit unserem Weisssein und unserem Verständnis auseinandersetzen, die Normalität zu sein. Susan Arndt macht das in diesem Podcast auch ganz hervorragend: Sie erklärt den Ansatz und zeigt auf, wie sie persönlich diese Aufgabe angeht und auch als Expertin noch immer gefordert ist.

Sie zeigt auch auf, wie und warum der Rassismus erfunden wurde. Gerade die Aufklärung und die Aufklärer, namentlich Kant, haben bei seiner Entstehung und Verankerung in unserer Gesellschaft beigetragen. Und ja, auch da gibt es längst Gegenstimmen – und auch für mich ist das nicht ganz leicht zu akzeptieren.

Trotzdem endet dieser Blogpost zuversichtlich: Die Stimmen, die in diesen drei Podcasts zu Wort kommen, nähren bei mir die Hoffnung, dass wir einen guten Umgang mit diesem Thema gefunden haben.

Beitragsbild: Markus Spiske, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Verbündete gegen unseren eigenen Rassismus“

  1. Auf Fakten basierende Geschichte ist wichtig. Auch in der Schweiz war es lange Zeit üblich, das eigene Verhalten in der Vergangenheit schön zu färben. Sklaverei? Wir doch nicht! Verhalten im zweiten Weltkrieg? Heldenhaft, und dann erst Guisan!

    Was mich an der aktuellen Diskussion aber stört, ist die Begrenzung auf schwarz und weiss. Die bösen Weissen, die guten Schwarzen.

    Statue von General Lee? Muss weg, war ein Rassist!
    Statue von Ulysses Grant? Kann bleiben, hat gegen Lee gekämpft und war kein Rassist. Hat zwar Indianer abschlachten lassen, aber es geht ja um Schwarze.

    Eroberung von Südamerika? Genozid an den Aborigines, Zwangs-Christianisierung der Maori? Ist ausser in Geschichtsbüchern kaum mehr ein Thema, dabei basiert unser Wohlstand unter anderem auf den Kolonien.

    Ich kann das Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ sehr empfehlen. Da erfährt man, dass eigentlich jede Kultur ein blutiges Erbe hat.

    Das soll keine Relativierung sein. Die Sklaverei in den USA ist nicht weniger schlimm, nur weil schon die Römer Sklaven hielten. Aber ich wünsche mir eine sachliche Diskussion und eine vielschichtige Betrachtung historischer Figuren. Man soll sie in ihrem Umfeld sehen, Kontext geben, aber nicht einfach vom Sockel stossen. Weil wenn man sie an unseren heutigen Standards messen würde, hätten wir keine Statuen mehr.

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