Roger Schawinski kämpft den falschen Kampf

Die Abschaltung der UKW-Sender im nächsten Jahr ist nicht die grösste Herausforderung, die der ehemalige Radiopirat zu meistern hat.

Ich bin ein Fan des Radiopioniers: Ich mag seine kämpferische Ader, seine geradlinige Art und die Tatsache, dass er einiges für die Schweizer Medienlandschaft getan hat. Und ich mag ihn auch als Interviewer, auch wenn er für meinen Geschmack manchmal zu parteiisch ist.

Aber geschenkt. Ich hoffe, dass er seine Sendungen auf Radio 1, die ich immer als Podcast höre, noch mit 120 machen wird.

Ein neueres Foto von Roger Schawinski mit passendem Creative Commons habe ich leider nicht gefunden (Roger Schawinski (1991); Walter Rutishauser, Fotograf – Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser/Wikimedia, CC BY-SA 4.0).

Neuerdings kämpft Roger Schawinski einen Kampf, den ich zu einem gewissen Grad verstehe, aber trotzdem für vergebliche Liebes­mühe halte. Er setzt sich nämlich gegen die Abschal­tung der UKW-Verbrei­tung des Radios ein. Die hat das Bakom für 2022 und 2023 verordnet. Lineares Radio wird man ab dann noch via DAB+ und natürlich via Internet zu hören sein.

Teure Doppelspurigkeit

Der Grund für die Abschaltung besteht darin, dass die Verbreitung auf drei Wegen sehr teuer ist, gerade in einem bergigen Land wie der Schweiz, wo es für eine flächendeckende Versorgung bis in die hintersten Täler viele kleine Umsetzer braucht. Der Unterhalt dieses UKW-Netzes geht vor allem für die Stationen abseits der grossen Zentren ins Geld, auch wenn Schawinski sicher recht hat, dass diese Sender allesamt abgeschrieben sind.

Da diese Doppelspurigkeit mit der Verbreitung via Luft kein Dauerzustand sein sollte, sollte man sich tatsächlich einige Fragen stellen. Erstens: Braucht es DAB+ überhaupt? Ist es ein so grosser Fortschritt, dass sich der ganze Aufwand lohnt?

Eine berechtige Frage, deren Zeit aber längst verstrichen ist. Der letztmögliche Moment für einen Marschhalt bei der Radiodigitalisierung wäre vor knapp zehn Jahren bei der Umstellung von DAB auf DAB+ gewesen, über die ich mich seinerzeit sehr geärgert habe. Doch inzwischen ist DAB+ im Alltag der Nutzerinnen angekommen. Letztlich zu Recht, denn die Tonqualität ist besser geworden. Das Digitalradio ist benutzerfreundlicher, indem ein Sender in seinem ganzen Verbreitungsgebiet ohne manueller Senderwechsel empfangbar ist.

DAB+: Mehr Auswahl, bessere Qualität

Der Hauptgrund ist aber das grössere Angebot. Die UKW-Frequenzen sind ein knappes Gut, während es bei DAB+ mehr Reserven gibt. Die werden durch Sparten- und Special-Interest-Programme genutzt, die entscheidend für die Medienvielfalt sind. Ich beispielsweise höre täglich SRF4, der Newskanal vom Schweizer Radio und Fernsehen. Für den gibt es keinen analogen Verbreitungsweg.

Gar keine Platzprobleme, wenn man so sagen darf, gibt es im Internet. Darum stellt sich trotzdem die Frage, ob man den klassischen Rundfunk nicht zugunsten des IP-Radios aufgeben sollte. Darum die nächste Frage: Braucht es DAB+, wo die Zukunft doch eh das Streaming ist?

Diese Frage ist die schwierigste: Denn auch ich bin geneigt, sie mit Nein zu beantworten. Das Internet ist ein hervorragender Verbreitungsweg fürs Radio, das ist unbestritten. Trotzdem würde ich nach längerem In-mich-Gehen eine Lanze für diesen Verbreitungsweg brechen: Radio war immer ein niederschwelliges Medium und soll das auch bleiben.

Und ja, DAB+ ist im Vergleich zum Dampfradio etwas komplexer. Aber nur ein bisschen. Selbst technisch unbeleckte Senioren wie meine Grosseltern kamen während ihrer Lebtage damit zurecht. Beim Internetradio ist die Hörerin auf einen funktionierenden Onlinezugang angewiesen – den es bei meinen Grosseltern nicht gegeben hat.

Und ein gutes Argument für DAB+ ist, dass wir die Verbreitung unter Kontrolle haben; anders als beim Internet, wo wir von internationalen Tech-Konzernen abhängig sind. Dieses Argument stammt übrigens aus Roger Schawinskis Sendung «Doppelpunkt» bzw. von seinem Gast Markus Ruoss, der sagt, die Versorgung der Bevölkerung  im Erstfall könne mit DAB+ sogar im Bunker sichergestellt werden.

Abschaltung herauszögern?

Letzte Frage: Könnte man die Abschaltung nicht herauszögern, damit sie für das verbliebene UKW-Publikum weniger einschneidend ist? Natürlich, das könnte man. Es ist aber meines Erachtens Geldverschwendung. Auch die Radios haben ganz andere Herausforderungen – auf die ich gleich zu sprechen kommen werde.

Ausserdem zeigt sich am Beispiel von Apple, dass man auch mal einen Pflock einschlagen, damit sich etwas tut: Man muss das optische Laufwerk eliminieren, damit die Leute die Cloud verwenden. Man baut ausschliesslich USB-C ein, damit dieser Standard vorankommt.

Bei DAB+ hat die Autobranche während mindestens zehn Jahren geschlafen, sonst wäre das Hauptargument gegen die UKW-Abschaltung längstens keines mehr: Noch immer können zu wenige Autos DAB empfangen, weil man diese Funktion immer als teures Extra verkauft hat. Da sieht man, wie fortschrittsfeindlich diese Hersteller sind, die nebenbei bemerkt auch bei der Bekämpfung der Klimakatastrophe mittels Technik nicht brillieren.

Und ja, auch vom Problem des Radioempfangs in den Tunnels, der bei DAB+ viel schlechter ist als bei UKW, habe ich schon vor mindestens zehn Jahren geschrieben gesprochen (falls ich mich richtig erinnere, in der Digitalk-Folge 14 von Anfang 2007). Auch das könnte längst gelöst sein.

Es braucht vollendete Tatsachen

Wir lernen: Ohne Druck tut sich nichts. Darum ist es richtig, das nun durchzuziehen.

Und wie gesagt: Der Medienwandel geht am linearen Radio nicht spurlos vorbei. Mein Konsum ist in den letzten Jahren massiv zusammengeschrumpft. Das liegt einerseits am unsäglichen Formatradio, aber andererseits auch an den immer vielfältigeren Alternativen beim Streaming, den Podcasts, Hörbüchern und Audiotheken. Statt die UKW-Romantik aufrechtzuerhalten, würde Roger Schawinski seine Energie besser in ein inhaltliches Zukunftskonzept investieren. Die regionalen Programme haben im Schnitt ein bescheidenes Angebot. Und gerade Radio 1 hat, wenn man das Zugpferd Schawinski weglässt, das auch via Podcast funktioniert, wenig zu bieten. Darum sollte das «sini Idee gsi si»!

Nachtrag

👉 Wir haben auch eine schöne Nerdfunk-Sendung zum Thema gemacht: D UKW-Fee isch bald nienet me

Beitragsbild: Das müsste dann ersetzt werden (Mehmet Turgut Kirkgoz, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

4 Gedanken zu „Roger Schawinski kämpft den falschen Kampf“

  1. Den Autoherstellern sollte man einen Satz heisse Ohren verteilen… Ich habe ein gebrauchtes Auto einer guten deutschen Marke gekauft, Baujahr 2016, Neupreis fast 100’000 Fr. Das hat eine SIM-Karte drin, ich kann per App den Reifendruck kontrollieren etc.

    Was es nicht hat, ist DAB+. Aber kein Problem, laut Werkstatt kann man das aktuell günstig nachrüsten. „Günstig“ heisst in dem Fall für 1600 statt 2100 Fr. m(

    Klar, ist auch mein Fehler, ich habe das vor dem Kauf nicht abgeklärt. Aber ich ging davon aus, dass „Vollausstattung“ im Jahr 2016 DAB+ beinhaltet.

  2. a) Das BAKOM hat nichts verordnet: „Das BAKOM hat sich bereit erklärt, den von der Branche beschlossenen Abschaltplan als verbindliche Verpflichtung entgegennehmen ,,,“ (https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/elektronische-medien/technologie/digitale-verbreitung/die-ukw-sender-werden-2022-2023-abgeschaltet.html)

    b) Lineares Radio wird man ab dann noch via DAB+, via Internet und natürlich via SATELLIT zu hören sein.

    Hoch leben die vielen DAB-Empfänger in den Mobiltelefonen – oder sind es UKW-Empfänger?

    1. Punkt a) spricht nochmals zusätzlich gegen Schawinski, weil auch die Branche, minus Radio 1, hinter dem Entscheid steht. Und Satellitenradio könnte man IMHO noch vor UKW abschalten. 😉

  3. Das Argument, dass DAB+ mehr Senderplätze zur Verfügung stelle und somit die Radiovielfalt fördere, mag ich nicht nachvollziehen, denn die meisten Sender tönen gleich, verbreiten die gleiche gekünstelte seichte Heiterkeit und sind keine Vielfalt, sondern Monotonie verteilt auf verschiedene Frequenzen. Radio DRS und meinetwegen noch 1 Privatsender würden reichen. Der hätte dann genügend Werbung auch noch über UKW sich zu verteilen. Oder auch über Langwelle, Kurzwelle. Über Kurzwelle wäre er vielleicht kurzweiliger.

Kommentar verfassen