Formatradio ist das letzte

In diesem Blog wurde des Öfteren über das formatierte Radio von heute gelästert. (Nämlich hier, hier und hier). Der Zwang, jegliche Ecken und Kanten aus dem Programm zu entfernen, macht aus dem Radio, das von Haus aus das tollste Medium von allen sein könnte – etwas Langweiliges, Ödes, Nutzloses.

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Wer ihn nicht mag, lässt das Radio besser ausgeschaltet.

Nun bin ich neulich über die Site und-taeglich-gruesst-das-murmeltier.de gestolpert. Michael Vogel hat die Musikprogrammation von HR3 analysiert und statistisch ausgewertet. Die Daten zeugen davon, wie eintönig das Musikprogramm daherkommt, wenn es von der Marktforschung bestimmt wird. Einige Erkenntnisse:

Die 100 meistgespielten Interpreten steuerten 2014 bei HR3 mit 1189 Songs 48,75 Prozent aller Radioairplays bei. 2015 ist der am häufigsten gespielte Song «Blame it on me» von George Ezra. Der läuft sage und schreibe 2,7-mal am Tag. Verblüffend auch die Kategorie «Die meisten Songs von einem Interpreten an einem Tag»: Da finden wir wiederum Herrn Ezra, der am 14. April 2015 achtmal (!) lief: Immerhin, nebst viermal «Blame it on me» kam auch zweimal «Cassy O’» und zweimal «Budapest». Weitere X-mal-am-Tag-Interpreten sind OneRepublic, Amy Winehouse, Lost Frequencies und Joris.

Interessant fand ich auch die absoluten Zahlen. Der am meisten gespielte Song 2013 war Mr. Probz mit «Waves». Der Song lief 788-mal. Wenn man drei Stunden pro Tag HR3 hört, dann hört man ihn alle vier Tage; ein ganzes Jahr lang. Das ist eine Zumutung.

Lustig ist, zu guter Letzt, auch die Rubrik «Tage ohne einen Song von…». Da findet man heraus, dass es 2014 einen einzigen Tag gab, an dem auf HR3 kein einziges Mal OneRepublic gespielt wurde: Es war der (tadaaa!) 21. November!

Nun ist HR3 kein privater, kommerzieller Sender, der nur den Werbekunden verpflichtet wäre. Nein, HR3 ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der Gebührengelder erhält. Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass 2009 diverse Sendungen zwecks Verbesserung der «Durchhörbarkeit» gestrichen wurden. Nun hat man den ganzen Quatsch wie Musikbetten unter jeder Moderation, exzessiver Trailereinsatz, Wortbeiträge unter 90 Sekunden, sandgestrahlte Moderatoren und eben auch Musikrotation.

Ich bin gespannt, wie weit diese Radioform den Medienwandel überleben wird – oder ob sie sich in zwanzig Jahren als «Versehen der Geschichte» herausstellen wird. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass der durch Streaming, Podcasts und Youtube zur Mündigkeit erzogene Bürger diese Bevormundung noch lange goutieren wird. Aber vielleicht ist das auch mein Wunschdenken. Meine Toleranzschwelle ist jedenfalls längstens überschritten.

Zum Thema passen vielleicht auch diese beiden Dinge:

Nicht nur der Musikmix beim Radio wird immer eintöniger, auch die Songs selbst werden zunehmend schematisch. Das weist der Beitrag Scientists Just Discovered Why All Pop Music Sounds Exactly the Same nach. Das geht bis zur kompletten Verwechselbarkeit. Im Beitrag Video demonstrates how mind-numbingly formulaic and shitty Country pop music has become ist ein Video zu finden, bei dem sechs Country-Pop-Nümmerchen nahtlos ineinandergemischt werden – ohne dass hinterher Brüche zu erkennen wären.

Und da war das Interview «Ich hatte das Zeugs genug gehört» mit Radio-Legende Tony Prince im Tagesanzeiger:

Vor allem die Radios, die über Äther zu empfangen sind, spielen mehr oder weniger ähnliche Hitlisten rauf und runter, mehrheitlich Songs, die niemanden stören sollen. Es ist schon seltsam: Früher musste man Radio hören, wenn man wissen wollte, was musikalisch angesagt ist. Inzwischen ist die Musik zur Problemzone der Radios geworden. Allerdings finde ich schon, dass es sich viele Stationen mit dem uninspirierten Hit­paket zu einfach machen.

Autor: Matthias

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