Schrödingers Katze hat zwei Meinungen

Der Unfalltod von Ueli Steck hat letzte Woche, nebst dem fulminanten Start von Repulik.ch, in meiner Timeline virtuelle Wellen geworfen. Es hat sich sehr schnell eine Kluft aufgetan. Auf der einen Seite gab es denjenigen, die betroffen waren (sind) und ihre Anteilnahme ausgedrückt haben. Auf der anderen Seite gab es Leute, die zum Ausdruck brachten, dass hier einer bewusst ein extremes Risiko eingegangen ist und den Tod gefunden hat. Das sei dann quasi Berufsrisiko – und somit kein Grund für Mitgefühl.

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Den Berg zu besteigen, scheint genauso schwierig, wie auf Facebook eine vernünftige Debatte zu führen. (Bild: Nepal 31 von Sam Hawley/Flickr.com, CC BY 2.0)

Ich habe ab und zu diese Momente, wo ich es bedauere, nicht Philosophie studiert zu haben. (Ich habe mal ein Semester damit zugebracht, dann aber vor der Lektüreliste kapituliert.) Es werden nämlich zwei Fragen aufgeworfen. Erstens: Warum verstehen die einen Leute dieses Bedürfnis, sich in Gefahr zu bringen, um «einen Traum zu leben»? (Die Anführungszeichen drücken aus, dass die Redewendung sehr abgegriffen ist, mir aber nichts weniger Floskelhaftes eingefallen ist.) Und warum haben andere dafür überhaupt kein Verständnis, sondern halten Extrembergsteiger, Basejumper, Autorennfahrer für rücksichtslos? Diese Fraktion vertritt den Standpunkt, solche Adrenalinjunkies seien Egoisten, die sich nicht darum kümmern, dass sie ihrem Umfeld ständig Angst und Sorge bereiten und im Fall eines Unglücks auch die Trauer über den verfrühten Verlust aufbürden.

Andererseits – und das ist die eigentlich noch interessantere Frage: Hat einer weniger Mitgefühl verdient, wenn sein Tod die Folge eines risikoreichen Unterfangens war als das Opfer eines Unglücks oder Anschlags? Mein Bauchgefühl sagt, ja klar: Selbst schuld! Und mein Kopf sagt: Nein, sicher nicht. Jeder Mensch hat bei seinem Tod Anrecht auf Mitgefühl. (Irritierend auch, dass mein Bauch weniger empathisch ist als mein Kopf – man würde es doch genau andersherum vermuten.)

Ich habe diese Frage daher auf Facebook gestellt: Einerseits, weil mich die Antworten interessierten – ja wirklich! Und andererseits, weil ich herausfinden wollte, ob auf Facebook nicht doch eine Debatte möglich ist, bei der man etwas lernt. Der Eindruck ist ja ein anderer: In den sozialen Netzwerken schreit man sich an, jeder posaunt seine Meinung heraus und keiner hört zu. Das liegt daran, dass viele Leute glauben, man müsse zu allem eine festgeklopfte Meinung haben, bevor man Facebook überhaupt einschaltet. Dabei wären doch genau die offenen Fragestellungen erkenntnisfördernd, bei denen man sich in mehrere Positionen hineinversetzen kann. Wenn kein Gekreische herrscht, sondern eine Atmosphäre, in der man auch zuhören und mitdenken kann.

Ich habe die Antworten hier gerne gelesen. Umso mehr, als ein ähnliches Experiment Ende letzten Jahres unerfreulich ausgegangen war. Und ich werde es mir zur Gewohnheit machen, auf Facebook und sonstwo mehr Fragen zu stellen. Und zwar so lange, bis ich nicht mehr den Impuls verspüre, jeweils dazuzuschreiben, dass es sich nicht um eine rhetorische Frage handelt und ich ernsthaft an den Antworten interessiert bin. Denn offensichtlich haben wir es mit der Ironisiererei so weit getrieben, dass Ernsthaftigkeit oft nicht mehr als solche erkannt wird. Gerade weil ich ein grosser Ironiefan bin, fühle ich das Bedürfnis, da entgegenzuwirken.

Was nun die Fragen zu Ueli Steck angeht, bin ich noch genauso unschlüssig wie zuvor. In meinem Kopf haben beide Sichtweisen ihre Berechtigung, auch wenn sie sich gegenseitig ausschliessen. Das ist genauso, wie wenn Schrödingers Katze auch noch eine Meinung hätte… pardon: Zwei Meinungen, die sie dann auch noch im Netz publiziert. Für eine pointierte Selbstdarstellung ist es nicht hilfreich, aber für einen spannenden Dialog trotzdem nicht verkehrt.

Autor: Matthias

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