Typografische Selbsthilfe auf Grünschnabel-Niveau

Aus unerfindlichen Gründen liegt seit einiger Zeit wöchentlich die «Handelszeitung» in meinem Briefkasten – ohne dass ich darum gebeten hätte. Ich nehme an, dass irgend ein Adresshändler meine Adresse zum Kauf angeboten hat – und zwar mit dem Vermerk, ich hätte ein gesteigertes Interesse an Wirtschaftsberichterstattung.

Leider entspricht das nicht den Tatsachen. Ich interessiere mich zwar auch für Wirtschaft – aber vor allem als Nebenaspekt. Wie wirtschaftliche Überlegungen die Verhaltensweise der Tech-Konzerne beeinflussen, finde ich spannend; abgesehen davon, dass es mich auch beruflich interessieren sollte. Die Auswirkungen des Wirtschaftsstrebens (um das Wort «Kapitalismus» an dieser Stelle grosszügig zu umschiffen) auf die Gesellschaft ist auch etwas, das mich nicht so richtig kaltlässt.

Doch ich berichte aus der Sicht der Betroffenen – die man in meinem Umfeld auch gerne die «User» nennt. Klammer auf: (Mir ist der ironische Umstand nicht entgangen, dass man «User» in einem leicht anderen Kontext auch für die Konsumenten von Drogen aller Art verwendet. Womöglich konvergieren diese Bedeutungen, je weiter die virtuelle Realität voranschreitet – wenn das Erlebnis denn rauschhafte Dimensionen annimmt.)

Klammer zu und zurück zur Wirtschaftspresse: Die Sicht der Betroffenen ist nicht die Perspektive, die sie typischerweise einnimmt. Die Wirtschaftspresse richtet sich kaum an die Subjekte des Wirtschaftsgeschehens. Sondern vielmehr an die Akteure und Möchtegern-Akteure: an Manager, Investoren, Stakeholder,  Politiker und Leute mit Einfluss. Und solche, die entsprechende Fantasien hegen. Aus diesem Grund gehöre ich bei dieser Gratis-Abo-Aktion des Axel-Springer-Verlags von Ringier Axel Springer Schweiz zum Streuverlust.

Das bedeutet aber nicht, dass ich die Zeitung nicht mit Interesse durchgeblättert hätte. Schliesslich lese ich das allermeiste, was mir in die Finger kommt. In Ausgabe 19/2019 ist mir eine Doppelseite ganz hinten (24/25) ins Auge gestochen: «Buchstäblicher Erfolg», lautet der Titel. Und es geht um eines der Themen, von denen ich selbst nur ansatzweise etwas verstehe, die mich trotzdem faszinieren. Die Typografie, nämlich.

Die richtige Schrift garantiert den Erfolg – verspricht die «Handelszeitung».

Interessanterweise wird in diesem Bericht insinuiert, dass man bloss die richtige Schrift zu verwenden brauche, um Erfolg zu haben: «Welche Schriftarten für CV und Anschreiben in Print, auf Mobile und im PDF-Format am besten funktionieren», heisst es im Lead.

Top sind Garamond, Gill Sans, Cambria, Calibri, Constantia, Lato, Didot, Helvetica, Georgia und Avenir. Entsprechend gibt es natürlich auch zehn Schriften, mit denen man unweigerlich eine Bauchlandung hinlegt: Times New Roman, Futura, Arial, Courier, Brush Script, Century Gothic, Papyrus, Impact und Trajan Pro. Und natürlich die in einer solchen Liste unvermeidliche Comic Sans.

Nun würde ich nicht widersprechen, dass die «Futura» aus heutiger Sicht schon ziemlich alt aussieht. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich eine Werbung der Helvetia-Versicherung sehe, warum die noch immer die Schrift verwenden. (Mal abgesehen davon, dass eine Versicherung dieses Namens natürlich die «Helvetica» benutzen müsste.)

Aber trotzdem. Eine solche Liste mit zehn Top- und zehn Flop-Schriften ist typografische Selbsthilfe auf Grünschnabel-Niveau. Natürlich sollte man seine Bewerbung als Art-Director bei Jung von Matt nicht unbedingt in Arial abfassen – aber das liegt irgendwie auf der Hand. Genauso, wie der Tipp, dass eine Bewerbung für den Job als Cheflektor bei Carl Hanser (o.ä.) nicht unbedingt Hunderte Kommafehler enthalten sollte. Umgekehrt ist die «Comic Sans» trotz allem nicht verkehrt, wenn man sich beim Ringling Bros. and Barnum & Bailey Clown College als Nachwuchsjongleur vorstellt.

Und ja: Man kann auch über die Auswahl der Top-Schriften diskutieren. Sind die Gill Sans, die Avenir und die Helvetica nicht auch schon reichlich angestaubt? Und ist die Garamond wirklich der Weisheit letzter Schluss?

Jene Schriftfamilie stammt aus dem 16. Jahrhundert und zeichnet sich laut dem Beitrag vor allem dadurch aus, dass man mehr Text auf eine Seite bekommt: «Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihren Lebenslauf auf ein bis zwei Seiten zu komprimieren, kann Garamond Ihnen helfen, mehr Text auf einer Seite einzufügen, ohne die Lesbarkeit zu beeinträchtigen.»

Da kann man dann tatsächlich auch darauf verzichten, sich als Gestaltungsexperte gerieren zu wollen, sich auf die inhaltliche Kompression seiner Bewerbung konzentrieren und dazu stehen, dass Typografie nicht zu den Kernkompetenzen gehört. (Passende Antwort auf die Standard-Frage «Was ist Ihre grösste Schwäche?» beim Bewerbungsgespräch: «Dass mir keine Alternative zur Arial einfällt!»)

Und wenn man ein Herz für Typografie hat – dann braucht man sich nur en bisschen im Netz umzuschauen: Bei fontreviewjournal.com, bei fontsinuse.com, losttype.com, bei typefacts.com, fontblog.de, fontsmith.com oder typewolf.com und meinetwegen auch im Blog von Monotype, Linotype oder dem von fontshop.com. Oder, oder! Es gibt wirklich mehr als zehn tolle Schriften, mit denen sich Bewerbungen und andere Schriftstücke erfolgversprechend gestalten und Persönlichkeit versehen lassen.

Update: Erics Kommentar auf Linkedin will ich euch nicht vorenthalten:

Au weia, wenn die Schriftart des CVs den Erfolg ausmachen sollte, dann hängen die Prioritäten wohl schon ziemlich schief in der Landschaft. Und dann noch so eine kontrastreiche Schrift wie die Didot unter den Top-Ten-Empfehlungen? Damit kann man ausgezeichnet die Druckqualität eines Tintenstrahldruckers auf die Probe stellen, aber zum Lesen dürfte das Resultat nicht allzu einladend ausfallen. Zudem macht dieser Klassiker aus Voltaires Zeiten keinen besonders modernen Eindruck, selbst in der Interpretation von Adrian Frutiger für Linotype. Also eher etwas für Traditionalisten.

Beitragsbild: Sind doch nur Buchstaben (Amador Loureiro/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

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