Die Zukunft des Internets. Und der Welt

Neulich habe ich mich über den Medienwandel bei der Fotografie ausgelassen: So geht die Fotografie den Bach hinunter, war meine Erkenntnis. Kurz zusammengefasst: Fotos sind heute Massenware. Das führt zu einem Preiszerfall. Und eine Folge ist auch, dass die Wertschätzung verloren gegangen ist.

Ein bisschen wie im Journalismus. Allerdings noch drastischer, weil den Fotografen nicht nur das Internet zu schaffen macht, sondern auch der technische Fortschritt bei der Hardware. Denn um als Blogger einem gestandenen Medium die Leser abzujagen, muss man einigermassen geradeaus schreiben können.

Pressefotograf, oder «Leserreporter», wie man sie auch gerne nennt, kann jeder werden, der ein Smartphone im Sack hat. Also wirklich jeder. Er muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und sein Gerät einigermassen in die richtige Richtung halten – und er sollte nicht vergessen, auf den Aufnahmeknopf zu drücken. Das Resultat sieht man dann in der «Tagesschau». Bei spektakulären Ereignissen auch gerne mal als hochkant gefilmtes Video.

So weit die kulturpessimistische Tirade. Marc hat bei Facebook einen interessanten Kommentar dazu gemacht. Nämlich folgenden:

1997 als das Internet noch neu war haben alle die Demokratisierung von XYZ bejubelt (Wissen, Publikation, Senden). Verkehrt sich das? Sind Eliten doch was wert?

Eine interessante Frage. Und vor allem eine sehr berechtigte Feststellung. Ich habe ein bisschen nachgeforscht und bin auf einen Artikel von «Facts» vom 29. September 2005 gestossen: «So viel Durchblick war nie», war der Titel. Und der Text euphorisch:

Zehn Jahre nach Ausrufung der Internet-Revolution werden ihre vollmundigen Verheissungen Wirklichkeit: Das World Wide Web hat die Informationsströme demokratisiert. Immer weniger Nachrichten stammen von einer zentralen Sendestation, einer Firma oder Behörde, immer mehr vom Nachbarn – einem ganz normalen Bürger irgendwo auf dem Globus.

Die nächste Stufe ist gezündet, und bald wird jeder auch unterwegs Zugriff auf das Netz haben, der boomenden Mobilkommunikation sei Dank. Dieses Internet wird viel schlauer sein als das heutige und uns die aufwändige Suche nach Daten abnehmen.

Oder der Spiegel am 17. Juli 2006 in Du bist das Netz!:

Ein Heer von Freizeitforschern und Hobbyjournalisten, von Amateurfotografen, Nachwuchsfilmern und Feierabendmoderatoren hat das World Wide Web als Podium erobert. Das Internet ist zu einem bunten, chaotischen Mitmach-Marktplatz geworden, auf dem jeder nach Laune im Publikum sitzen oder die Bühne bespielen kann. Ein wahres Welt-Theater, dessen Konsequenzen noch gar nicht abschätzbar sind. (…)

Ein Urtraum der Aufklärung scheint wahr zu werden. Dass ein Publikum sich selbst aufkläre, schrieb einst Immanuel Kant, sei unausbleiblich, wenn man ihm nur die Freiheit liesse, von seiner Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen. Die neue bunte Bildungsbürgerbewegung, die mit Bühnen wie Wikipedia entstanden ist, fühlt sich dieser Tradition durchaus verpflichtet. Freiheit, Nützlichkeit, Vereinsarbeit: E-mancipation als Aufklärung Version 2.0.

Damals hat man wirklich alles durch die rosarote Brille gesehen.

Der «gläserne Mensch», in der Vergangenheit für viele eine Schreckensvision, wird zunehmend zur Realität – für manche gar zum erstrebenswerten Ideal. (…)

Einer der wesentlichen Charakterzüge des Web 2.0 aber ist die kollektive Intelligenz: Die Weisheit der Massen erweist sich oft als schneller und aktueller, tiefgründiger sowie – durch zahlreiche Links – breiter als herkömmliche Artikel, Fachbücher oder Forschungsprojekte.

Tja, und dann kamen die Manipulatoren, die Fakenews-Fabrikanten, die Mark Zuckerbergs und Jack Dorseys, die netzaktiven Rechtspopulisten, die verschwörungstheoretischen Youtuber und jeden Quatsch auf Facebook postenden Like-Stricher und -Huren.

Wir erlebten die kapitalistischen Ausbeuter, die Datensammler und -verkäufer und die Skrupellosinskis von Cambridge Analytica. Wir sahen die Herren der Social-Bots mit ihren Desinformationskampagnen, die Astroturfer, die Meinungs-framer und die Overton Window-Verschieber, die Guerillakrieger der sozialen Medien.

Wir werden Augenzeugen der Diktatoren und Autokraten, die das Netz dort zensieren, wo es stört und an der Stelle fördern, wo es der eigenen Machtposition dient. Und als ob das nicht alles desillusionierend genug wäre, kommt obendrauf noch eine Spezies, mit der wirklich keiner gerechnet hat. Die Influencer, nämlich.

War das vor zehn Jahren einfach die naive Begeisterung von euphorisierten Internetfanboys? Oder waren wir dumm und sind sehenden Auges in unser Verderben gerannt? Hätten wir es besser wissen können?

Eines scheint mir klar: Wir hätten von Microsoft lernen können, lernen müssen: Der damals wichtigste Softwarekonzern hat mit seiner naiven Internetstrategie ein gigantisches Sicherheitsdebakel ausgelöst. Wir erinnern uns an den Internet Explorer: Mit dem wurde das Internet ins Betriebssystem integriert, aber ohne dass Microsoft allzu viele Gedanken ans Missbrauchspotenzial verschwendet hätte.

Mühsam haben wir versucht, mit Virenscannern, Internet-Security-Suites, Firewalls und apodiktischen Warnungen wie «Nur ja nie auf einen Mailanhang klicken!», das Schlimmste zu verhindern. Doch es war klar: Nicht alle im Internet sind gewillt, das Internet konstruktiv und zum Wohl aller zu nutzen. Es gibt ein paar, die nutzen jede Gelegenheit für ihre eigenen Zwecke. Und dann gibt es auch die destruktiven Naturen, denen es Spass macht, die schönen Dinge kaputtzumachen. Wie die Halbstarken, die ihre Bierglasscherben in den Sand des Sandkastens beim Spielplatz treten.

Und warum hat sich keiner an die Dotcom-Blase erinnert? Die hätte uns lehren sollen, dass wir uns nicht allein von unserer Vorfreude auf die schöne neue Welt leiten lassen sollten, weil hochfliegende Erwartungen sehr wohl platzen können.

Doch womöglich war genau diese Blase schuld für die Unvorsicht. Denn weil bei der Dotcom-Blase das Resultat hinter den Erwartungen zurückblieb, dachten wohl manche, die Macht des Internets, seine verändernde Gewalt sei vielleicht doch nicht grenzenlos. Ich glaube mich zu erinnern, dass es mir so ging: «So schnell geht es doch nicht, bis der ganze Handel ins Web abwandert», war das, was bei mir hängen geblieben ist.

Und diese Erkenntnis hat meine Wahrnehmung des Internets geprägt. Der Schluss lag nahe zu vermuten, dass auch der Medienwandel, den man damals Web 2.0 genannt hat, nicht so rasant vonstatten gehen würde: Bleiben wir skeptisch und pflegen wir eine gewisse Zurückhaltung – dann wird sich das durchsetzen, was sinnvoll ist und was allen nützt.

Und das war womöglich der entscheidende Trugschluss. Ich habe durchaus damit gerechnet, dass das Internet sehr vieles umkrempeln würde. Aber ich habe gedacht, dass es in einem verkraftbaren Tempo passiert. Da waren wir: Die Gesellschaft und die Freunde des Internets. Wir würden genügend Zeit haben, die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken, Auswüchse zu korrigieren und den Optimismus aufrecht zu erhalten.

And look what happened.

Darum lässt sich Marcs Frage heute nicht mehr einfach vom Tisch wischen, wie noch vor zehn Jahren. Braucht es Eliten im Netz?

Die Eliten wären Leute, die etwas besser verstehen als andere und darum mehr Gehör finden. Fotografen statt Alltagsknipser. Kritiker statt Amazon-Rezensenten. Journalist statt Leserreporter. Wissenschaftler statt Youtube-University-Professor. Koch statt Chefkoch.de-Rezeptlieferant. Und so weiter – ihr versteht das Prinzip.

Vielleicht ist Elite nicht unbedingt das beste Wort. Vielleicht könnte man stattdessen von einer Meritokratie sprechen: Jemand, der sich in einem Bereich Verdienste erworben hat, würde aus dem Meer der Meinungen herausragen – allein deswegen, weil es inzwischen wahnsinnig anstrengend geworden ist, im Netz Sinn von Unsinn zu unterscheiden. Und Lohnenswertes von Zeitverschwendung. Selbst wenn man weiss, wie es geht, hat man einfach nicht die Zeit und Musse, jedem popeligen Facebook-Posting hinterherzurecherchieren.

Theoretisch würden dieser Idee wahrscheinlich viele zustimmen. Aber praktisch stellt sich die Frage, wie das gehen soll. Wie sollte die Triage erfolgen, welcher Mechanismus würde Sinn von Unsinn trennen? Es ist ja nicht so, als dass wir nicht schon einige Methoden durchexerziert hätten: Moderation, Gewichtungs- und Beurteilungs-Algorithmen, Upvoting und Downvoting, Schwarmintelligenz, Meldesysteme, kollaboratives Filtern und weiss der Geier was sonst noch. Funktioniert hat nicht wirklich viel davon. Nichts, eigentlich, sonst wären wir heute nicht hier.

Schön wäre jetzt, wenn ich diesen Blogpost mit einem Geistesblitz beenden könnte: Mit einer Idee, auf die noch keiner gekommen ist und die alles besser macht. Kann ich nicht. Die grossartige Idee ist mir noch nicht gekommen.

Ich kann aber immerhin sagen, welchen Instrumenten ich die grösste Chance geben würde. Die Redezentralisierung des Web, wie Tim Berners-Lee sie vorschlägt. Seine Magna Charta fürs Web.

Funktioniert die Selbstorganisation mit kleinen Strukturen? Wahrscheinlich. Aber weil erfolgreiche Ideen zur Expansion neigen, kommen wir um die Kontrolle der Grossen nicht herum. Inklusive Eingriffe in den Markt – solche, die den Neoliberalen ein Graus sein würden: Mit Aufsicht von Leuten, die wissen, was sie tun und im Interesse Internetnutzer handeln – und die natürlich ihrerseits kontrolliert werden. Sollte das zur Zerschlagung grosser Internetkonzerne führen, wenn sie zu mächtig geworden sind, dann sei es so.

Es bräuchte eine Führung, und zwar nicht durch Staaten, sondern durch die Weltgemeinschaft. Nun ist es nicht so, dass es ansatzweise so eine Struktur geben würde, abgesehen eben vom Wirtschaftssektor mit seinen globalen Konzernen. Es bräuchte aber genau das, eine Art United Digital Nations. Weil das Internet alle angeht und allen gleiche Rechte und Pflichten einräumen müsste.

Das Schlagwort dazu ist glaube ich Global Governance. Und auch wenn mir einleuchtet, dass das in Zeiten von Brexit, von EU-Krisen und neuem Nationalismus, von Abkapselung und Fremdenfeindlichkeit nicht gerade ein mehrheitsfähiges Konzept ist, werden wir nicht darum herumkommen – noch nicht einmal wegen der Rettung des Internets, sondern an erster Stelle wegen der Klimarettung. Darum mein Vorschlag: Bringen wir die Diskussion dazu möglichst schnell hinter uns, damit wir uns der Zukunft zuwenden können.

Beitragsbild: Wir alle beim Surfen (Ludovic Toinel/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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