Die spinnen, die Bitcoin-Fanatiker!

In «Montecrypto» exerziert Tom Hillenbrand vor, wie man einen Tech-Thriller schreibt, in dem der Nerd auf seine Rechnung und die Spannung nicht zu kurz kommt.

Nachdem ich neulich Tom Hillenbrand gelobt habe, komme ich nicht umhin, das noch einmal zu tun. Nämlich wegen seines Thrillers Montecrypto: Er stammt aus dem letzten Jahr und unternimmt das waghalsige Unterfangen, eine spannende Geschichte um die Cyberwährungen wie Bitcoin oder den Turtlecoin zu erzählen. Und das Verblüffende an der Sache ist: Dieses Höllenfahrtkommando gelingt ausgezeichnet.

Nicht, dass ich es Hillenbrand nicht zugetraut hätte. Hillenbrand hat schon mehrfach bewiesen, dass komplexe technische Sachverhalte kein Spannungskiller sein müssen, sondern im Gegenteil hervorragend als Grundlage für rasante Plots dienen können. Man muss allerdings ein Meister sein, die Balance zwischen Unterhaltung und den Nerd-Momenten richtig hinzubekommen.

Aber das kann Hillenbrand brillant: Er versteht entweder viel von der Sache oder er recherchiert ausgezeichnet. Er hat ein Gefühl für den Jargon und das Milieu, in dem er seine Geschichten ansiedelt. Und er neigt nicht zu völligen Übertreibungen. (Auch wenn gegen Ende eine globale Finanz-Apokalypse droht, ist die für die Spannung im Buch nicht massgeblich.)

Es ist nicht nötig, dass die Welt in jedem Buch untergeht

Das ist eine Neigung vieler Spannungsautoren, die offenbar der Ansicht sind, dass man das Publikum nur mit der maximalen Apokalypse bei der Stange hält. In diese Falle tappt meines Erachtens Marc Elsberg  – und schon bei den Bond-Verfilmungen hat mich das enorm gestört: «Mein Name ist Bond, und mit den Filmen habe ich nichts zu tun.»

Der grösste Schwachpunkt des Buchs ist das langweilige und einfallslose Buchcover.

Also, in «Montecrypto» geht es um Gregory Hollister, der eine überaus erfolgreiche digitale Zahlungslösung lanciert hat, die von aller Welt verwendet wird. Sie hat auch eine Cyberwährung eingebaut, den Moneta. Sie ist an den Dollar gekoppelt und gilt den Vertretern der reinen Cryptowährungen als Sakrileg. Und das, wo Hollister selbst ein Verfechter des digitalen Geldes ohne jegliche staatliche Regulierung ist. Er denkt nämlich stramm libertär und verehrt die Ayn Rand und Atlas Shrugged.

Wo ist das Wallet? Wo sind die Cybercoin-Milliarden?

Dann verschwindet Hollister mit seinem Privatflugzeug im Meer und Ed Dante kommt ins Spiel. Er ist ein Ex-Banker, der an der Pleite der unschwer als Lehman Brothers erkennbaren Bank «Gerard Brothers» mitbeteiligt war und seit jener Schmach als Privatdetektiv arbeitet, der sich auf finanzielle Fälle spezialisiert hat. Er soll für Hollisters Schwester Jacqueline Martel das digitale Vermögen aufspüren, das irgendwo in einem Wallet schlummert und das natürlich bei keiner Steuerbehörde gemeldet ist. Denn wie das bei den digitalen Währungen halt so ist: Wenn das Wallet nicht aufzufinden ist, dann ist das Vermögen perdu.

Ed Dante, der den Privatdetektiven Sam Spade verehrt und damit eine Gemeinsamkeit mit Hillenbrands beiden anderen Detektiven van der Westerhuizen (Drohnenland) und Galahad Singh (Hologrammatica) aufweist, macht sich also auf die Suche nach dem verschwundenen Vermögen. Er trifft dabei auf die technisch versierte Hackerin/Bloggerin Mercy Mondego, die ihm nach einigen anfänglichen Querelen technische Schützenhilfe bietet. Bald sind sie nicht mehr die einzigen auf dieser Hatz – denn die Crypto-Gemeinschaft hat davon Wind bekommen und es entspinnt sich eine Jagd, die ein wenig an das reale MMOG aus Ready Player One.

Wird der Crypto-Schatz gehoben?

Ohne hier unnötig zu spoilern – weil ich wirklich finde, dass ihr das Buch lesen solltet – eine kurze Zusammenfassung. Die Suche nach dem geheimnisvollen Kryptovermögen trägt Ed Dante den etwas fragwürdigen Titel des First Quatermain, des ersten Schatzsuchers ein.

Und ich verrate an dieser Stelle nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Geschichte gegen Ende noch die eine oder andere Wendung nimmt – das lässt sich schliesslich schon aus dem Titel ableiten, der eine offensichtliche Anspielung auf Alexandre Dumas’ Roman Der Graf von Monte Christo enthält. Nebenbei bemerkt: Auch die Hauptfiguren sind verraten das Vorbild: Ed Dante heisst in der Vorlage Edmond Dantès, die schöne Bloggerin Mercy Mondego ist eine Wiedergängerin der schönen Katalanin Mercédès.

Zug, im Schweizer «Crypto Valley»

Es geht in Dumas’ Buch um die Rache, ein Motiv, das auch bei Hillenbrand auftaucht – ohne dass allerdings die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert eins zu eins in die Gegenwart übertragen worden wäre. Das geht allein deswegen nicht, weil es damals noch kein Internet und keine Cryptowährungen gab und demzufolge eine elaborierte Masche, wie sie sich Gregory Hollister ausgedacht hat, damals nicht möglich gewesen wäre. Ausserdem wollte Hillenbrand gebildeten Menschen, die (anders als ich) die Vorlage gut kennen, offensichtlich nicht den Spass verderben.

Fazit: Ein rasanter, gelungener Tech-Thriller, in dem auch das Schweizer Steuerparadies und selbsternannte «Crypto Valley» Zug eine gewisse Rolle spielt, und der mich wider Erwarten nicht dazu gebracht hat, meine gesamte Altersvorsorge in Krypto-Geld anzulegen.

Beitragsbild: Manche sehen vor lauter Coin das Bit nicht mehr (Thought Catalog, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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