Der halbherzige Versuch von Windows 11, uns beim Arbeiten zu helfen

Die Uhr-App in Micro­softs Be­triebs­sys­tem kann mehr, als nur die Zeit anzu­zeigen und als Wecker zu dienen. Neuer­dings will sie auch zu mehr Kon­zen­tra­tion verhelfen. Das funk­tioniert so halb.

Es gibt in Windows 10 eine App namens Alarm & Uhr, die mutmasslich kein Nutzer jemals geöffnet hat. Denn wieso auch? Die Zeit zeigt einem Windows rechts unten im Infobereich der Taskleiste an. Und wenn man einen Wecker setzen will, dann verwendet man dazu das Smartphone und nicht den Windows-PC. Denn im Gegensatz zum Handy fährt man den Rechner nach der Arbeit herunter, was zur Folge hat, dass keine Benachrichtigung erfolgt.

Die App ist trotzdem einen Blick wert. Sie hat inzwischen nämlich mehr auf Lager als die aktuelle Uhrzeit und eine Weckfunktion. Bei Windows 10 gibt es drei weitere Funktionen, nämlich die folgenden:

  • Zeitgeber, auch bekannt als Countdown: Man legt Dauer fest, die nach dem Start zurück gezählt wird.
  • Weltuhr: Man sieht die Lokalzeit von beliebigen Orten auf der Welt, sodass man seine Anrufe in diese Regionen nicht zur Unzeit tätigt.
Die Alarm-&-Uhr-App von Windows 10 zeigt auch Countdowns an.

Bei Windows 11 ist eine weitere Option hinzugekommen, die Fokussitzungen heisst. Die will einem dabei helfen, produktiver zu arbeiten und sich weniger ablenken zu lassen. Man wählt die Zeitdauer, während der man ungestört sein möchte und klickt auf Fokussitzung starten.

Die Uhr-App in Windows 11 mit der neuen Funktion Fokussitzungen.

Wenn man eine Zeitdauer von 45 Minuten oder länger wählt, dann räumt einem die App eine oder mehrere Pausen ein.

Musik hören und regelmässige Konzentration üben

Die App erlaubt es einem, während der Arbeit Musik zu hören, wofür man sie mit Spotify verknüpfen kann. Sie verbindet sich mit der Microsoft To-do-App (siehe Apps gegen das Organisations-Chaos), damit die einen an die Fokussitzung erinnert. Und sie zeichnet die Sitzungen auf, sodass man sieht, ob man den Vorsatz zum konzentrierten Arbeiten regelmässig erfüllt. Da steckt natürlich der «Streak»-Gedanke dahinter, den ich im Beitrag Fitness-Gadgets, die Leistungsdruck erzeugen ausführlich kritisiert habe.

Die grosse Frage ist jetzt natürlich, was passiert, wenn man die Fokussitzung startet. Es erscheint ein Countdown und mehr passiert nicht. Insbesondere wird man nicht daran gehindert, Youtube aufzusuchen, Microsoft Solitaire Collection (Yesss!) zu starten oder sich sonstigen Dingen zu beschäftigen, die allem dienen, bloss der Konzentration nicht.

Weniger Mitteilungen – mehr nicht

Das einzige, was der Start einer Sitzung bewirkt, ist die Beschränkung der Benachrichtigungen. Während sie läuft, werden nur Mitteilungen angezeigt, die man via Benachrichtigungsassistent zugelassen hat und die dringlich sind. Alle anderen Mitteilungen werden stumm geschaltet und nach Ablauf der Sitzung angezeigt.

Noch 26 Minuten arbeiten (Youtube-Videos sehen kann man aber trotzdem).

Dieser Benachrichtigungsassistent, der die Mitteilungen einschränkt, findet sich in den Einstellungen bei System. Ich beschreibe ihn ausführlich im Beitrag So stellen Sie Mitteilungen auf Ihrem Gerät optimal ein (Paywall) und er gibt auch Hinweise auf die vergleichbaren Funktionen bei Android, iOS und dem Mac.

Ist das der Weisheit letzter Schluss? Ich finde nicht. Natürlich sind die Benachrichtigungen oft die Ursache für Ablenkungen.

Aber der Kern des Problems ist die mangelnde Impulskontrolle beim Nutzer: Nur mal schnell sehen, ob sich bei Twitter etwas getan hat… Ein kurzer Blick auf Facebook wird wohl nicht schaden… und schon ist man hängen geblieben und hat eine Viertelstunde vergeudet.

Ein beliebtes, aber nutzloses Mittel gegen Schreibblockaden

Das passiert mir recht häufig – und anderen Leuten, die oft kreativ arbeiten, dürfte es nicht anders ergehen. Im Moment einer Schreibblockade oder wenn man an einer Formulierung herumdoktert und nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt, ist die Versuchung gross, sich abzulenken. Das ist manchmal sogar hilfreich: Es kann nützlich sein, sich kurz zu entkrampfen, weil es oft diese Momente sind, die einem Gedanken zum Durchbruch verhelfen.

Doch dann ist es besser, wenn man aus dem Fenster schaut, einmal durch die Wohnung geht oder meinetwegen sogar für fünf Minuten um den Block. Eine Eskapade auf Twitter oder (noch schlimmer) Facebook hingegen hat regelmässig zur Folge, dass einem der Gedankengang komplett abhandenkommt und man von vorn anfangen muss. Zumindest mir geht es so.

Darum würde ich es begrüssen, wenn in einer Fokussitzung diese Quellen der Ablenkung nicht komplett gesperrt, aber doch mit einer zusätzlichen Hürde versehen würden. Die App könnte zum Beispiel einen Hinweis anzeigen wie: «Du steckst in einer Fokussitzung. Bist du sicher, dass dich Twitter nicht ablenkt?»

Das Denken strengt an, so ist es nun mal

Das klingt bevormundend, aber es wäre hilfreich, weil diese Fluchtbewegungen in die sozialen Medien oft halb bewusst stattfinden – als eine Art Reflex, wenn das Denken anstrengt. Darum könnte schon eine kurze Unterbrechung dieser Handlung helfen. Die Forest-App beim iPhone erfüllt diesen Zweck bei mir bestens (Bäume pflanzen statt Facebook klicken).

Und für die Tage, an denen man eine gröbere Undiszipliniertheit verspürt, wäre es nicht verkehrt, wenn einem die App eine harte Blockade anbieten würde: keinerlei verbotene Apps während der Fokussitzung – und zwar ohne Ausnahme. Das klingt hart, aber es würde helfen, die sozialen Medien in die Schranken zu weisen.

Beitragsbild: Auch dieser Herr arbeitet nicht so streng, wie er sollte (NordWood Themes, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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