Wundertechnik aus der analogen Mottenkiste

Die Facebook-Seite «Cassette Futurism» führt vor Augen, wie schräg, genial, überraschend und herzerwärmend die Heimelektronik-Erfindungen der letzten Jahrzehnte vor dem Internet und Smartphone waren.

Meine Vorliebe für Retrofuturismus habe ich im Beitrag So schön wird die Retrozukunft gewesen sein kundgetan, in dem ich eine Würdigung auf die nach wie vor tolle Facebook-Seite The Vault of the Atomic Space Age.

Spotify von anno domini.

Eine Seite, die die gleiche Sai­te zum Schwin­gen bringt, ist Cas­sette Futur­ism. Sie zele­briert ana­loge High-Tech-Höhen­flüge, die sich häufig um jenen Kult­gegen­stand drehen, der anfangs der 1960er-Jahre von Lou Ottens erfunden worden war. Ottens, der kürzlich verstorben ist, war  Produktentwickler für den niederländischen Elektronikkonzern Philips. Sie hat dem Walkman den Weg geebnet und das Lebensgefühl mehrerer Jugendgenerationen bestimmt:  Denn endlich war Musik mobil, kopier- und tauschbar. Welche Bedeutung das hatte, lässt sich aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellen. Sogar, wenn man sich Spotify wegdenkt…

Alles, was den technikverliebten Nostalgiker erfreut

Doch es geht nicht nur um die Kassette, sondern auch um VHS, Spielkonsolen, die Musik- und Kunstbewegung Vaporwave, Grafik in acht und 16 Bit, Design und Architektur – also alles, was man als technikverliebter Nostalgiker gerne betrachtet.

Und das ist eine echte Fundgrube für Erfindungen, die aus heutiger Sicht oft nicht mehr sehr viel Sinn ergeben, die aber hervorragend geeignet sind, uns das Lebensgefühl einer Zeit in Erinnerung zu rufen,  in der wir noch nicht alle per Smartphone und Internet vernetzt waren.

Ich will jetzt nicht wie ein alter Sack klingen, aber es ist eine schlichte Tatsache, dass wir uns auf der Suche nach musikalischen Entdeckungen durch die Bestände der Plattenläden kämpfen mussten. Um uns an unserer Lieblingsserie zu erfreuen, gab es keine andere Wahl, als zur richtigen Zeit den Fernseher einschalten. (Ich für  meinen Teil musste hoffen, dass einer meiner Freunde zu Hause war und nicht gerade Fernsehverbot hatte, denn bei mir zu Hause gab es kein televisionäres Empfangsgerät.) Und wenn wir eine Folge verpasst hatten, dann hatten wir sie verpasst.

Dorfbibliothek! Briefe!! Lineares Fernsehen!!!

Das war auch die Zeit, in denen wir mit dem Bücherangebot der Dorfbibliothek vorlieb genommen haben und keine Whatsapps, sondern Briefe geschrieben haben – ein Kommunikationsmedium, bei dem man Tage, Wochen oder gar Monate auf eine Antwort warten musste.

Die Sprachnachricht von 1967.

Ihr seht schon – diese Facebook-Site hat bei mir ihre Wirkung bereits voll entfaltet. Ein Kommunikationsmittel, das ich hier entdeckt habe, ist das Mail Call System, das 1967 auf den Markt kam. Das war eine analoge Sprachnachricht, die auf flachen Kassetten aufgezeichnet wurde, die man gut in einen Briefumschlag bekommen hat und dem Empfänger zusenden konnte.

Zum Aufzeichnen und Abhören gab es ein telefonhörerförmiges Gerät in Orange – ohne Zweifel einer der absoluten Trendfarben damals. Für einen Preis von unter 70 US-Dollar für zwei Geräte konnte man sich also die lästige Schreiberei ersparen – und musste trotzdem nicht am Telefon miteinander sprechen. Ich verstehe nicht, warum sich das nicht durchgesetzt hat.

Liebesgrüsse von Casio

Zu sehen gibt es auch schöne Digitaluhren, schicke Mobiltelefone wie das DynaTAC 8000X von Motorola, das als erstes seiner Art überhaupt gilt und fast 800 Gramm wog und 1984 gegen 4000 US-Dollar kostete, was heute um die zehntausend Dollar ausmachen würde.

Wow. Einfach nur wow!

Fazit: Das ist eine Seite, mit der sich die älteren Semester das Herz wärmen und das bei den jüngeren Generationen für Lachen, Kopfschütteln, Unverständnis oder blankes Entsetzen sorgen dürfte. Aber manche Dinge, wie der C64 am Panasonic TR 1200s sind zur gleichen Zeit so genial und irrsinnig, dass ich nicht anders kann, als mir einen komplett analogen Tag pro Woche zu wünschen, in dem die Digitaltechnik suspendiert und annuliert ist.

Wie immer gilt: Schade, dass diese Schätze auf Facebook landen und nicht in einem schönen Blog, wo man die Beiträge auch drei Tage später noch finden würde und wo man sie mit schönen Quellenangaben und zusätzlichen Informationen verlinken könnte…

Beitragsbild: Hach… (Ignat Kushanrev, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

5 Gedanken zu „Wundertechnik aus der analogen Mottenkiste“

    1. Der genaue Erfindungszeitpunkt ist natürlich schwer zu bestimmen. Denn wann gilt ein Produkt als erfunden? Zum Zeitpunkt, wo einer die Idee hatte? Beim ersten funktionierenden Prototyp? Jedenfalls wissen wir, dass die Kompaktkasette 1963 an der Berliner Funkausstellung IFA zum ersten Mal öffentlich zu sehen war. Philips hat sie zsammen mit einem Abspielgerät, dem EL 3300, vorgestellt.

  1. Einverstanden, aber im Blog oben gibt es ganz oben widersprüchliche Aussagen zum Erfindungszeitpunkt der Kompaktkassette: Also Anfang der 1960er Jahre oder Ende der 1970er Jahre. Beides ist sicher nicht richtig 😉😂

  2. Lustiger und interessanter Blogbeitrag.
    Ich konnte als Kind das Nachfolgemodell des ersten Compact Cassetten Gerät (Philipps EL 3300) ausleihen und mag mich darum an dieses Gerät erinnern. Später reparierte ich tausende von diesen Geräten (aller Marken und Modelle). 😉

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