Projekt Männer-Apps: Zweiter und mutmasslich letzter Teil

Ein neuerlicher Anlauf, um tolle Apps für das selbsternannte starke Geschlecht zu finden: Ich stosse auf viele Klischees, noch mehr Testosteron und eine echte Marktlücke.

In diesem Beitrag bin ich der Frage nachgegangen, ob es schöne Männer-Apps gibt. Im Rahmen der Berichterstattung zu diesem Unterfangen habe ich einen bedauerlichen Fehler begangen, den ich an dieser Stelle ausbaden muss.

Ich habe nämlich im Titel «Projekt Männer-Apps, erster Teil» geschrieben. Das impliziert eine Serie zu vielen weiteren solchen Männer-Apps. Und ja, genau das war die Idee und Absicht gewesen. Ich hatte auf Tipps aus der Leserschaft gehofft, mit denen ich gerne weitere Folgen bestritten hätte.

Doch leider sind diese Tipps ausgeblieben. Wie ich vermute, liegt der Grund nicht darin, dass sich diese hochgeschätzte Leserschaft sich um meine Bitte um weitere Vorschläge foutiert hätte.

Sind wir Männer so genügsam?

Nein, meine Mutmassungen gehen eher dahin, dass das Thema mit den Krawatten- und Bart-Apps bereits ausgeschöpft ist. Es drängt sich die Erkenntnis auf, dass wir Männer genügsam sind und wir einfach nicht sonderlich viele spezifische Bedürfnisse haben, die man mit speziellen Apps befriedigen könnte. Uns fehlt beispielsweise eine biologische Besonderheit wie die Menstruation, die man mittels Smartphone tracken könnte.

Zweite Möglichkeit: Die App-Entwickler sind allesamt Ignoranten, die eine riesige Marktlücke übersehen haben.

Wie dem auch sei: Ich habe die Absicht, meiner Informationspflicht nachzukommen und die in Aussicht gestellte Serie bereitzustellen. Beziehungsweise zumindest noch einen zweiten Teil zu schreiben. Denn zwei Teile ergeben eine Serie – da sind wir uns doch einig, oder?

Bleibt die Frage, womit ich diesen zweiten Teil bestreiten könnte. Passen die Apps Grindr (iPhone/Android) und Getmale (iPhone/Android) ins Konzept – oder nicht, weil sich diese sozialen Netzwerke bzw. Dating-Plattformen für schwule Männer nur an eine Teilmenge der Mannheit richten? Jedenfalls fühle ich mich nicht zu einem Test berufen.

Der Männer-Foto-Editor

Man Photo Editor: Noch ein markanteres Kinn geht überhaupt nicht.

Die nächste, vielversprechende App heisst Man Photo Editor. Es gibt sie fürs iPhone. Ein gleichnamiges Produkt existiert auch für Android. Das stammt zwar von einem anderen Hersteller, aber es beschleicht mich das Gefühl, dass das in dem Fall Hans was Heiri (🇩🇪🇦🇹: Jacke wie Hose) ist.

Diese Bildbearbeitung ist nicht etwa so konstruiert, dass sie sich nur von Männern bedienen lässt.

Nein, sie hat den Zweck, Fotos zu «vermännlichen». Dazu erkennt sie automatisch die Gesichtszüge und stellt Regler bereit, mit dem man das Kinn breiter und markanter, die Nase opulenter, die Lippen fülliger und die Augen ausdrucksstärker macht. Wenn man Lust hat, sich ohne Hemd zu fotografieren, dann darf man sie auch dazu benutzen, seine Muskeln ganz ohne Fitnessbemühungen aufzupumpen oder den Körper als Ganzes in die Länge zu ziehen.

Technisch funktioniert das gut – aber es bleibt trotzdem eine bemitleidenswerte Angelegenheit. Denn auch wenn man seine Selfies mithilfe des Man Photo Editors aufmotzt, bleibt man in Wirklichkeit so maskulin oder nichtmaskulin, wie man immer schon war. Man vergrössert bloss die Diskrepanz zwischen seinem realen und dem zusammenfantasierten Ich. Und wenn man derart aufgemotzte Fotos fürs Dating benutzt, erhöht das ohne Zweifel die Hürden für die erste reale Begegnung. (Bzw. für eine zweite reale Begegnung nach der ersten.)

Die App benötigt ein Abo für 10.50 Franken pro Jahr, was die Sache nur noch trauriger macht.

Die Testosteron-geschwängerte Fitness-App

So ungefähr sehe ich jetzt schon aus.

Also, nächster Versuch mit Men’s Health Fitness & Ernährung. Diese App gibt es für Android und das iPhone und iPad, und schon beim Öffnen schlägt einem eine unbotmässige Menge an Testosteron ins Gesicht: Muskulöse Körper, wo hin man blickt und klickt.

Wenn man sich davon weder ablenken noch abschrecken lässt, kommt man zum Schluss, dass der Grundgedanke gar nicht so verkehrt ist: Es gibt Übungen (neudeutsch Workouts genannt), mit denen schwarzeneggermässige Muskelberge aufbauen, aber auch einfach seinem Körper etwas Gutes tun kann:

Man kann sich einen Trainingsplan zusammenstellen, und es gibt Ernährungstipps. Gut gefällt mir die Suchfunktion, mit der man das Angebot von 530 Workouts nach diversen Kriterien einschränkt:

  • Das ergibt Sinn: Übungen speziell für Männerkörper.

    Level (Einsteiger, Fortgeschrittener, Profi)

  • Trainingszeit (bis 15 Minuten, bis 30 Minuten, 30 bis 45 Minuten, mehr als 45 Minuten)
  • Trainingsziel (u.a. Abnehmen, Sixpack, V-Form, breite Brust, Ganzkörper-Tuning, starke Arme, kräftige Beine, stabiler Rumpf, muskulöser Oberkörper)
  • Verfügbare Hilfsmittel (ua. ohne, Studio-Geräte, Balance-Board, Dehnband, Kurzhanteln…)
  • Trainingsort (Zuhause oder im Fitnessstudio)

Die App benötigt eine Registrierung und für den vollen Funktionsumfang ein Abo für zehn Franken.

Fazit zur Men’s Health-App: Ohne Zweifel eine sinnvolle Männer-App, zumal unser Geschlecht tatsächlich andere Trainingsbedürfnisse hat als Frauen und darum andere Prioritäten setzt als zum Beispiel die 7 Minute Workout-App, die ich im Beitrag Der Quälgeist aus der Sport-App vorgestellt habe. Und ja, das Klischee des stählernen Männerkörpers wird für meinen Geschmack etwas gar hart zelebriert. Aber es mag sein, dass die Kundschaft genau das erwartet.

Wie wärs mit einer Prostata-App?

Apropos Gesundheit: Ich habe weiter oben behauptet, da wir Männer nicht menstruieren würden, bestünde kein Bedarf für eine App zu den biologischen Aspekten des Mannseins.

Diese saloppe These lässt ausser Acht, dass es so etwas wie eine Prostata gibt und wir Männer auch sonst unsere besonderen Herausforderungen haben – unter anderem unsere Abneigung gegen Vorsorgeuntersuchungen. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit hat deswegen 2014 die App Gesundheit, Männer lanciert. Doch diese App ist seitdem wieder aus den Stores verschwunden – was tatsächlich die Frage aufwirft, ob die Männer nicht etwas mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Beitragsbild: Ich, wenn ich immer brav meine Übungen gemacht hätte (Pikx By Panther, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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