Projekt Männer-Apps, erster Teil: Der Bart

Nehmen wir an, Mann würde sich entscheiden, sich einen Bart stehenzulassen? Braucht es dafür die Beratung eines gestandenen Barbiers, oder kommt man auch mit Apps wie Beard Booth Studio oder Grooming über die Runden?

Ich habe ein kleines Projekt am Laufen. Und zwar bin ich daran, schöne Männer-Apps zusammenzutragen.

… und ja, ich weiss, welche Risiken ein solches Unterfangen birgt. Man könnte vermuten, dass ich ein antifeministisches Zeichen setzen will oder mich sogar zu zum Maskulinismus bekenne.

Doch dergleichen liegt mir fern. Sollte Klärungsbedarf bestehen, würde ich keinen Hehl daraus machen, dass ich diese beiden Ideologien deplatziert und verachtenswürdig finde und einfach nur auf die Idee gekommen bin, weil ich nun einmal ein Mann bin und mir die Frage gestellt habe, ob diesem Umstand von den App-Entwicklern speziell Rechnung getragen wird.

Wir Männer werden ein bisschen vernachlässigt

Mir scheint das nämlich nicht der Fall zu sein: Ich habe nicht sehr viele Apps entdeckt, die man in diese Kategorie einsortieren könnte. Falls ihr welche kennt, bin ich noch so froh um einen Hinweis via Kommentare. Und ja: Falls ihr eine Frau seid und spezielle Frauen-Apps kennt, dann sind mir die auch willkommen. Ich würde auch dazu einen Beitrag schreiben – auch wenn der naturgemäss rein deskriptiv ausfallen müsste.

Also, Männer-Apps. Eine solche App habe ich vor längerer Zeit im Beitrag Wie der Nerd von Welt eine Falle macht vorgestellt. Die App vTie erklärt, wie man Krawatten bindet – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das zweite Territorium, das eine solche Männer-App bewirtschaften könnte, wäre dasjenige der Bartpflege. Denn leider – und das bedauere ich in der Tat –, ist es nicht mehr üblich, einen Barbier des Vertrauens zu  haben. Zwar verrät Wikipedia, dass diesbezüglich ein gewisser Retrotrend zu beobachten ist:

In den 2010er Jahren wurde das Berufsbild des Barbiers in Deutschland wiederbelebt, als immer mehr sogenannte Barbershops gegründet wurden, die sich auf männliche Kundschaft und anspruchsvolle Bartpflege zusätzlich zum Haarschnitt fokussieren.

Das Problem ist, so scheint es mir, dass keinerlei Abgrenzungsgelüste gegenüber des gemeinen Hipsters bestehen dürfen, wenn man ein solches Etablissement aufsucht. Ich würde mich aber auch sonst schwertun damit, nur wegen meines Bartes einen Experten aufzusuchen, weil mir das selbstverliebt und eitel vorkäme. Und was mein Haupthaar angeht, hat sich das so weit zurückgezogen, dass besondere Kunstfertigkeiten zur Pflege nicht mehr vonnöten sind.

In diese Barbier-Lücke könnte somit eine App vorstossen. Zwei habe ich gefunden, die dafür infrage kämen:

Beard Booth Studio – wie ein Anklebebart

Here I come, ladies!

Diese App gibt es kostenlos fürs iPhone und Android. Sie will einem vor Augen führen, wie gut oder schlecht man mit einer bestimmten Bartmode aussehen würde. Dazu macht man ein Foto seines Gesichts, wählt eine Bart aus und – tja, erhält ein Overlay, das man von Hand über sein Kinn zirkelt.

Man kann das Bild des Bartes in der Grösse verändern und drehen – aber das wars dann auch schon. Es ist nicht möglich, den Bart breiter oder schmaler zu machen, um ihn an ein besonders kräftiges oder eingefallenes Gesicht anzupassen.

Annähernd nutzlos wird diese App aber wegen des Umstands, dass sich noch nicht einmal die Haarfarbe verändern lässt. Jeder Bart steht nur in einer einzigen Farbe zur Verfügung, meistens in einer Variante von dunkelbraun, was ein Affront gegenüber allen rothaarigen und blonden Männern ist. Auch die Schwarzhaarigen dürften beleidigt sein.

Und was ist mit uns Graumelierten?

Und sowieso alle Männer mit in fortgeschrittenem Alter, egal, was sie eigentlich für eine Haarfarbe haben: Denn wenn sich Grau in den Bart mischt, verändert das die Wirkung eklatant. Und auch wenn man im Vornherein nicht genau weiss, wie gross der Anteil der grauen Strähnen sein wird, so will man zumindest ein paar von ihnen sehen, bevor man sich die Mühe macht, sich monatelang nicht mehr zu rasieren – nur um dann festzustellen, dass man die Erscheinung eines räudigen Samichlauses abgibt.

Obendrein stellt die App in der Gratisvariante nur neun Bärte zur Wahl (Ando, Bordo, Brother, Chris, Farrel, Grease, Hago, Mylo und Scotty). Für alle weiteren Varianten muss man In-App-Käufe tätigen, wobei es diverse Pakete für jeweils zwei Franken gibt: Saisonale Bärte, Celebrity-Bewuchs, Schnäuze, Sportbehaarung und Wrestler

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass ich in dieser App keinen Kauf getätigt habe.

Grooming – «Hey, schöner Mann»

Diese App, die einen mit den anbiedernden Worten «Hey, schöner Mann» begrüsst – selbst dann, wenn man sich gerade hässlich und unwürdig fühlt –, stammt von Philips und ist gratis fürs iPhone und für Android erhältlich.

Unter uns gesagt: Das sieht echt bescheuert aus.

Der Bartsimulator ist nur eine von mehreren Rubriken: Man erfährt auch, wie man seinen Bart pflegt, wie man ihn rasiert und trimmt, was interessant wäre, wenn die Informationen allgemein gehalten wären.

Aber natürlich beziehen sie sich auf die Rasierapparate des Herstellers, weil diese App selbstverständlich ein Marketing-Vehiekel der Abteilung Philips Consumer Lifestyle ist. Nichts anderes habe ich erwartet. Trotzdem könnte mans auch subtiler machen. Trotzdem; wenn man grosszügig über das Product Placement hinwegliest, ist diese Anleitung nicht ganz nutzlos.

Es gibt auch eine Rubrik, die erklärt, mit welcher Methode man sich überhaupt für die passende Bartmode entscheidet:

Wenn du in Erwägung ziehst, deinen Haar-Style zu ändern, empfiehlt es sich häufig, deinen Friseur um Hilfe zu bitten.

Ähmja, genau das wollte ich vermeiden, ihr Klugscheisser. Aber es gibt dann doch noch einige handfeste Informationen, beispielsweise, dass Leute wie ich mit einem eher schmalen Gesicht sich einen schmalen bis mittelbreiten Schnurrbart wachsen lassen sollten. Damit ist die Sache eigentlich bereits gestorben, weil ich diese schmalen Schnäuze einfach nicht schön finde. Aber egal, es geht hier nicht um mich, sondern um sämtliche Menschen mit Bartwuchs.

Die Männerzeitschrift in App-Form

Ausserdem: Die «fünf zeitlosen Bart-Styles», «Männerpflege aus Sicht eines Herrenfriseurs», «Tipps für den lässigen Dreitagebart», und so weiter Also quasi eine Männerzeitschrift in App-Form.

Nun aber zur Frage, was die Style-Vorschau taugt: Man hat die Auswahl von 22 Varianten, vom runden Bart über den Kinnbart bis hin zum Stiletto, Balbo, und Scruffy. Man kann diese durchwischen, wobei sie automatisch auf dem Gesicht platziert werden – allerdings auch nicht sonderlich genau: In meinem Fall trifft die App das Kinn zwar relativ gut, doch an den Wangen sitzt der Bart zu hoch, was bescheuert aussieht.

Auch bei Philips zeigt sich das Problem, dass ein Kopf ein dreidimensionales Objekt ist, dessen Form obendrein von Mann zu Mann ziemlich grossen Schwankungen unterworfen ist: Man kann zwar ein flaches Bild draufknallen, aber es sieht halt einfach nicht sonderlich überzeugend aus. Eine Textur müsste zumindest ein bisschen verzogen werden, damit sie sich einigermassen den Gesichtskonturen anpasst.

Auch Philips hat noch nichts davon gehört, dass es nicht nur junge Männer gibt

Haarfarbe und -helligkeit.
Und ja, mit diesem Bart würde mich jeder Castingchef als perversen Sittlichkeitsverbrecher nehmen.

Immerhin kümmert sich Philips um die Haarfarbe: Man kann aus vier Varianten (braun, braunrot, rot und blond) auswählen und über einen Regler die Helligkeit wählen. Aber auch in der Welt von Philips gibt es leider nur junge Menschen: Grau oder melierte Bärte stehen nicht zur Disposition.

Was mir an dieser App trotz allem gefällt, ist die Beschreibung, die die Vorzüge und Schwierigkeiten des gewählten Stils beschreibt, einem erklärt, dass schon Will Smith, Brad Pitt und Leonardo Di Caprio damit herumgelaufen sind und einem obendrein ein Video liefert, bei dem man sieht, wie man ihn denn zurechtstutzen würde – natürlich wiederum unter dem Einsatz von Produkten des Herstellers.

Schliesslich gibt es die Möglichkeit, sich den jeweiligen Bartschnitt an einem Model anzusehen, was im direkten Vergleich zu der etwas grobschlächtigen digitalen Haarpracht am eigenen Kinn allerdings eine deprimierende Erfahrung ist.

Fazit: In meinem Fall hat leider kein Erkenntnisgewinn herausgeschaut – was aber eh egal ist, weil meine Frau mich mit Drohungen davon abhält, meinen Bart länger als vierzehn Tage wachsen zu lassen. Womit wir, irgendwie, wieder am Anfang bei der Genderdebatte angelangt wären.

Beitragsbild: Siehst du Philips – diese Männer mit grauen Haaren sind nicht bloss ein Gerücht (Bruno Salvadoria, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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