Ist das das Nonplusultra fürs Radio?

Ich habe Hindenburg getestet, ein Programm für rasende Radioreporter und beantworte die Frage, ob das auch für Podcaster und Videoproduzenten taugt.

2012 habe ich im Beitrag Wie verwegene Kerle ihr Audio schneiden das Open-Source-Programm Audacity vorgestellt. Es ist für die Bearbeitung von Audiodateien zuständig und gehörte bei mir damals trotz der, Zitat, «angestaubten Oberfläche» zu den regelmässig benutzten Anwendungen: Audacity kam mindestens einmal pro Woche zum Einsatz, oft sogar häufiger.

Audacity: Noch so «schön» wie vor zwanzig Jahren.

Daran hat sich in den letzten neun Jahren nichts Wesentliches verändert. Die Oberfläche ist noch immer angestaubt bzw. quasi unverändert. Und ich benutze die Software noch immer regelmässig für die Nachbearbeitung der Nerdfunk-Aufnahmen und meiner (allerdings nicht mehr so häufigen) Video-Voiceovers.

Es ist somit keine Übertreibung, wenn ich sage, dass dieses Programm sich bewährt hat. Trotzdem habe ich neulich ein seit längerem geplantes  Vorhaben in die Tat umgesetzt und mir Hindenburg näher angeschaut. Nein, nicht der Zeppelin – der ist nämlich abgestürzt. Sondern die Software, die aus Dänemark stammt.

Hindenburg ist, anders als Audacity oder meinetwegen auch Adobe Audition kein universeller Audio-Editor, sondern ein Programm, das explizit für Journalisten und Produzenten beim Radio entwickelt wird. Das klingt schon einmal sehr gut: Ein solches, spezialisiertes Programm, kann im Idealfall die Arbeitsabläufe beschleunigen, weil es nicht auf eine riesige Funktionsvielfalt setzt, sondern auf die richtigen Werkzeuge, die schnell und unkompliziert zugänglich sind.

Gut – aber längst nicht perfekt

Das würde mir gut passen, denn so sehr ich Audacity auch schätze; manche Dinge sind verbesserungsfähig. Dazu zähle ich die Filter wie Kompression oder Noisegate oder die Arbeit in der Zeitleiste, wo Audacity nichts Sinnvolles mit den Scrollrädern meiner Logi-Maus anstellt.

Hindenburg bietet im Wesentlichen vier Programme an: Journalist und Journalist Pro und Broadcaster, sowie den Field Recorder fürs iPhone für 29 Franken. Die ersten beiden Programme sind für Reporter-Arbeiten gedacht. Das dritte richtet sich an den Produzenten, der die Beiträge sendefertig macht. Und letzteres ist eine App für die Aufnahme mittels Smartphone, die die ungeschnittenen Audiodateien an die Desktop-Version weiterreicht, wo der rasende Reporter aus ihnen einen fertigen Beitrag stiefelt.

Diese Aufteilung ergibt für klassisch arbeitende Funkhäuser sicherlich Sinn. Doch für mich stellt sich sogleich die Frage, ob diese überhaupt noch existieren, und ob diese klare Rollentrennung nicht längst obsolet ist.

Ich beispielsweise bin Journalist und Produzent in Personalunion: Mal führe ich ein Interview, mal mache ich Aufnahmen sendefertig. Meine häufigste Aufgabe ist, aufgezeichnete Live-Sendungen für eine Wiederholung und für die Veröffentlichung als Podcast aufzubereiten. Ich bräuchte daher alle drei Programme, doch da die Arbeitsprozesse oft nahtlos ineinander übergehen, ist die Aufteilung in separate Anwendungen nicht praktikabel. Ich würde eine einzige Software vorziehen, bei der man meinetwegen zwischen verschiedenen Arbeitsmodi umschalten kann.

«Bitte kontaktieren Sie das Salesteam»

Es ist anzunehmen, dass die Variante für den Produzenten (Hindenburg Broadcaster) den grössten Funktionsumfang hat.

Und in der Tat klingt die Beschreibung dieser Variante interessant: Es gibt Befehle, um den Klang zu optimieren und Aufnahmen zu säubern, und er bringt die Tracks automatisch auf die richtige Lautstärke. Die Auto Level sorgen für Loudness-Compliance gemäss der Europäischen Rundfunkunion, und auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob wir bei Radio Stadtfilter diese Vorgaben einhalten, so wäre es sicher nicht verkehrt, wenn die Software auf sie Rücksicht nehmen würde.

Allerdings gibt es zu Hindenburg Broadcaster noch nicht einmal eine Preisangabe. Statt des Knopfs «Buy Now» erscheint die Schaltfläche «Contact Sales». Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Unternehmen keinen Wert darauf legt, die Software direkt an den Endkunden zu verkaufen. Stattdessen müsste der Technikverantwortliche der Radiostation einen Lizenzdeal aushandeln.

Käuflich zu erwerben sind die beiden Varianten Journalist und Journalist Pro. Die unterscheiden sich erst einmal im Preis: Für die normale Variante zahlt man 94 Franken, für Pro 379 Franken. Die funktionalen Unterschiede sind nicht ganz so leicht herauszufinden; man muss hier und hier die aufgezählten Punkte vergleichen.

Hindenburg Journalist sieht etwas moderner aus und lässt sich effizient benutzen.

Wenn ich das richtig sehe, gibt es bei der Pro-Version exklusiv die Magic Levels für die fortgeschrittene Audio-Nachbearbeitung, die Möglichkeit einer Mehrspur-Aufnahme und Noise Reduction zur Verringerung der Störgeräusche. Last but not least erhalten die Pro-Anwender eine magische Funktion namens Voice Profiler. Sie ist, salopp gesagt, dazu da, die Stimme aufzuhübschen:

Der Voice Profiler gleicht Ihre aktuelle Stimmaufnahme mit einem Referenzton ab. Der Referenzsound könnte eine Aufnahme von Ihnen sein, die zuvor auf Sendung war – oder eine Aufnahme, die in einem professionellen Studio gemacht wurde.

Die Stimme bleibe auch in unterschiedlichen Aufnahmesituationen wiedererkennbar und man höre sich so an, wie man sich selbst gerne hören möchte, lautet das Versprechen. Ich meinerseits behaupte nun, dass genau dieser Voice Profiler das Alleinstellungsmerkmal von Hindenburg ausmacht. Denn wie ich aus gut informierten Kreisen weiss, sind Radiomenschen genauso eitel wie ihre Kollegen aus dem Fernsehen – einfach nicht bezogen aufs Aussehen, sondern auf das Klangvolumen und das erotische Timbre ihrer Stimme, das selbst aus einem scherbelnden Autoradio das Publikum noch betört. Oder so.

So eitel bin ich nun auch wieder nicht

Was mich angeht, ist mir 379 Franken aber zu teuer, Voice Profiler hin oder her. Und ja, mir leuchtet ein, weswegen der Hersteller glaubt, dass es für ihn lukrativer sei, seine Produkte als Profisoftware zu stolzen Preisen zu vermarkten, statt sie so günstig anzubieten, dass auch Hobbyisten, Podcaster oder Audiofreaks sie kaufen würden.

Meines Erachtens liegen CEO Chris Mottes und CTO Preben Friis mit dieser Einschätzung falsch: Ich glaube, dass günstige Software für einen Massenmarkt mehr einbringt als teure Produkte, die aufs Unternehmensumfeld abzielen. Abgesehen davon kann man auch immer zweigleisig fahren: Eine günstige Variante für Amateure, die mit wenig oder gar keinem Support auskommen müssen und eine teure Enterprise Edition, die mittels guten Serviceleistungen die Produktionssicherheit gewährleistet.

An dieser Stelle ist für mich – und für diese Wortwahl muss ich mich schon im Voraus entschuldigen – das Projekt Hindenburg leider schon fast abgestürzt. Für meinen Einsatzzweck passt das Lizenzmodell nicht. So schade das auch ist.

Ich habe mir Journalist in der normalen Version trotzdem angeschaut. Die Oberfläche sieht nun nicht totschick, aber deutlich aufgeräumter aus als bei Audacity. Es gibt vier Standarspuren für Sprache, Interview, Atmosphäre und Musik, die man natürlich auch anders nutzen kann.

Eine Stadtfilter-Aufnahme im Flac-Format wird problemlos und zügig importiert. Die Hüllkurve zeigt nur die obere Hälfte der Audiowelle, was ich als angenehm empfinde – weil man auch ohne Zoomen mehr erkennt.

Salz in meine Wunde

Und – in der Tat – Hindenburg macht genau das mit den beiden Scrollrädchen meiner Maus, was ich mir von Audacity wünschen würde: Das Haupt-Scrollrad zoom zeitlich, das Daumen-Scrollrad verschiebt die Zeitleiste vor und zurück. Andere Dinge gefallen mir etwas weniger: Löscht man einen Teil aus der Aufnahme, rückt der hintere Teil nicht wie bei Audacity nach. Das ist praktisch, wenn man Pausen verkürzen will. Bei Hindenburg könnte man den markierten Teil aber ausschneiden, wodurch die Aufnahme effektiv kürzer wird.

Für jede Spur gibt es einen Lautstärke- und einen Panorama-Regler, einen Aufnahme-, Mute-, Solo- und einen Plugin-Knopf. Plug-Ins sind Audiomodule wie Stimmprofil, Equalizer und Kompressor zur Auswahl hat. Anders als die Filter von Audacity verändern diese Plug-Ins die Originalaufnahme nicht, sondern werden erst beim Export angewendet. Das ist eine nondestruktive Arbeitsweise, die gegenüber Audacity ohne Zweifel ein grosser Vorteil darstellt.

Andererseits bietet der Kompressor nur einen Regler, der sich in acht Stufen von Aus auf Max stellen lässt. Audacity hat in seinem Kompressor-Filter viel mehr Einstellungsmöglichkeiten – wobei es dem Anwender überlassen bleibt, ob er die Einfachheit oder die vielen Optionen lieber mag.

Fazit: Eine spannende Software, leider mit dem falschen Lizenzmodell. Als intuitiv würde ich sie nicht bezeichnen. Manche Dinge, wie zum Beispiel das Anpassen der Lautstärke für einen Abschnitt des Audios, erschliessen sich nicht von allein – ich musste dazu die Hilfe zum Stichwort Fades/Soundbed lesen. Wenn man dort vorgeführt bekommt, wie es funktioniert, dann muss man allerdings anerkennend sagen, dass das bei Hindenburg sinnvoll und effizient funktioniert und sich diese Arbeitsweise in der Praxis bewährt hat. Naja, mal sehen – vielleicht werfe ich die 94 Franken doch noch auf.

Beitragsbild: Radio – wie ein Podcast, nur etwas altmodischer (Fringer Cat, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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